Essen und Trinken

Verachtet mir die Dicken nicht! Total neben der Norm

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"Pinocchios Abenteuer" am Chemnitzer Opernhaus. Übrigens wird jeder Mensch etwa 200 Mal am Tag belogen ...

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Man tut ihr Unrecht, denn eigentlich ist die Gurke ein anständiges Gemüse. Doch hierzulande wird mit dem zarten Wesen arg Schindluder getrieben, selbst Politiker vergessen ihre (doch hoffentlich) gute Kinderstube und sprechen abfällig von "Gurkentruppe”. Damit meinen sie weder sich selbst noch die Gewächse auf dem Feld, sondern den politischen Gegner. Meistens. Mitunter vergreifen sie sich damit auch am Bundesgenossen.

Die Truppe, die da so herumgurkt, wird niedergemacht, weil unfähig. Und es geht noch weiter mit dem verbalen Missbrauch: Gurke ist auch Synonym für eine zwar ansehnliche, aber nicht gerade hübsche Nase oder auch für einen komischen Kauz. In manchen Landstrichen hat man einen an der Waffel, in anderen an der Gurke. Ist das noch derselbe Teil des menschlichen Körpers? Ich verlasse hier sicherheitshalber anatomische Untiefen.

Selbst für die Emanzipation muss die Gurke herhalten. Die Medienfrauen der öffentlich-rechtlichen Sender (die privaten laufen zum Glück außer Konkurrenz, sonst würde die ganze Sache wohl zu sehr ausufern…) verleihen jährlich eine "Saure Gurke” an eine besonders frauenfeindliche Produktion ihrer Anstalten. Am erstmals 1980 verliehenen Preis hat übrigens der heutige Papst Benedikt XVI. einen gewissen Anteil, damals noch Josef Kardinal Ratzinger. Die jüngste "Saure Gurke” 2009 hat ein "Tatort” eingeheimst, zu meinem Bedauern, denn mein Favorit wäre mal wieder "Wetten, dass …” gewesen. Immerhin gab’s einen Trostpreis dafür, dass die (Eurovisions-)Welt nun weiß, dass man Frauen auch an ihren blau besprühten Hinterteilen erkennen kann! War da nicht irgendwann auch noch mal was mit dem weiblichen Schweiß-Duft aus Gummistiefeln? Der Schnüffel-Experte lag wohl 2009 zeitlich nach der Preisverleihung. Da habe ich ja noch Hoffnung…

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Eine wie die andere - das freut die Verpackungstechnologen.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Gurken sind so wichtig, dass die Europäische Union ihnen eigene Beschlüsse widmet. Die Verordnung Nr. 1677/88/EWG setzte seit 1988 die Merkmale der Gurken für Handels-Güteklassen fest. Berühmt-berüchtigt wurde die "Gurkenverordnung” vor allem deshalb, weil sie den Krümmungsgrad einer Super-Gurke auf maximal zehn Millimeter auf zehn Zentimeter Länge festschrieb. Kein Wunder, dass dieser Blödsinn 20 Jahre lang Kabarettisten die steilsten Vorlagen lieferte und als Synonym für die Bürokratie Brüssels gilt. Die Vorlage beschrieb auf fünf Seiten Mindestgewicht, Färbung und Krümmung der Gurken für die Güteklassen 1 bis 3. Die EU-Kommission setzte die Verordnung 2009 - übrigens gegen den Willen der meisten der 27 Mitgliedsstaaten - außer Kraft. Doch der Handel bedient sich weiterhin der Norm, da es vor allem Discountern um die Effektivität geht: Krumme Gurken lassen sich schlechter stapeln. Oder haben Sie schon mal krumme Gurken im Supermarkt entdeckt?

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Glückliche Gurken dürfen auch krumm sein.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ich will heute ein Lanze für die Gurken brechen, vor allem für die, die aus der Norm fallen. Zum Glück greift die nämlich nur für die langweiligen, weil stets gleich aussehenden Salatgurken, die "Schlangengurken". Für die kleinen, krummen Einlegegurken gilt sie nämlich nicht, ebenso wenig für die Schmorgurken, auch Landgurken genannt. Die sind meistens dick und leicht gelblich und haben dazu auch noch "Pickel” (Warzen). Macht überhaupt nichts, die dicken Dinger sind geschmort sehr schmackhaft. Nur zum Schmoren taugen sie - das aber vorzüglich. Der leicht säuerliche Geschmack ist nicht jedermanns Sache. Ich stand den "Dicken Pickligen” auch immer sehr skeptisch gegenüber, bis mich meine Schwester mit ihren "Schmorgurken Spreewälder Art” überzeugt hat. In der Spreewaldstadt Lübben gibt’s sogar nicht nur Schmorgurken im Topf, sondern auch auf der Bühne, die "Singenden Schmorgurken” nämlich, eine Handvoll Männer. Auch nicht jedermanns Sache …

Zutaten (4 Personen):

1,5 kg gelbe Landgurken
150 g durchwachsener Speck
2 Zwiebeln
1 TL Zucker
Essig, Salz, Pfeffer
etwas Mehl oder Kartoffelmehl
bei Bedarf ¼ l Fleisch- oder Gemüsebrühe

Zubereitung:

Die Gurke von der Blüte zum Stiel schälen und auf Bitterstoffe prüfen. Bitteres wegschneiden. Die Gurke halbieren und die Kerne mit einem Löffel herausschaben. Die Kerne bei Schmorgurken sind meistens hart und werden auch durch die Hitze nicht weich.

Die Gurkenhälften in grobe Stücke oder Scheiben schneiden, etwa salzen und mit Essig beträufeln und stehenlassen.

In der Zwischenzeit den Speck würfeln, auslassen und darin die gewürfelten Zwiebeln anbraten. Dann den Zucker darin etwas bräunen. Die Gurkenstücke mit ihrem Saft zugeben, mit etwas Mehl bestäuben und zugedeckt eine Viertelstunde schmoren lassen. Wer mehr Soße haben will, gießt zwischenzeitlich noch Brühe hinzu.

Zum Schluss mit Pfeffer und evtl. nochmals mit Salz und Essig abschmecken, gegebenenfalls noch einmal etwas andicken.

Dazu schmecken am besten Kartoffeln. Mancher bevorzugt Salzkartoffeln, andere Kartoffelpüree. Im Spreewald isst man dazu traditionell Pellkartoffeln.

Tipp: Variieren lässt sich der Geschmack durch das Mitschmoren von 3 bis 5 abgezogenen und gewürfelten Tomaten oder/und die Beigabe von gehacktem Dill (zum Schluss). Die Gemüse/Fleischbrühe lässt sich durch Milch ersetzen.

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(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Viel Spaß mit der "Gurkentruppe” wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de