Essen und Trinken

Babys, Gladiatoren und Ludwig der Fromme Was den Menschen fröhlich macht

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Im 2. Jahrhundert fertigte man in Trier teils erotische Terrakottafiguren wie den Gladiator (l) und den Rennfahrer als Öllampen. Da muss es aber sehr viel Fenchel zu essen gegeben haben.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Heutzutage verrät der Ultraschall, ob's ein Junge oder ein Mädchen wird. Anno dunnemals war das nicht so einfach, doch man wusste sich zu helfen. Wie wirksam die "Ritterspiele" und andere Zutaten waren, ist nicht überliefert. Auch gegen "einen ständigen Zustand der Unzufriedenheit" wussten die Alten Rat.

"Nie machst du was mit Fenchel", maulen meine Freunde und bringen mich damit in arge Verlegenheit. Allein die Namensnennung lässt mich den Kinderberuhigungstee riechen. Ich mag ja noch nicht einmal Fenchel-Bonbons, genauso wenig wie Anis-Bonbons, deren Geruch mich an den Käfigsand von Wellensittich Hansi erinnert. Obwohl: Ich kann schon über meinen Schatten springen! Schließlich stört mich der Hansi-Geruch herzlich wenig beim Sammeln von Anis-Champignons (die schmecken später nämlich überhaupt nicht nach Anis); bei der Pilzpirsch stören mich allein die Madenlöcher in den Pilzen.

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Gegen Babys Blähungen hilft dünner Fencheltee.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ich mache mich also daran, mein Wissen und meine Kochkünste zu erweitern und staune nicht schlecht darüber, was Fenchel so alles kann. Er hilft nämlich nicht nur pupsenden Babys! Außerdem ist Fenchel nicht gleich Fenchel und als Gemüse hat er herzlich wenig mit dem Tee zu tun - zwischen Mamas Tee und den fleischigen Knollen des Gemüsefenchels liegen Welten. Und ich staune noch mehr - denn, oh Wunder: Was beim Baby beruhigt und entkrampft, wirkt offenbar im Mannesalter völlig anders.

Fenchel macht mutig: In der Arena …

Der Fenchel war als Heil-, Gewürz- und Gemüsepflanze bereits im Altertum hoch geschätzt, ebenso bei Chinesen, Indern und Ägyptern. In altägyptischen Grabkammern gefundene Papyri berichten schon über den Fenchel als Heilmittel. Die Griechen aßen Fenchel als Schlankheitsmittel, die Römer setzten ihn gegen Augenleiden, Verdauungsprobleme und Atemwegserkrankungen ein. Gladiatoren aßen Fenchel vor dem Kampf und bekränzten sich nach dem Kampf mit Fenchelgrün. Natürlich nur, wenn sie die Arena als Sieger verlassen konnten.

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Knollenfenchel gilt als feines Delikatessgemüse.

(Foto: Joujou/pixelio.de)

Fenchel braucht zum Wachsen viel Sonne und Wärme und es ist daher kein Wunder, dass die Pflanze ursprünglich im Mittelmeerraum heimisch war. Im frühen Mittelalter kommt Fenchel vermutlich durch Benediktiner auch nach Deutschland, wo die Mönche ihn zunächst in den Klostergärten anpflanzen. Schnell gelangt Fenchel in den Ruf eines Alleskönners. Karl der Große lässt Fenchel in seinen Pfalzen anbauen und auch sein Sohn Ludwig der Fromme lobt das Gemüse über alle Maßen. Ob nur der Gesundheit wegen oder weil der Fromme auf gewisse "Nebenwirkungen" hofft, weiß niemand; darüber schweigen die Historiker.

Der Leibarzt Kaiser Ferdinand I., Mattiolus, widmet 1563 dem Fenchel eine lange, ausführliche Beschreibung. Hieronymus Bock schreibt 1539 in seinem Kräuterbuch: "Ein trank mit Bärwurz-Wurzel, Feigen und Fenchel gemacht, alles in Wein gesotten, ist ein bewehrte Kunst für den kalten langwerenden Husten, für das Keichen, für das Därmgegicht …" Auch Hildegard von Bingen rühmt in ihrer Pflanzenbeschreibung die guten Eigenschaften des Fenchels als heilkräftiges Mittel bei verschiedensten Krankheiten: "Wie auch immer er gegessen wird, macht er den Menschen fröhlich und vermittelt ihm angenehme Wärme und guten Schweiß und eine gute Verdauung." Ein ebenso großer Fenchel-Fan war Sebastian Kneipp.

… und im Bett

So bleibt es nicht aus, dass sich allmählich massenhaft legendäre Vorstellungen über den Fenchel entwickeln. Man glaubt, Fenchel schütze vor Verhexungen und Zauberei. 1571 heißt es in einer Sammlung, dass der Fenchel der Geschlechtsbestimmung dienen könne: "So ein schwanger Fraw ir Kind mehr in der rechten Seiten tregt und gern Fenchel und Gevögel isst und hört gern von Ritterspielen sagen, so tregt sie einen Sohn."

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Fenchel war 2009 die Arzneipflanze des Jahres, weil der Doldenblütler häufig das erste Arzneimittel ist, mit dem der Mensch in seinem Leben in Berührung kommt.

(Foto: Betty/pixelio.de)

Und natürlich dichtet man dem Fenchel an, überaus anregend auch für die Potenz zu sein. Gegen "einen ständigen Zustand der Unzufriedenheit" helfe eine Kombination von Milch, Fenchel, Honig und Süßholz. Was Wunder, dass im 11. Jahrhundert größere Haushalte bis zu 4 Kilo Fenchelsamen im Monat verbrauchten. Sehr arme Leute aßen an Festtagen nur Fenchel, die Reichen dagegen Fisch mit Fenchel. Noch heute gehen Fisch und Fenchel in vielen Küchen eine bekömmliche Liaison ein - man muss ja nicht gleich einen ausschweifenden Lebenswandel dahinter vermuten.

Unterscheiden muss man grundsätzlich zwischen dem Gewürzfenchel, aus dem die Teesamen gewonnen werden, und dem Gemüsefenchel, dessen Knollen ein leicht verdauliches Mahl liefern. Aus der modernen Küche ist Knollenfenchel nicht mehr wegzudenken. Er schmeckt süß und leicht nach Anis und erinnert mich doch irgendwie zu sehr an den Vogelsand von Hansi und im Oktober schon an Weihnachten. Aber exotisch und ein wenig fern-östlich schmeckt er auch. Als besonders delikat gilt

Gratinierter Knollenfenchel

Zutaten (4 Pers):

4 Fenchelknollen
1 Glas Weißwein
1 Dose geschälte Tomaten (400 g)
1 Zwiebel
2 Knoblauchzehen
4 EL Semmelbrösel
4 EL Parmesan
½ Bd glatte Petersilie
Saft einer halben Zitrone
Olivenöl, Salz, frisch gemahlener Pfeffer

Zubereitung:

Den Backofen auf 200 Grad vorheizen. Die Dosentomaten abtropfen lassen und grob zerkleinern. Die äußeren Schalen und harten Stiele der Fenchelknollen entfernen, das Grün aufbewahren. Die Knollen halbieren und in etwa ½ l Salzwasser, dem Wein und dem Zitronensaft 15 bis 20 Minuten dünsten. Abtropfen lassen und den Sud aufbewahren.

Eine Auflaufform mit Olivenöl ausstreichen und die Tomatenstücke hineingeben. Die Fenchelhälften hineinsetzen. Etwa 1/8 l der Fenchelbrühe darübergeben, alles kräftig salzen und pfeffern.

Zwiebel, Knoblauchzehen, Petersilie und Fenchelgrün sehr fein hacken. In einer Pfanne etwa 4 EL Olivenöl erhitzen und die Zwiebel- und Knoblauchwürfelchen andünsten. Die Semmelbrösel einrühren und goldbraun rösten. Vom Herd nehmen und den Käse sowie die Kräuter unterrühren. Alles über dem Fenchel verteilen und im Ofen etwa 20 Minuten überbacken. Dazu schmecken Risotto oder frisches Weißbrot.

Meinen Freunden hat mein Fenchel-Gericht sehr gut gemundet. Ich muss es nicht gleich wieder haben … Aber über Geschmack soll man ja nicht streiten. Viel Erfolg wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de