"Wirklich böse"Ab in die Gruft: The Raveonettes
Zehn Jahre gibt es The Raveonettes bereits, dennoch ist das dänische Duo bis heute ein Geheimtipp geblieben. Das neue Album "Raven In The Grave" ist wie immer verlässlich gut - und düsterer als je zuvor.
Was fällt Ihnen beim Stichwort Dänemark ein? Das Legoland? Der - Smörebröd, Smörebröd, röm, pöm, pöm, pöm - dänische Koch aus der Muppet Show? Oder der Fußball-Slogan "We are red, we are white, we are Danish Dynamite"? Alles richtig - aber aus unserem Nachbarland mit seinen gerade mal knapp 5,5 Millionen Einwohnern kommen auch einige international erfolgreiche Popacts wie Laid Back oder das Safri Duo und - gerade in jüngerer Zeit - so manche richtig gute Indie-Band wie Volbeat, Dúné oder Kashmir. Und The Raveonettes. Eigentlich jedenfalls - denn schon seit einigen Jahren lebt das aus Sune Rose Wagner und Sharin Foo bestehende Duo in seiner neuen Wahlheimat USA.
Zehn Jahre ist es bereits her, dass sich der 1973 geborene Wagner und seine sechs Jahre jüngere Bandkollegin als The Raveonettes zusammengefunden haben. 2002 legten sie zunächst die EP "Whip It On" vor, ein Jahr später folgte der Longplayer "Chain Gang Of Love". Im Zwei-Jahres-Rhythmus folgten weitere Alben - und nach und nach hatte das gemischte dänische Doppel die Musikpäpste zusehends im Sack. Ihr noisy, mit Rückkopplungen und verzerrten Gitarren garnierter Garagen-Rock, dessen Einflüsse ebenso auf die Everly Brothers wie auf Velvet Underground zurückgehen, und der wirkt wie in die Jetztzeit gebeamte The Jesus and Mary Chain mit weiblichen Gesangsparts, erfreute das Herz zahlreicher Kritiker. Trotzdem ist die Gruppe - bis heute - ein Geheimtipp geblieben. Und das nicht ganz ungewollt.
"Das ist super so"
"Wir machen ja keine kommerzielle Musik - also werden wir auch keine Nummer-1-Single im Radio haben und nicht in Stadien oder Arenen spielen", sagt Wagner, zugleich Sänger, Gitarrist und Songschreiber der Gruppe. "Aber das ist super so." Schließlich habe man alles erreicht, was man sich damals bei der Gründung der Band vorgenommen habe. "Uns ging es darum, von unserer Musik leben zu können, zu touren, Alben so zu machen, wie wir sie machen wollen, und die Kontrolle über alles zu behalten. Mehr wollten wir gar nicht", erklärt Wagner und ergänzt: "Ich könnte mir echt kein besseres Leben als das, das wir derzeit haben, vorstellen."
Also war die von ihm einmal in einem Interview postulierte Zielvorgabe, irgendwann die New Yorker Monster-Arena Madison Square Garden zu entern, nicht so ganz erst gemeint? "Nein, das war natürlich nur ein Joke", klärt der Musiker auf. "Ich meine: Klar, fände ich das großartig. Aber das wird nicht passieren", räumt er ein, nicht ohne sich ein Hintertürchen offen zu halten: "Okay, wenn uns die Kings of Leon mal fragen würden, ob wir sie als Vorband begleiten wollen, wäre das vielleicht eine Option." Ganz ausgeschlossen ist das sicher nicht, wenn man bedenkt, dass The Raveonettes auch schon mal für Depeche Mode oder die Strokes die Anheizer gespielt haben.
Sonic Youth vs. The Jesus and Mary Chain
Doch in diesen Tagen geht das Duo erst einmal wieder allein auf Tour, zunächst durch die USA und ab Juni durch Europa. Wir sprechen Sune Rose Wagner am Telefon, just einen Tag vor dem ersten Gig in den Staaten. Vielleicht ist er deshalb bei seinen Antworten zunächst eher kurz angebunden. "Wir proben gerade", lässt er uns wissen. Möglicherweise ist er aber auch einfach kein Typ für lange Worte. Erst zum Ende des Gesprächs taut er allmählich auf.
Vor allem, als er auf den Vergleich mit The Jesus and Mary Chain angesprochen wird, redet sich Wagner geradezu in Rage. "Das habe ich wirklich nie verstanden", beteuert er und versichert, dass die Briten ihn "kein bisschen" beeinflusst hätten. "Ich habe keine einizige ihrer Platten. Ich glaube, die Leute kommen darauf, weil wir Musik machen, die noisy ist. Da denken offenbar einige an The Jesus and Mary Chain. Aber meine Lieblingsband aller Zeiten ist tatsächlich Sonic Youth", sagt Wagner. "Sie sind zehnmal mehr noisy als The Jesus and Mary Chain. Ich liebe Sonic Youth. Ich habe sie als Jugendlicher wahrscheinlich zwanzig Mal live gesehen - und ihre Alben habe ich alle."
Da passt es natürlich irgendwie auch, dass Wagner aus dem beschaulichen Dänemark in genau die US-Stadt gezogen ist, aus der seine musikalischen Heroen Sonic Youth stammen: New York. Zumindest wenn es um den "Big Apple" geht, scheint ihm die Haltung so vieler Europäer - in die USA reisen gerne, aber auf Dauer dort leben lieber nicht - fremd zu sein: "Ich liebe New York City. Für mich ist das eine sehr europäische Stadt, die irgendwie gar nichts mit dem Rest von Amerika zu tun hat", sagt Wagner.
Paradoxerweise hat seine Bandkollegin Sharin Foo ihr Domizil genau am anderen Ende der USA aufgeschlagen - in Los Angeles. Dem Zusammenspiel der beiden scheint das jedoch keinen Abbruch zu tun. Natürlich treffe man sich regelmäßig zum Proben und hocke sich auf den ausgedehnten Tourneen genügend auf der Pelle. Fliegen da denn auch mal die Fetzen? "Oh ja, wir streiten viel", erklärt der Musiker und beschwichtigt zugleich: "Aber ich denke, das ist normal, weil es uns wirklich um die Musik geht und darum, das Bestmögliche herauszuholen." Also geht es mehr um einen Streit als Teil des kreativen Prozesses als darum, sich mit Tellern zu bewerfen? "Ja, genau. Wir sind wirklich gute Freunde."
"Es ist toll"
Gute Freunde vertragen es dann auch, wenn das Gegenüber einmal "fremdgeht". So nahm Wagner etwa 2008 eine Soloplatte auf - mit dänischen Texten. Keine große und allzu wichtige Sache, meint der Musiker: "Ich war eine Zeit lang in Kopenhagen. Irgendwann wurde mir etwas langweilig. Ich habe einen Freund mit einem wirklich guten Aufnahmestudio und einem Label. Also haben wir einen Deal gemacht. Ich durfte das Studio umsonst nutzen, und er durfte das Album veröffentlichen. Wir haben das sehr schnell eingespielt. Das hat keine zwei Wochen gedauert."
In das neue Raveonettes-Album dürfte da schon einiges mehr an Zeit geflossen sein. "Raven In The Grave" heißt es - und es hält, was der düstere Titel und das dementsprechende Cover versprechen. Dunkler klang das Duo noch nie - beschwingte Lichtblicke, wie es sie auf dem Vorgänger "In And Out Of Control" noch zu hören gab, sind nicht zu finden. "Ja, es ist ein ziemlich dunkles Album geworden", findet auch Wagner. "Es ist Rock'n'Roll, es ist böse, es ist toll."
"Böse" ist nicht gleich "böse"
Nun ja, "böse" ist wohl eine Definitionssache. Man könnte auch sagen, es sind bittersüße, melancholische Melodien voll schwermütiger Schönheit. Und das Album ist stärker von Synthesizern getrieben als frühere Werke von The Raveonettes. "Nein, dem kann ich eigentlich gar nicht zustimmen", widerspricht Wagner. "Ich finde, es ist durchaus ziemlich gitarrenlastig." Okay, kein Grund, darüber jetzt zu streiten, zumal wir über das Telefon auch keine Teller hin- und herschmeißen könnten.
Die Live-Auftritte, bei denen sich das Duo inzwischen von Gastmusikern begleiten lässt, dürften fortan ohnehin eher von Schlagzeug-Beats als Gitarren angetrieben werden. "Wir haben jetzt zwei Drummer", erklärt Wagner. "Das klingt, als ob Nine Inch Nails The-Raveonettes-Songs spielen würden. Es ist wirklich böse und perfekt."
Ja, jetzt steht es endgültig fest: "Böse" ist eine Definitionssache. Uns würden bei dem Stichwort ja eher diverse Death- und Black-Metal-Bands einfallen als der betörende Noise-Rock von Wagner und seiner elfenhaften Partnerin Sharin Foo. Aber letztlich spielt auch das keine Rolle - jedenfalls nicht für die treue Fangemeinde der Gruppe. Den Madison Square Garden wird das Duo weiterhin nicht füllen - aber mit "Raven In The Grave" könnte manche Konzerthalle, in denen The Raveonettes in den vergangenen Jahren gespielt haben, zu klein geworden sein.