Essen und Trinken

Geringschätzung statt Wertschätzung Wird der Verbraucher zum Wegwerfer?

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Schade! Das wäre ein leckerer Apfelkuchen geworden.

(Foto: Günter Havlena / pixelio.de)

Verfault, verschimmelt, abgelaufen? Ab in den Müll damit. Für 200 Gramm Tomaten, die statt auf dem Teller in der Tonne landen, könnte man fast 6 Stunden fernsehen, knapp 1 Kilometer Auto fahren, 22 Stunden im Internet surfen oder 11 Tassen Kaffee kochen. Oder andere schöne Sachen machen.

Jedes 8. Lebensmittel, das wir kaufen, landet in der Tonne statt auf dem Teller. Das sieht, ehrlich gesagt, in unserem Redaktionskühlschrank auch allzu oft danach aus. Nette Kolleginnen schicken dann eine Rundmail "An alle, an alle, an…" mit der Frage, wem denn der beulige Joghurtbecher oder die gammelige Gurke/Melone/Tomate gehören, die da irgendwann mal deponiert und offenbar vergessen worden sind. Dann entkeimen, putzen und wienern die netten Kolleginnen das Kühlgerät, weil sie wollen, dass ihr Frühstück nicht neben behaartem Fleischsalat steht. Eine Weile geht das ganz gut, bis leider wieder mal eine Rundmail fällig ist.

Nun sind wir vermutlich nicht schlampiger als andere Büromenschen oder überhaupt als die meisten Menschen, die essen und dafür Lebensmittel einkaufen. Denn wenn ich so an meine studentische WG-Zeit zurückdenke … Lieber nicht! Und habe ich nicht erst in der vergangenen Woche einen Fruchtjoghurt im heimischen Kühlschrank "gefunden", der bereits ein wahrhaft historisch zu nennendes Mindesthaltbarkeitsdatum und eine deutliche Rundung des Deckels aufwies?

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Ein Drittel der Lebensmittel landet in der Tonne.

(Foto: Davis Schrapel_pixelio.de)

Wer kennt sie nicht, die Fehlplanungen und Fehlkäufe. Gemeint sind nicht  die High Heels, die von Anfang an drücken und nun deshalb im Schrank stehen, oder die Hose, die in Erwartung eines Diätwunders eine Nummer kleiner gekauft wurde. Diese Irrungen halten sich in Grenzen, weil teuer. Die Lebensmittel-Fehlkäufe leider nicht, denn Lebensmittel sind immer billiger zu haben. 1950 betrugen die Ausgaben für Nahrungs- und Genussmittel 50 Prozent des Haushaltseinkommens. Heute sind es nur noch 9,5 Prozent.

Jeder Bundesbürger wirft täglich 225 Gramm Lebensmittel in den Müll, weil zu viel eingekauft wurde, die Teller zu voll waren, der Überblick über die Vorräte verloren ging oder aus Unkenntnis über das Mindesthaltbarkeitsdatum. Nach Ablauf dessen können Lebensmittel nämlich noch gefahrlos verzehrt werden (natürlich nicht mehr nach einer "historischen" Zeitspanne wie bei meinem Joghurt). Das MHD ist eine Qualitätsgarantie und kein Verfallsdatum; leicht verderbliche Lebensmittel sind mit einem Verbrauchsdatum gekennzeichnet - das sollte tunlichst eingehalten werden.

Weltmeister im Wegschmeißen

Durch unsere Wegwerf-Mentalität landen jedes Jahr knapp 82 Kilogramm  pro Kopf in der Tonne. Laut einer Studie des Bundesverbraucherministeriums wird der Wert der vermeidbaren Lebensmittelabfälle pro Kopf auf jährlich 235 Euro geschätzt. Hochgerechnet auf einen Vier-Personen-Haushalt sind das 940 Euro im Jahr, deutschlandweit 21,6 Milliarden Euro. Das geht doch an die Substanz - oder? Die privaten Haushalte sind die größten Verschwender, sie sind mit 61 Prozent an den 11 Millionen Tonnen Essen beteiligt, die in Deutschland jährlich auf dem Müll landen. In Restaurants und Kantinen "verenden" 17 Prozent der Lebensmittel, ebenso viel in der Lebensmittelindustrie. Im Handel wandern 5 Prozent statt in die Einkaufstaschen in die Abfalltonnen. Nach Angaben der Studie wären rund zwei Drittel all dieser Abfälle vermeidbar. Etliches von dem, was Bauern produzieren, kommt wegen der vom Handel gesetzten optischen oder logistischen Bedingungen gar nicht zum Verkauf: zu klein, zu groß, zu krumm - weg damit! In der Landwirtschaft selbst wird zum Beispiel bei zu niedrigen Aufkaufpreisen der Salat kurzerhand untergepflügt.

Und das sind nur die Zahlen aus Deutschland. In der EU werden pro Kopf jedes Jahr 300 Kilogramm Essen einfach vermüllt. Weltweit geht laut einer Studie der UN-Ernährungs- und -Landwirtschaftsorganisation Fao etwa ein Drittel aller produzierten Nahrungsmittel "verloren". Das sind 1,3 Milliarden Tonnen - ein jährlicher Verlust von rund 750 Milliarden Euro. Wegwerf-Kaiser sind übrigens Europa und Nordamerika.

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Lecker, aber der Handel hat kein Herz für Kartoffelherzen.

(Foto: sunny33 / pixelio.de)

Eine fatale Verschwendung von Boden, Ressourcen und menschlicher Arbeit! Landwirtschafts- und Ernährungswirtschaft nutzen rund 30 Prozent der zur Verfügung stehenden Energie. 20 Prozent aller Anbauflächen, ein Drittel der Wälder und zehn Prozent aller Grünlandflächen sind inzwischen von Bodendegradation betroffen. 9 Prozent aller Süßwasserressourcen gehen für die Erzeugung unserer Nahrungsmitteln drauf, davon 70 Prozent für die Bewässerung von Agrarflächen. Landwirtschaft und Landnutzungsänderungen sind für rund ein Drittel der gesamten weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich. Fischbestände werden durch Missmanagement und Überfischung bedroht. Und ein Teil all dessen geht für Lebensmittel drauf, die letztlich auf dem Müll landen. Wenn Sie wissen wollen, was die Vergeudung von Obst, Gemüse, Fleisch, Brot und Milch kostet, sehen Sie bei www.resterechner.de der Verbraucher Initiative nach.

"Think.Eat.Save." - denken, essen, schonen - unter diesem Motto hat das Umweltprogramm der Vereinten Nationen Unep zusammen mit der Fao eine weltweite Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung ins Leben gerufen. Die EU unterstützt diese Kampagne und hat sich das Ziel gestellt, bis 2020 die Menge der unnötigen Lebensmittelabfülle zu halbieren. Dafür sollen in Zukunft Ideen für mehr Nachhaltigkeit im Ernährungsbereich präsentiert werden. Bisherige Kampagnen erregten immer viel öffentliches Interesse, griffen aber zu kurz. Zwar entsteht beim Verbraucher die Hälfte des Lebensmittelmülls, aber an der anderen Hälfte sind Landwirtschaft, Industrie und Handel beteiligt, die viel zu wenig in die Pflicht genommen werden. Mit ein bisschen Eigenverantwortung könnte jeder seinen Beitrag gegen die Verschwendung leisten. Beim Sonntagshähnchen mit Honig, Mandeln und Whisky bleibt garantiert kein Krümel übrig - nur die Knochen. Und die dürfen in die Tonne!

Whisky-Mandel-Hähnchen

Zutaten (4 Pers):

1 küchenfertiges Brathähnchen
4 EL Whisky
3 EL Honig
3 EL Olivenöl
60 g Mandelblättchen
Salz, Pfeffer aus der Mühle
etwas Chili

Zubereitung:

Das Hähnchen innen und außen kräftig mit Whisky einreiben. Mit Salz und Pfeffer innen und außen würzen. Eine Pfanne oder Bratreine mit Alufolie auskleiden und soviel überstehen lassen, dass die Folie noch über das Hähnchen geschlagen werden kann. Das Öl in die Mitte der Folie geben und das Hähnchen mit der Brust nach oben hineinsetzen und mit dem übrigen Whisky beträufeln. Etwas kleingeschnittene frische Chilischote oder Trockenflocken in den Honig einrühren und damit das Hähnchen bestreichen und mit den Mandelscheibchen belegen. Wer es nicht so scharf mag, lässt den Chili weg. Die Alufolie sorgfältig schließen.

Im vorgeheizten Ofen bei 180 Grad 75 bis 90 Minuten garen. Zum Schluss die Folie öffnen und das Hähnchen schön bräunen. Dazu passen frisches Brot und Salat.

Schön aufessen, wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: ntv.de