Essen und Trinken

Marzipanschwein oder Wanderstiefel Wer genießt, lebt gesünder

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Genuss heißt auch Ausspannen vom Alltag.

(Foto: picture alliance / dpa)

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten; ebenso wenig über Genuss. Was dem einen sein Rotwein, ist dem anderen die Lösung einer mathematischen Aufgabe - beides kann Genuss und damit Lustgewinn sein. Der erste Lustschrei der Erkenntnis kam übrigens aus der Badewanne.

Aus der Badewanne von Archimedes ertönte der Ruf "Heureka" als ihm einfiel, wie er das Volumen der Königskrone berechnen könnte. Das war wohl der erste überlieferte Lustschrei der Erkenntnis. Nun wird man beim Rotwein oder beim Sex nicht gerade in Heureka-Rufe ausbrechen, obgleich es auch dabei um Lustgewinn geht und damit um den Genuss - und mitunter wird man sogar um eine Erkenntnis reicher.

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Genuss beansprucht alle Sinne.

(Foto: picture alliance / dpa)

Genuss ist eine Sinnesempfindung, die Wohlbehagen auslöst. Es gibt eine Vielzahl kulinarischer, geistiger und körperlicher Genüsse, wobei es individuell sehr verschieden ist, was der Einzelne als Genuss empfindet. Nach Angaben des Nürnberger Instituts für Genussforschung ist Genuss durchaus geschlechtsspezifisch: Das Genussempfinden von Frauen sei differenzierter und anspruchsvoller. Welche Frau hat schon ein erotisches Verhältnis zu ihrem Auto? Für sie ist es nicht mehr als ein Fortbewegungsmittel, Männergefühle in punkto Auto darauf zu beschränken, wäre eine Beleidigung. Ein entspannender Wellness-Tag mit der besten Freundin ist für Frauen Genuss pur - Männer dagegen nehmen Reißaus. Für sie ist es eher das spannende Fußballspiel plus Bier mit dem Kumpel. "Männer haben beim Genießen einen enormen Nachholebedarf", findet Prof. Reinhold Bergler, der das Institut für Genussforschung gegründet hatte.

Bergler sieht das unterschiedliche Genussverhalten auch in der unterschiedlichen  Erziehung von Jungen und Mädchen begründet. Die Freude an einem gedeckten Tisch mit Blumen, Kerzen und feinem Porzellan werde den Mädchen von der Mutter vermittelt; Jungen werde diese Erfahrung nicht in gleichem Maße mitgegeben. Beide Geschlechter gleichermaßen empfinden aber den Genuss als die angenehme Seite des Lebens, einen Ausgleich zum Stress. In einer Befragung des Instituts geben 88 Prozent als am wichtigsten an, dass Genuss den Alltagstrott unterbricht.

Andererseits genießen 43 Prozent mehr so nebenbei, wie eine Emnid-Umfrage von 2011 ergab. Dr. Rainer Lutz, Psychologe an der Marburger Universität, zufolge ist das kein echter Genuss, da werde Genuss mit Konsum verwechselt. Genießen bedeute, bewusst auszuwählen, was einem gut tut. Es bedeutet, sich Zeit für den Genuss zu nehmen und dafür alle Sinne zu gebrauchen. Ob das nun das Kuscheln auf der Couch inklusive Knabbern am Marzipanschwein, die langersehnte Bergtour mit Freunden, lecker essen in netter Umgebung, spannende Lektüre bei einem Glas Rotwein, Oper, Museum, Ausstellung oder ein Schachspiel: Gaumenfreuden, Ohrenschmaus, Wissensdurst und Erkenntnishunger zeigen, wie elementar unsere Bedürfnisse nach Genuss sind.

Genuss darf nicht, Genuss muss sein

Genuss-Unterschiede gibt es nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch regional. In Deutschland gelten die Rheinländer am genussfähigsten, am genussunfähigsten die Norddeutschen. Kenner behaupten, das Nord-Süd-Gefälle der Genussfähigkeit könne man auf einer Reise von Finnland nach Italien in allen Stufen studieren. Das gelte sowohl beim Wein als auch in der Liebe …

Und dann gibt es noch diejenigen, auf die das alles überhaupt nicht zutrifft, denen Genuss völlig egal ist. Immerhin ein Viertel der Bundesbürger gilt als nicht oder nur eingeschränkt genussfähig. Das ist sehr schade, denn Genussforscher sind sich einig: Wer sich Genuss erlaubt, lebt gesünder.  

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Mario Adorf ist bekennender Genussmensch.

(Foto: picture alliance / dpa)

Sich zu verwöhnen, gibt Kraft für den Alltag. Was beim Genuss zählt, ist die Qualität, das Besondere, das unterscheidet den Genuss vom Konsum. Psychologen und Genussforscher kritisieren, dass das Positive des Genusses viel zu wenig Beachtung findet. "Ärzte reden mit Patienten immer nur über Verbote, aber nicht über Genießen", bemängelt Bergler. Der Genuss sei in Deutschland immer noch "ein sündhaftes und unterschwellig negatives Thema". Nur 54 Prozent der Befragten bezeichneten sich im Jahre 2000 als wirkliche Genießer. Leistungsdruck, Regeln und Verbote seien Genusshindernisse und Grundlage für ein schlechtes Gewissen, so Lutz. Genussfähigkeit sollte als Teil eines gesunden Lebensstils begriffen werden und jeder sollte von klein auf lernen, Bedürfnisse zu erkennen und sich das Genießen zu erlauben. Der "Schlemmer Atlas" zeichnet alljährlich Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens als "Genießer des Jahres" aus, 2013 ist das der Schauspieler und bekennende Genießer Mario Adorf. In einer Umfrage zum Genießer-Image deutscher Politiker, bei der Noten von +5 (echter Genießer) bis -5 (gar kein Genießer) vergeben wurden, bekam Bundeskanzlerin Angela Merkel die Note -0,4.

Doch offensichtlich tut sich ja so einiges bei unserer Fähigkeit zu genießen, denn einer aktuellen Studie des Happiness Instituts zufolge gehört das Klischee des genussfeindlichen Deutschen der Vergangenheit an. 82 Prozent der in diesem Jahr Befragten finden, dass Genuss gut für die Seele ist. Drei Viertel geben an, Genuss mache sie lebensfroh. Zwei von drei Deutschen meinen, wer sein Essen genießt, genießt auch sein Leben. Nur drei Prozent der Befragten machen sich nichts aus gutem Essen und Trinken. "Genießen ist gut für das Immunsystem und für das Wohlbefinden", sagte Bergler.

Dass gutes Essen nicht unbedingt aufwendig sein muss, zeigt die italienische Küche. Greifen Sie jetzt noch mal zu beim Angebot an heimischem Spargel, denn am 24. Juni ist die Saison vorbei. Mehr Genuss geht nicht: 

Italienischer Spargelsalat

Zutaten (4 Pers):

500 g weißer Spargel
250 g Rucola
250 g Erdbeeren
1 Schalotte
50 g Parmesan
400 g gebratenes Hähnchenbrustfilet
1 Limette
Salz, Zucker

Zubereitung:

Spargel schälen, die unteren Enden abschneiden und in kochendem Wasser mit 1 Prise Salz und Zucker bissfest garen. Herausnehmen, abtropfen lassen, in ca. 5 Zentimeter große Stücke schneiden und abkühlen lassen. Beim Rucola die harten Stengel unterhalb der Blätter entfernen, waschen und trocken schleudern. Erdbeeren waschen und vierteln, die Schalotte fein hacken, den Parmesan grob raspeln. Die Limette heiß abwaschen und in dünne Scheiben schneiden.

Dressing:

6 EL Olivenöl
3 EL Balsamico
1 EL Spargelsud
1 TL Ketchup
1 TL Ahornsirup
1 Msp Senf
Salz, frisch gemahlener schwarzer Pfeffer

Für das Dressing alle Zutaten in einen gut schließbaren Becher geben und kräftig schütteln.

Die Salatzutaten auf 4 Teller verteilen und mit dem Dressing gut beträufeln. Die gebratenen Hähnchenbrustfilets in Scheiben schneiden und seitlich an den Salat legen. Alles mit den Limettenscheiben garnieren.

Viel Genuss wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de