Unterhaltung
Der Wunderblutschrein ohne Hostien: Ob's noch klappt mit dem Sündenablass?
Der Wunderblutschrein ohne Hostien: Ob's noch klappt mit dem Sündenablass?(Foto: picture alliance / dpa)
Samstag, 27. Dezember 2014

Liebe auf den zweiten Blick: Sünden lässt man am besten in der Prignitz

Von Heidi Driesner

Der nordwestlichste Zipfel Brandenburgs ist nichts für Weicheier. Vom Wandern oder Radeln tun einem die Waden weh, das Nationalgericht kniepert im Bauch und ziemlich alleine auf weiter Flur ist man auch.

Die Prignitz im Land Brandenburg ist nicht gerade ein Landstrich, der scharenweise Touristen in seinen Bann zieht. Wer aber Ruhe sucht, der findet sie hier in der flachen Gegend, die zu den am dünnsten besiedelten Gebieten Deutschlands zählt. Und zwar mehr, als einem lieb ist. An den Weihnachtsfeiertagen sinkt hier fast alles in eine Art Winterschlaf, es fehlen selbst die sprichwörtlichen Fuchs und Hase zum Gutenachtsagen. Schnucklige kleine Landgasthöfe haben die Fensterläden dicht und oft bis zum Jahreswechsel zu, selbst "der Chinese" in Neuruppin glänzt durch Abwesenheit - und der pflastermüde Gast steht im winterlichen Regen und hat Hunger. Man ist also gut beraten, immer eine Notration im Rucksack oder Auto zu haben.

Weit geht der Blick in der Prignitz. Wenn er nicht vom Nebel gebremst wird.
Weit geht der Blick in der Prignitz. Wenn er nicht vom Nebel gebremst wird.(Foto: imago stock&people)

Allerdings, so wissen Kenner der Materie, hat ein Aufenthalt in der Prignitz nicht immer etwas mit Survivaltraining zu tun (doch auch das hat ja noch keinem geschadet), sondern ist in der Radfahrsaison recht beliebt. Das Radwegenetz ist sehr gut ausgebaut und garantiert erholsames Radeln auf Wegen ohne nennenswerte Steigungen und abseits großer Straßen. Aber jetzt haben wir Winter und nasskaltes Wetter - und zum Glück Bad Wilsnack, das, wie ja schon der Name verspricht, gut sein soll für die Gesundheit.

Die kleine Stadt ist von Wald umgeben, der zu Wanderungen in der sauberen, sauerstoffreichen Luft einlädt. Bereits vor 1900 war die Stadt als Luftkurort beliebt. Mit der Entdeckung eisenoxidhaltiger Moor-Erde begann die Entwicklung zur Kurstadt. Die Moorbadeanstalt wurde 1907 eingeweiht und 1929 wurde ein Sanatorium errichtet: Die Stadt durfte fortan den Titel "Bad" tragen. Heute bieten in dem staatlich anerkannten Thermalsole- und Moorheilbadeort die Elbtalklinik und die Kristall Kur- und Gradiertherme ein breites Spektrum an Kuren und Behandlungen. Neuestes Highlight in der Therme ist ein Salzsee mit 24-prozentiger Sole, der notfalls die teure Reise ans Tote Meer erspart.

Hier allerdings ist’s mit der Prignitzer Ruhe vorbei, all die auf den Straßen vermissten Menschen scheinen gleichzeitig in den Thermalbecken zu plantschen. Kein Wunder bei dem Wetter! Einmalig, jedenfalls für das Land Brandenburg, ist das unmittelbar an der Therme gelegene Gradierwerk. Über spezielles Edelreisig verdunstet das jodhaltige Thermalsole-Heilwasser; wer tief einatmet verspürt einen Meeresluft-Effekt und die Bronchien freuen sich. Thermenbesucher haben diesen Effekt auch am Salzsee: Ein Teil des Sees ist mit einer großen durchsichtigen Kuppel überdacht, in deren Mitte ein Mini-Gradierwerk integriert ist. Das ist auch einmalig, in diesem Falle deutschlandweit.

Genauer hinsehen lohnt sich

Ein altes Fachwerkhaus in der Prignitz.
Ein altes Fachwerkhaus in der Prignitz.(Foto: imago stock&people)

Die Reize der Prignitz erschließen sich nicht auf den ersten Blick, aber wer weite Wiesen und Äcker, Wälder und eine landschaftlich intakte Umwelt liebt, der fühlt sich hier wohl. Biber und Störche, Seeadler und Fischottern sind hier zu Hause. Kulturinteressierte finden mittelalterliche Stadtkerne und Rundlingsdörfer, bäuerliche Fachwerkhäuser, Burgen und Herrenhäuser. Albert Pietsch, selbst "Zugereister", beschrieb die Prignitz so: "Sie ist kein rassiges Weib, das durch Grazie und Schönheit betört oder durch eine feurige Seele berauscht. Eine Frau ist sie, die man liebt, weil sie eine so gesunde Mischung ist, blondes Haar und braune Augen, nüchterner Verstand und warmer Instinkt, kräftige Arme und heiterer Sinn." Schöner kann eine Liebeserklärung gar nicht sein! Pietsch kam 1934 in die Prignitz, blieb, wurde Professor und war bis 1952 als Lehrer tätig.

Die Prignitz ist eine Grenzregion, dieser nordwestlichste Teil Brandenburgs stößt an Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Hier verlief also auch ein Teil der innerdeutschen Grenze, nämlich entlang der Elbe. 25 Jahre später sind die Elbtalauen Teil des "Grünen Bandes Deutschland" und ein Eldorado für seltene Tiere und Pflanzen. Entlang der Elbe, auf insgesamt 400 Flusskilometern in fünf Bundesländern, erstreckt sich das Biosphärenreservat "Flusslandschaft Elbe", 1997 von der Unesco anerkannt. Es ist das größte im Binnenland gelegene Biosphärenreservat Deutschlands und repräsentiert eine der letzten naturnahen Stromlandschaften Mitteleuropas. Der brandenburgische Teil, der in der Prignitz verläuft, reicht über 70 Elbkilometer.

Für Wanderer zu Fuß oder per Rad bietet die Prignitz eine weitere Besonderheit: Hier begegnen sich Havel und Elbe. Wer bei Abbendorf auf dem Deich steht, sieht zuerst auf die Havel, dahinter fließt die Elbe. Beide Flüsse trennt nur ein schmaler grüner Streifen. Der Anblick ist selbst bei miesestem Regenwetter und böigem Wind, der einen fast umhaut, zu empfehlen. Und es regnet wirklich nicht immer in der Prignitz! Die Havel, die von Berlin kommend die Spree im Gepäck hat, fließt in der Prignitz an mehreren Stellen in die Elbe; der letzte Arm mündet bei Quitzöbel in den drittgrößten Fluss Deutschlands. Jahrhundertelang war das Gebiet zwischen Havelberg und Rathenow von Überschwemmungen betroffen: Die Elbe drückte bei Hochwasser ihre Wassermassen rückwärts in die Havel hinein und überschwemmte alles weit und breit. Die Schleuse Havelberg, der Gnevsdorfer Vorfluter und mehrere Wehre sorgen heute zusammen mit umfangreichen Deichanlagen für einen entsprechenden Schutz. Gnevsdorf ist inzwischen ein Ortsteil von Rühstädt, das als "Europäisches Storchendorf" bekannt ist.

Nicht nur für arme Sünder

Wunder gibt es immer wieder.
Wunder gibt es immer wieder.(Foto: picture alliance / dpa)

Nicht nur Ruhe und Beschaulichkeit findet man in der Prignitz, sondern auch viel Historisches. Rom, Santiago de Compostela oder Lourdes sind nicht nur Pilgern gut bekannt - aber im Mittelalter kamen jedes Jahr Pilger aus ganz Nord- und Mitteleuropa nach Wilsnack in der Prignitz und machten den Ort zum drittgrößten Wallfahrtsziel Europas. Das weiß heute kaum noch jemand, dabei lässt es sich immer noch gut von Berlin nach Bad Wilsnack pilgern. Die 130 Kilometer können zu Fuß oder per Rad auf einsamen Feldwegen, durch Wälder und Wiesen, entlang malerischer Alleen zurückgelegt werden. In Bad Wilsnack beeindruckt dann die monumentale spätgotische Hallenkirche "St. Nikolai", besser bekannt als "Wunderblutkirche", denn ein "Wunder" riss das damalige Dorf aus seiner Abgeschiedenheit und machte es zu einer bedeutenden mittelalterlichen Pilgerstätte.

Urkundlich erstmals erwähnt wurde Wilsnack 1383, denn da begann das "Wunder", als der böse Ritter Heinrich von Bülow den Ort niederbrennen ließ. Auch die alte Dorfkirche brannte ab. Einige Tage nach dem Schurkenstück fand der Pfarrer Johannes Cabbuez beim Aufräumen der Kirchentrümmer drei Hostien, die dem Feuer widerstanden hatten. Auf "wunderlike Wys unde von gödliker Schickunge" befand sich auf jeder Hostie ein roter Blutstropfen. Dabei konnte es sich ja nur um Blut aus den Wunden Christi handeln, "Wunderblut" also! Natürlich passierten dann auch "wundersame Heilungen" und das Geschehen um das Wilsnacker Hostienwunder verbreitete sich in Windeseile. Eine neue Kirche wurde gebaut, viel größer und prächtiger als die alte, und aus Deutschland, Böhmen, Ungarn, Polen, den Niederlanden, den skandinavischen und anderen Ländern pilgerten Menschen zum Heiligen Blut. Die Bischöfe von Brandenburg, Havelberg und Lebus, der Erzbischof von Magdeburg und später auch die römische Kurie versprachen den Wilsnack-Pilgern den Ablass ihrer Sünden. Der Ablasshandel blühte, Kirche und Ort verdienten nicht schlecht daran. Eine Umrundung der Kirche ersparte 42 Tage Fegefeuer, aber kostenlos war das alles nicht. Das Prignitzer Dorf entwickelte sich zu einer blühenden Wallfahrtsstadt, deren gesamtes Wirtschaftsleben auf den Pilgerverkehr ausgerichtet war. Noch im 16. Jahrhundert bestand Wilsnack vorwiegend aus Herbergen und Gasthöfen.

An der Fassade des neugestalteten Bahnhofs wird die Geschichte Bad Wilsnacks erzählt.
An der Fassade des neugestalteten Bahnhofs wird die Geschichte Bad Wilsnacks erzählt.(Foto: Driesner)

Dann machte ein gewisser Martin Luther von sich reden, der gegen den unwürdigen Ablasshandel wetterte. Es dauerte ein Weilchen, bis die Reformation auch nach Wilsnack kam. Als der erste protestantische Prediger Wilsnacks, Joachim Ellefeld, 1552 die drei Bluthostien verbrannte, war Schluss mit Ablass. Auch der Pilgerstrom versiegte, damit der Geldsegen, und Wilsnack versank wieder in Bedeutungslosigkeit. Erst mit der Entdeckung einer anderen Möglichkeit zur "wundersamen Heilung" geht es wieder aufwärts: 1906 entdeckt der Stadtförster Friedrich Wilhelm Gustav Zimmermann auf den Wiesen beim Flüsschen Karthane heilkräftige Moorerde mit einem Eisenoxidgehalt von 28,72 Prozent: Wilsnack wird Kurbad. Ende der 90er Jahre werden die Bohrungen nach Thermalwasser erfolgreich abgeschlossen und die Therme und das Gradierwerk können errichtet werden. Wunder verspricht heute niemand mehr, aber Verbesserungen bei Erkrankungen an Knochen, Gelenken, Haut und Atemwegen können durchaus erreicht werden. Und wer’s nicht lassen kann, darf durchaus auch heute noch die "Wunderblutkirche" umrunden; zudem Bewegung ziemlich gut ist für die Gesundheit. Ob man allerdings von allen Sünden reingewaschen ist, darf bezweifelt werden. Es sei denn, es regnet so wie an diesen Weihnachtstagen anno 2014 ... Der Wunderblutschrein aus dem 15. Jahrhundert hat die Reformation überstanden, ihn gibt’s heute noch in St. Nikolai zu bestaunen. Ohne die wundertätigen Hostien.

Kein Karnickelfutter: Knieperkohl

Da der Mensch nicht nur wallfahren oder sich im Thermalwasser oder Moorbad aalen soll, sondern auch essen muss, hält die Prignitz eine Spezialität bereit: den Knieperkohl. Das "Nationalgericht" wird vor allem von November bis März serviert. Die ultimative Lösung für Touristen: Knieper im Glas; in Zeiten des Internets auch von dort zu beziehen.

Katze Hanni mit dem Mitbringsel aus der Prignitz.
Katze Hanni mit dem Mitbringsel aus der Prignitz.(Foto: Driesner)

Knieperkohl wächst nicht auf dem Feld, sondern ist meistens eine Mischung aus 60 Prozent Weißkohl, 30 Prozent blauem Markstammkohl und 10 Prozent Grünkohl, zusammen mit Wein- und Kirschblättern vier bis zehn Wochen milchsauer vergärt. Ehemals war der "Suernknieper", wie die Spezialität auf Platt heißt, ein Arme-Leute-Essen, geboren aus der Not. Als es nach dem Dreißigjährigen Krieg nicht mal mehr Weißkohl gab, um daraus Sauerkraut für den Winter zu machen, entschlossen sich die Prignitzer, blauen Stangenkohl zu säuern, der eigentlich reines Viehfutter ist. In späteren Jahren wurden die Rezepte mehr und mehr verfeinert. Irgendwann geriet der Knieperkohl fast in Vergessenheit, doch heute wird die Kohlmischung von einigen Produzenten in der Prignitz nach jahrhundertealter Tradition wieder hergestellt. Natürlich ohne Konservierungsstoffe. Verarbeitet wird nur frischer Kohl nach dem ersten Frost, der den Blättern eine feine Süße verleiht. Da die Knieper-Herstellung nicht jedermanns Sache ist, lieber in die Prignitz fahren und ein paar Gläser kaufen. Oder im Internet-Handel bestellen. Den Kohl im Glas gibt es roh oder fertig gebacken.

Das Prignitzer Nationalgericht ist nichts zum Abnehmen, denn das deftige Essen sollte ja hart arbeitenden Menschen die nötigen Kalorien liefern. Zum Kohl gehören Speck, Kassler, Knackwürste oder Eisbein - die Prignitzer sagen: Alles, was fett ist und Rauch hat. Die ganze Herrlichkeit bäckt dann im Ofen vor sich hin. Von dem säuerlichen Geschmack ist nach dem langen Schmoren nicht mehr viel übrig. Seinen Namen hat die fettreiche Angelegenheit übrigens von gewissen Verdauungsproblemen: Wenn’s im Bauch kniepert, dann war’s der Knieper und man hat zu viel davon gefuttert.

Prignitzer Knieper

Zutaten (4 Pers):

1 kg rohen Knieperkohl im Glas
300 g Schweinebauch
200 g durchwachsenen Speck
100 g Schweineschmalz
4 Knackwürste (Lungwürste, Kohlwürste)
3 Zwiebeln
2 Lorbeerblätter
5 Pimentkörner
Salz, Pfeffer

Zubereitung:

Den Schweinebauch in 4 Scheiben schneiden und mit den geviertelten Zwiebeln und den Gewürzen zu einer kräftigen Brühe kochen. Ist die Brühe fertig, das Fleisch herausnehmen und beiseite legen. Die Brühe durch ein Sieb gießen. Man benötigt etwa 200 ml fertige Brühe.

Den Bauchspeck in Scheiben schneiden und damit eine Schmorpfanne auslegen. Darauf den Kohl geben, auf dem Kohl das Schmalz verteilen. Die Brühe angießen und alles zugedeckt etwa 2 Stunden bei 160 Grad im Ofen köcheln lassen. Dann den Deckel entfernen und die Würste und den zuvor in der Brühe gegarten Schweinebauch auf dem Kohl verteilen und ohne Deckel nochmals 1 Stunde im Ofen backen lassen.

Die Würste und den Schweinebauch auf 4 vorgewärmte Teller geben. Jetzt erst den Kohl in der Pfanne umrühren (damit sich der Rauchspeck vom Boden verteilt) und gegebenenfalls mit Salz und Pfeffer nachwürzen. Bei Bedarf mit etwas Zucker abschmecken. Jeweils Kohl zu dem Fleisch und den Würsten geben und mit Pell- oder Salzkartoffeln servieren.

Viel Erfolg wünscht Ihnen Heidi Driesner. Und mit Bedacht genießen - es sei denn, Sie sind eine hartgesottene Natur oder haben ein Örtchen in der Nähe.

Quelle: n-tv.de