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Einer der erfolgreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Ephraim Kishon (Bild von 2004).
Einer der erfolgreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Ephraim Kishon (Bild von 2004).
Samstag, 11. August 2018

"Genie" und "Entwicklungshelfer": Der unvergessene Ephraim Kishon

Von Tal Leder

Die Nazis steckten ihn ins KZ. Die Nachkriegsdeutschen wurden zu seinen größten Fans. Ephraim Kishon brachte den Deutschen bei, wieder gemeinsam mit Juden zu lachen. Der Film "Kishon" beleuchtet das Leben des großen Satirikers.

"Unser Land ist so winzig, dass die meisten Globen und Atlanten keinen Platz für seinen Namen erübrigen können", heißt es in der Einführung des Bestsellers "Drehn Sie sich um, Frau Lot". Beim Autor ist es andersherum: Sein Name ist zu groß, um ihn in einem Satz zu beschreiben. Die Rede ist vom israelischen Satiriker Ephraim Kishon, der schon zu Lebzeiten weltweit, aber vor allem in deutschsprachigen Raum, einer der erfolgreichsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts war.

Kishon 1987 bei "Wetten, dass..?": Vor allem in Deutschland feierte er große Erfolge.
Kishon 1987 bei "Wetten, dass..?": Vor allem in Deutschland feierte er große Erfolge.(Foto: imago stock&people)

"Er war ein Entwicklungshelfer im besten Sinne, der vielen Deutschen half, ihre antisemitischen Verblendungen zu überwinden", sagte die ehemalige Kulturstaatsministerin Christina Weiss einmal über den Schriftsteller, der am 29. Januar 2005 im Alter von 80 Jahren an Herzversagen starb. Deutsche hätten durch Kishon gelernt, wieder gemeinsam mit Juden zu lachen.

Doch er war nicht nur der Autor zahlreicher Bücher, die in viele Sprachen übersetzt wurden und ein Millionenpublikum erreichten, er schrieb auch Theaterstücke und Drehbücher. Als Regisseur drehte er mehrere Filme, gewann dabei zwei Mal den Golden Globe und war ebenso oft für den Oscar nominiert.

Obwohl seine Theaterstücke weiter aufgeführt werden, ist Kishon heute weniger populär. Junge Menschen in Deutschland sind kaum mit seinem Humor vertraut. Aber auch in Israel, wo heute ein orientalischer Charme weht, kann man mit seinem europäisch-ungarischen Humor immer weniger anfangen. "Israel ist durch die Einwanderung aus den arabischen Ländern viel mittelmeeriger geworden", sagte der Historiker Tom Segev mal, um zu erklären, warum Kishon in Israel kaum noch gelesen wird.

Spurensuche in "Kishon"

Nun feiert ein Film über den israelischen Satiriker seine Premiere beim jüdischen Filmfestival in Berlin. In der wunderbaren Dokumentation "Kishon" begibt sich Regisseur Eliav Lilti auf Spurensuche. Er versucht, den Künstler, der mit bürgerlichem Namen Ferenc Hoffmann hieß, wieder aufleben zu lassen, aber auch dem Menschen hinter dem Pseudonym und den humorvollen Zeichnungen gerecht zu werden.

Im Film werden Kishon und sein Nachbar zu Animationsfiguren.
Im Film werden Kishon und sein Nachbar zu Animationsfiguren.

Dafür erschuf er eine Kunstfigur, nämlich Kishons Nachbarn in den 80ern, dargestellt vom berühmten israelischen Journalisten Yaron London. Als Animationsfiguren treffen sich beide im schweizerischen Appenzell, wo der Satiriker zuletzt wohnte. Während sie sich unterhalten, schlendern sie gemeinsam durch das Leben des Schriftstellers.

Der Dokumentarfilm beginnt in Budapest, wo das Multitalent am 23. August 1924 in einer jüdischen Familie geboren wird. Beide spazieren durch die ungarische Hauptstadt der Vorkriegszeit und sprechen ausführlich über Kishons Kindheit, bis zum Aufstieg des Faschismus und zum Tragen des Judensterns. Lilti kombiniert während des gesamten Films die Animationstricks mit historischen Aufnahmen. Der Satiriker erzählt unter anderem in seiner lustigen Art über seine Schachkenntnisse, die ihn im Konzentrationslager das Leben retteten, und von seiner Flucht aus dem KZ.

Geschichten von den kleinen Leuten

Vom Schrecken des Holocaust, dessen Trauma den Satiriker bis zum Tod verfolgen sollte, sieht man ihn in seine zerstörte Heimatstadt zurückkommen, wo seine journalistische Karriere beginnt. Doch schon als Budapest 1945 unterging, schrieb der junge Schriftsteller unter den Namen Ferenc Kishont seinen ersten Roman, "Mein Kamm", die Geschichte einer totalitären Partei. Der Titel spielt bewusst auf Hitlers "Mein Kampf" an.

Der Autor und sein Sohn Rafi Kishon.
Der Autor und sein Sohn Rafi Kishon.(Foto: Rafi Kishon)

Die kommunistische Unterdrückung vieler Intellektueller treibt den Satiriker und seine erste Frau Eva außer Landes. Sie fliehen nach Italien und wandern von dort im Mai 1949 mit einem Flüchtlingsschiff nach Israel aus. Hier gibt ihm ein Beamter bei der Ankunft den Namen Ephraim Kishon.

"Mein Vater war ein Genie. Er kam aus dem europäischen Bürgertum in ein fremdes Land und musste eine neue Sprache lernen", sagt der Sohn des Autors, Rafi Kishon, ein bekannter Tiermediziner, der in jüngster Zeit aber auch als Stand-up-Komiker mit Werken seines Vaters auftritt. "Seine Geschichten handelten immer von den kleinen Leuten aus dem Alltag und diese gab er in seinen Büchern und Theaterstücken wieder."

Im Schatten der Shoah

Die animierten Gesprächssituationen im Film zeichnen die Karriere von Kishon nach und geben Aufschluss darüber, was sich da alles abgespielt hat. Vom Aufstieg zum erfolgreichsten israelischen Schriftsteller aller Zeiten bis hin zur Enttäuschung über mangelnde Anerkennung in seiner Heimat. Obwohl er als Patriot galt, stand er nicht unkritisch zum jüdischen Staat. Es sei immer ein ambivalentes Verhältnis gewesen, sagt Rafi. Von den Intellektuellen und Kritikern in Israel habe er sich aber oft ungerecht behandelt gefühlt.

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Im Film erzählen Kishons Kinder interessante Geschichten aus dem Leben ihres Vaters. Sie treten ganz offen auf und zeichnen das Bild eines sensiblen Mannes, der irgendwie im Schatten der Schoah lebte. So hörten sie im Auto während der Fahrt durch Tel Aviv Kassetten mit Reden von Hitler und Goebbels und sahen Kishon nur bei der Erwähnung des Namens Josef Gabrovich hemmungslos weinen - der Name des Budapester Nachbarn, dem seine Familie ihr Überleben verdankte.

In weiteren Anekdoten sprechen sie über die Liebe zu seiner Familie, gleichzeitig aber auch die Unfähigkeit, mit der Krankheit seiner zweiten Frau umzugehen. Vor allem aber seine paranoiden Züge und seine Angstzustände, unter denen er zuletzt litt, stechen hervor, da sie doch in einem starken Kontrast zu seinen heiteren, furchtlosen Texten stehen.

Die größte Genugtuung

Eliav Lilti zeichnet in seinem faszinierenden Film über Kishon dessen Karriereschritte von ersten Erfolgen bis zu Fehlschlägen nach. Leider werden in dieser Dokumentation viele wichtige Werke des Schriftstellers zu kurz dargestellt, um ein tatsächliches Bild seines künstlerischen Genies zu bekommen. Immer wieder werden zwar Ausschnitte aus Theater und Film gezeigt, doch sein eigentliches Schaffen hätte noch etwas tiefer beleuchtet werden können.

Trotzdem ist es ein wunderbares Porträt eines israelischen Humoristen, dessen Erfolg nicht nur bis heute unerreicht ist, sondern der auch einen großen Anteil daran hatte, dass sich viele Menschen in Israel verliebt haben.

"Seine größte Genugtuung war es, dass die Kinder und Enkel seiner Henker Schlange standen, um seine Bücher zu kaufen", sagt Rafi und schmunzelt.

Quelle: n-tv.de