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Diese Wetterfahne in Altschweier im Schwarzwald zeigt zwar nicht, wo das nächste Weinglas steht, aber immerhin erfährt man, woher der Wind weht.
Diese Wetterfahne in Altschweier im Schwarzwald zeigt zwar nicht, wo das nächste Weinglas steht, aber immerhin erfährt man, woher der Wind weht.(Foto: imago stock&people)
Samstag, 23. September 2017

Nebel, Mythen, Irrtümer: Reckewitz räumt auf

Von Heidi Driesner

Müssen Weintrinker Weinkenner sein? Nicht unbedingt, aber ein bisschen Wissen hat ja noch keinem geschadet. Fahrradschläuche haben übrigens wenig mit Wein zu tun, Kaiseradler dagegen viel.

Warum trinkt der Mensch Wein? Blöde Frage! Weil’s ihm schmeckt natürlich. Aber warum schmeckt der Wein so gut (Okay, nicht jeder ...)? Die Beantwortung dieser Frage allerdings füllt viele Seiten von Studien, Doktorarbeiten und Büchern. Mir genügt eigentlich ein einziges Buch, um meine Wissenslücken zu füllen und damit sich auch meine Nebel (nicht zu verwechseln mit benebelt) lichten: Das Buch "Populäre Wein-Irrtümer" von Marcus Reckewitz. Die Tatsache, dass dieses kleine Lexikon in nunmehr schon 8. Auflage im Anaconda Verlag erschienen ist, zeigt, dass ich mit dem Rückgriff auf die unterhaltsame Aufklärungslektüre nicht allein auf weiter Flur bin.

Das handliche Weinlexikon ist im Anaconda Verlag erschienen.
Das handliche Weinlexikon ist im Anaconda Verlag erschienen.(Foto: © Anaconda Verlag)

Wer schon mehr von Reckewitz gelesen hat, weiß, dass auch auf diesen 192 Seiten pure Fabulierkunst wartet. Natürlich in anregender Paarung mit fundiertem Wissen! Hier kommen alle auf ihre Kosten: Der Neugierige, der wissen will, warum der Wein so und nicht anders schmeckt, und der Angeber, der auf der nächsten Party glänzen will. Und alle miteinander: Damit sie nun wissen, was sie glauben dürfen und was lieber nicht. Mit großem Vergnügen räumt Reckewitz mit allen gängigen Wein-Mythen und -Irrtümern auf und spart dabei nichts aus. All die Stolpersteine, die Otto Normalverbraucher daran hindern, die ungeheure Vielfalt im Weinglas zu entdecken, die Unsicherheit, die ihn nur bis zum Weinregal im Supermarkt kommen lässt und den Weg zum Weinhändler oder gleich zum Winzer verbaut – diese "Zwangsamputation der Möglichkeiten" schaufelt der Autor beiseite und sorgt für unkomplizierten Weingenuss und barrierefreien Zugang zur nächsten Vinothek. Für diesen Bestseller gilt wie für Reckewitz‘ Neuling "Über die Kunst der Trunkenheit": Am besten zusammen mit einem Gläschen genießen, in diesem Falle natürlich Wein.

Fazit schon nach den ersten Seiten: Wenn das Aroma des Weins meinem Gaumen gefällt, gefällt er vor allem meiner Nase. Ja, ja – für diese Hausfrauenweisheit brauchen Sie nicht den Reckewitz! Ist klar; aber können Sie auch auseinanderklamüsern, was genau Sie da riechen und vor allem warum? Brombeere, Pflaume, Kirsche, Pfirsich oder Melone – allerlei primäre Fruchtaromen erschnuppern auch schon mal "gewöhnliche" Riechkolben. Natürlich wissen Sie, dass das Sammelsurium der Aromaverbindungen im Wein nichts als Chemie ist, ein bisschen Unterrichtsstoff ist ja wohl hängen geblieben – Ester und so. Dem Berufs-Riecher (Schnüffler wäre in diesem Zusammenhang unangebracht) kriechen aber auch schon mal Galle, Tabak oder menschlicher Schweiß (!!!) aus dem Weinglas in die Nüstern. Ihnen nicht? Mir auch nicht. Auch nach Fahrradschlauch darf ein Wein mitunter "duften", was Sie aber ebenfalls nicht zwangsläufig erschnuppern müssen. Nur Pferdeschweiß hat so ein Wein nicht drauf; wenn Sie den riechen, ist was faul im Glase. Mir fallen noch so einige unangenehme Gerüche ein, die ich nicht mal ohne Wein in die Nase bekommen möchte. Lassen wir das ...

Ich jedenfalls fühlte mich bei Weinproben und -messen oft genug fast aussätzig, irgendwie an den Rand der Gesellschaft gespült, wenn ich all die Kenner und Könner über ihren Gläsern röcheln hörte, wie sie einen "wönzigen Schlock" im Munde schlürfend hin- und her spülten, darauf herumkauten wie auf einem Aeroflot-Gummiadler, um ihn dann geräuschvoll auszuspucken. Ich konnte immer nur sagen, der Wein schmecke mir nicht (ohne zu spucken). Oder eben: Duftet gut und schmeckt mir gut – darum geht es doch schließlich! Die Tatsache, dass ich den Fahrradschlauch im Glas nicht riechen konnte, bereitete mir zwar nicht gerade schlaflose Nächte, aber sie zerrte dennoch an meinem Ego. Dank Reckewitz weiß ich endlich: Ich bin nicht zu blöd zum Riechen! Schuld daran ist lediglich der Umstand, dass ich nicht ständig mit der Nase an meiner Radl-Bereifung herumschnüffle und deshalb diesem gesichtsmittigen Sinnesorgan jegliche Möglichkeit nehme, sich unentwegt an eben jenem Aroma zu ergötzen und die Duftwahrnehmung geradewegs zur Goßhirnrinde zwecks Speicherung zu schicken. Weil im Garten meine Nase mehr in Erdnähe und in der Küche mehr in Gewürznähe schwebt und gaaanz selten mal am Auto- oder Fahrradreifen, erkenne, besser errieche ich im Wein eher mineralische Nuancen oder Zimt, Vanille, Pfeffer. Denn solche Gerüche sind in meinem Kopf gespeichert. Apropos: Den Duft von Birne im Wein erkenne ich auch! Oder wie schreibt Reckewitz: "... lassen Sie sich von den Profinasen nicht irritieren. Verlassen Sie sich auf Ihren eigenen Riechkolben. Und seien Sie glücklich, wenn Sie nur Brombeeren riechen. Und nicht Fahrradschlauch. Fahrradschlauch ist nicht so wichtig!"

"Wissen! Und nicht glauben."

Genau darum geht es Marcus Reckewitz, um Aufklärung und Erklärung – und das alles heiter und witzig und absolut schlüssig. Zum Beispiel die Sache mit den Drehverschlüssen. Da mir die Erhaltung der Natur eine Herzensangelegenheit ist, war auch ich immer der Meinung, die Produktion von 10 Milliarden Korkverschlüssen jährlich ist Raubbau an den Korkeichenwäldern in Portugal, Spanien und anderswo. Die armen Bäume, denen Jahr für Jahr 300.000 Tonnen Rinde vom Stamm geschält wird usw. Denkste, Puppe! Ein ökologisches Horrorszenario droht laut NABU und WWF nicht wegen kapitalistischer, sondern wegen mangelnder Ausbeutung. Korkwälder stellen weltweit einen einzigartigen, unbedingt erhaltenswerten Naturraum dar – und es gibt sie aber nur, weil sie gebraucht werden: Etwa 75 Prozent der Korkernte werden zu Weinverschlüssen verarbeitet. "Mehr als die Hälfte der im Mittelmeerraum existierenden Pflanzenarten kommt allein in den Korkwäldern vor", schreibt Marcus Reckewitz. "Die Bäume halten das Erdreich, schützen vor Erosion. Der vom Aussterben bedrohte Kaiseradler findet hier Nistplätze, der Iberische Luchs, ebenfalls vom Aussterben bedroht, sein letztes Rückzugsgebiet. ... Und all das würde verschwinden, Verwüstung würde drohen, wenn die Korkbauern in ihren Wäldern die Säge kreisen lassen, weil sich das Schälen der Korkeichen nicht mehr lohnt." Mehr noch: Allein die portugiesischen Korkeichenwälder schlucken jährlich knapp 5 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Dagegen wird mehr als viermal so viel Kohlendioxid bei der Produktion der im Vormarsch befindlichen Drehverschlüsse freigesetzt wie bei der Herstellung eines Naturkorkens. Mittlerweile werden nur noch 70 Prozent aller Weinflaschen mit einem echten Korken verschlossen – wo die Reise endet, weiß heutzutage keiner. "Wein saufen für den Naturschutz!", appelliert Reckewitz. Natürlich aus Flaschen mit einem Kork-Korken.

Marcus Reckewitz lädt ein zu einer sehr vergnüglichen literarischen Weinverkostung.
Marcus Reckewitz lädt ein zu einer sehr vergnüglichen literarischen Weinverkostung.(Foto: © Reckewitz privat)

Ist das nun auch Wasser auf die Mühle der Verteidiger atmender Weine? Was Reckewitz über das "zarte Heben und Senken der Flaschenbäuche" schreibt, über die Weinflaschen, "die im Regal rumlümmeln und durch den Naturkorken über die Jahre hinweg in tiefen, langen Zügen Sauerstoff ziehen wie Müßiggänger in Oriental Lounges an ihren Shishas", ist zum Schenkelklopfen amüsant. Obwohl Sauerstoff generell ein Weinkiller ist, hält sich der Mythos über die Pflicht des Atmens hartnäckig. Da sind wir auch schon beim Dekantieren. Das hat nicht nur mit dem Alter des Weins, sondern auch mit dem des Trinkers zu tun. Glauben Sie nicht? Müssen Sie halt lesen! Auch, dass Spucken zwar unschicklich, aber für Winzer, Sommeliers und dergleichen lebererhaltend, bei "Degustationshengsten" aber Angeberei ist. Der wissens- und weindurstige Leser erfährt, was Licht mit dem Wein und vor allem mit dem Weintrinker macht, dass die schon erwähnten Glas- und Drehverschlüsse keinesfalls ein Garant für den Garaus eines Korkschmeckers sind oder warum Discount-Weine von Natur aus keine Geschmacks-Offenbarung sein können. Deren Kauf sei lediglich ein weiteres Beispiel für diese "typisch deutsche und eine gleichermaßen perverse Lust an der Selbstinszenierung der eigenen Kulturlosigkeit". Für 2,99 Euro oder noch weniger kann kein Winzer einen anständigen Wein produzieren. "Zu solchen Preisen sollten sich die Trauben eigentlich weigern zu wachsen", schreibt Reckewitz. Mir aus dem Herzen,gesprochen - und auszudehnen auf Hühnchen, Kuh & Co.

Lagerung und Libido, Bocksbeutel und Boden, Kochwein und Klimaerwärmung, Edelfäule und Etiketten, Weinprobe, Weinkeller und Weinhandel, Temperaturen und Tannine, Silberlöffel im Flaschenhals und Zucker im Wein ... Ich kann hier unmöglich alles aufzählen, was Sie besser wissen und nicht glauben sollten. Man kommt aus dem Staunen nicht heraus, wie vielfältig und hartnäckig alte und neue Weinmärchen sind – und was Reckewitz einfach so wegfeudelt an falschen Wahrheiten. Die Kapitel mit dem Großreinemachen lösen sich ab mit Kuriositäten: Was Atombomben mit Wein zu tun haben, warum Chinesen Steckdosen zur Reifung brauchen, ob ein Dudelsack Wein auf Zack bringt oder ob Weine flugtauglich sind und dergleichen mehr.

Wer nicht genug von Marcus Reckewitz kriegen kann: Der Mann hat hat zahlreiche anekdotische Sachbücher zu kulinarischen Themen veröffentlicht, darunter "Von Absinth bis Zabaione – Wie Speisen und Getränke zu ihrem Namen kamen", "Champagner, Trüffel und Tatar", "Safran, Sushi und Prosecco" oder auch "Verführung à la Carte. Berühmte Liebespaare und ihre Rezepte". Reckewitz studierte Geschichte Politik und Kunstgeschichte in Bonn und Köln. Er lebt als Autor und freier Lektor in Bonn und Berlin.

 

Quelle: n-tv.de

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