Essen und Trinken

Das zerrissene Land Von Karl bis Roland

Hessen hat's nicht einfach. Schon Herzog Philipp der Großmütige machte seinem Namen alle Ehre, vererbte 1567 seinen Söhnen je ein Stück Hessen und vierteilte so das Land. Später gab's nach Erbstreitigkeiten nur noch zwei Stück Hessen, die sich aber nicht grün waren und sich daher sehr unterschiedlich entwickelten. 1866 ging ein Hessen-Stück in preußischen Besitz über, das andere blieb selbständig. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg fand das Dilemma ein Ende, und seit 1946 gibt es das Land Hessen. Allerdings: Die Region Rheinhessen ging dabei an Rheinland-Pfalz verloren …

Kein Wunder, dass es weder den typischen Hessen noch die typische hessische Küche gibt. Als ich bei meiner sonntäglichen Suche nach einem Rezept auf den Satz stieß "Die hessische Küche zeichnet die politischen Zersplitterungen … nach", wobei ich die Ideenfindung ständig durch wegen der spannenden Hessen-Wahl unterbrechen musste, war klar: Es muss in dieser Woche ein Rezept aus Hessen sein. Außerdem wollte Roland Koch auch mal Koch werden, leider nur als kleiner Junge. (Übrigens auch Polizist, das kann man sich ja denken.)

Es geht in Hessen und seinen Küchen also deftig zu. Immer gut gewürzt. Den Nicht-Hessen fallen zuallererst Frankfurter Würstchen, Äppelwoi und Grüne Soße ein. Selbstverständlich ist das nicht alles, was dort auf den Teller bzw. in den Bembel kommt. (Pardon, in den Bembel kommt natürlich NUR der Apfelwein und nie und nimmer ein anderes Getränk!). Äppelwoi dürfte wohl auch das Mittel sein, alle Hessen zu einen, ob Bergstraßen-Bewohner, Frankfurter oder Vogelsberger. Ob man das saure (der Hesse sagt natürlich "herbe") Gesöff mag oder nicht, das ist egal - ist man in erster Linie Hesse und besinnt sich auf die 500-jährige Tradition. Da setzt sich das ganze Land geschlossen gegen EU-Bürokraten zur Wehr und darf fürderhin den Woi Woi nennen, obwohl nach Brüsseler Auffassung Wein nur aus Trauben kommt. Denkste! Äppelwoi ist halt gewöhnungsbedürftig. Die wenigen Hessen, die zu meinem Bekanntenkreis gehören, meinen immer tröstend, dass sich selbst der Preuße nach dem fünften Bembel an den Geschmack gewöhnt hat. Dabei haben sich einige von ihnen selbst noch nie daran gewöhnt!

Natürlich gibt es in Hessen auch "richtigen" Wein. Dafür ist das Land weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt. Genauer gesagt, um bei der berühmt-berüchtigten hessischen Zerrissenheit zu bleiben, ist es der Rheingau, aus dem ein wunderbarer Riesling kommt, der auf 80 Prozent der Weinanbauflächen wächst. Und hier, nämlich auf dem Johannisberg, haben die Hessen per Zufall etwas Wunderbares "erfunden". Der Weinanbau auf dem Berg geht auf Karl den Großen zurück, der von seiner Pfalz in Ingelheim aus beobachtet hatte, dass die Schneeschmelze dort zu allererst anfing.

Die Benediktinermönche von St. Johannisberg mussten alljährlich vom Fuldaer Bischof die Leseerlaubnis einholen und schickten einen Kurier mit Trauben dorthin, damit sie sich der Bischof unter die Nase halte, sie koste und die Trauben für reif erklärte. Das klappte jahrelang, aber 1775 kam und kam der Kurier nicht aus Fulda zurück. Ob er eine flotte Biene gefunden hatte, überfallen wurde oder keine Lust auf Kurierdienste mehr hatte – keiner weiß es. Fakt aber ist, dass die Trauben auf dem Johannisberg hingen und hingen und immer reifer wurden. Die Mönche barmten angesichts der Trauben, die langsam von Fäulnis befallen wurden und zusehends schrumpften. Offenbar hatten sie dann von der Warterei die Nase voll und vor allem Angst, keinen Wein in ihre Keller (und ihre Kehlen) zu kriegen. Und so wurde geerntet und gekeltert – und zu aller Überraschung wurde daraus ein hervorragender Wein. Am 10. April 1776 stellte der Verwalter Johann Michael Engert fest, dass er einen solch vorzüglichen Geschmack noch nie erlebt habe. Das fand auch der Bischof von Fulda, und nun wurde die Lese auf dem Johannisberg immer so weit wie möglich hinausgeschoben: Die Spätlese war geboren. "Karl, der Spätlesereiter" ist im Hessischen ein fester Begriff, Denkmäler verewigen ihn und seit 1988 gibt es ihn sogar als Comic.

Nach so viel Weinseligkeit empfehle ich Ihnen natürlich ein Gericht mit Riesling. Es hat für Nicht-Hessen einen fast unaussprechlichen Namen, aber wenn man weiß, worum es geht, klärt sich die Sache. "Woihinkelche" ist nicht etwa die schludrig ausgesprochene Frage "Wohin mit den (Wein)kelchen?", sondern es handelt sich um ein "Wein-Hähnchen": "Woi-Hinkelche":

Zutaten für 4 Personen:

2 Brathähnchen
½ l trockener Riesling
400 g frische Champignons
3 Knoblauchzehen
2 Zwiebeln
3 EL Rapsöl
2 EL Butter
2 EL Weinbrand
4 Eigelb
125 ml süße Sahne
etwas Estragon, Salz, Pfeffer

Zubereitung:

Die gesäuberten Hähnchen portionieren und nach Möglichkeit die meisten Knochen herauslösen. Die Knoblauchzehen mit etwas Salz zerdrücken und damit die Hähnchenteile von allen Seiten einreiben. Geschälte Zwiebeln in feine Ringe schneiden. Die Pilze abbürsten und feucht abwischen und in Scheiben schneiden. Die Butter in einem Topf erhitzen, Zwiebelringe andünsten, Pilze dazugeben und kurz schmoren.

In einer Pfanne das Öl erhitzen und das Fleisch darin rundum gut anbraten. Den Weinbrand erwärmen, anzünden und damit die Hähnchenteile flambieren. Die Zwiebel-Pilzmischung aus dem Topf zu dem Fleisch geben. Den Wein dazu gießen und alles etwa eine halbe Stunde zugedeckt köcheln lassen.

Die Eigelbe mit der Sahne verrühren, die Pfanne vom Feuer nehmen und die Hähnchensoße mit der Eiersahne legieren. Nicht mehr kochen! Zum Schluss etwas gehackten Estragon darüber streuen. Dazu schmecken Reis oder Kartoffeln und natürlich ein Riesling aus dem Rheingau.

Tipp: Variieren kann man das Woihinkelche, indem man die Pilze durch eine Handvoll Weintrauben (entkernt, halbiert) und 100 g in dünne Streifen geschnittenen Schinkenspeck oder Dörrfleisch ersetzt. Statt der Sahne kann man Hühnerfond und Creme fraiche verwenden. Den Estragon zum Schluss weglassen und stattdessen 2 Zweige Rosmarin mitschmoren.

Viel Spaß wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de