Unterhaltung
Einer der alles darstellen mag, nur nicht Dylan: Robert Zimmermann, alias Bob Dylan.
Einer der alles darstellen mag, nur nicht Dylan: Robert Zimmermann, alias Bob Dylan.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 01. September 2013

Neues vom Altmeister: Ein Dylan - viele Welten

Von Manfred Bleskin

Zwei neue Editionen mit Songs von Bob Dylan zeigen höchst unterschiedliche Seiten des Musikers, der zu den bedeutendsten der Gegenwart gehört. Ein Konzertmitschnitt aus 1962 bietet einen politisch engagierten Singer/Songwriter, eine Edition mit bislang unveröffentlichten Songs einen sich Wandelnden und Suchenden.

Bob Dylan: "Another Self" Portrait, CD, Columbia Sony
Bob Dylan: "Another Self" Portrait, CD, Columbia Sony

Kaum einem anderen aus dem Universum der Populärmusik hat man Richtungs- und Stilwechsel so übelgenommen wie Bob Dylan. Elvis vielleicht noch, als er von knallhartem Rock & Roll peu à peu in unterhaltsame Beliebigkeit hinüberschlitterte. Was fauchten die Folkpuristen, als der als Robert Zimmerman Geborene 1965 beim Newport Folk Festival ein Verstärkerkabel in seine Gitarre stöpselte, als er ein Jahr darauf den Song "Rainy Day Women #12 & 35" mit Bläsern unterlegte. Als 1970 das Doppelalbum "Self Portrait" auf den Markt kam, stöhnten nicht nur die Fans der verschiedenen Schubladen, in die sie "ihren" Dylan gepackt hatten. Die Musikpresse schrieb das Werk schlecht, schlechter ging’s nicht. Und trotzdem landete es in Britannien auf Anhieb auf Platz eins; daheim in den USA langte es für den vierten Rang.

Mit "Another Self Portrait" liegen nun Aufnahmen vor, von denen ein Gutteil alternative und/oder bislang nicht veröffentlichte Stücke des Selbstporträts sind. So finden sich beispielsweise "Little Sadie", "In Search Of Little Sadie", "Wigwam" und "Belle Isle" ohne Overdubs. "House Carpenter", "Annie's Going To Sing Her Song" und "This Evening So Soon" sind einige der bisher nicht zugänglichen Songs. Auch Titel aus der Zeit der Sessions zur 1970er LP "New Morning" und "Nashville Skyline" (1969) haben Eingang gefunden. Die meisten davon hätten es verdient, schon damals veröffentlicht zu werden. Eine Ausnahme bildet vielleicht "If Not For You", das in der allgemein bekannten Version zu den schönsten und kommerziell auch erfolgreichsten Liedern des Mannes aus Duluth/Minnesota gehört und später auch von dessen Freund George Harrison gecovert wurde. Hier verschrumpelt der Meister seine Komposition bis zur Unkenntlichkeit. Aber das sind wir ja von ihm seit einigen Jahren auch bei seinen Konzerten gewöhnt.

Bob Dylan: "Finjan Club", CD, BDA Records
Bob Dylan: "Finjan Club", CD, BDA Records

Apropos: Der einzige Livemitschnitt in der vorliegenden Ausgabe stammt vom Konzert auf der Isle of Wight, das Dylan 1969 zusammen mit The Band um Robbie Robertson gab. Da erkennt man den Song "Highway 61 Revisited" vom gleichnamigen 65er Album fast auf Anhieb wieder. Auf seinem bislang letzten Konzert in Berlin kam der geneigte Hörer erst bei der Textzeile "Well Abe says 'Where do you want this killin' done?'/ God says 'Out on Highway 61' " hinter das Geheimnis.

Aufnahmen aus Dylans Aktivistenzeit

Zu den bemerkenswertesten Tracks von "Another Self Portrait" gehört "Only A Hobo", das 1963 während der Aufnahme zur Platte "The Times They Are A-changin'" entstand. Dylan besingt darin das Schicksal eines jener Männer, die während der Großen Depression in den USA von 1929 bis Anfang der vierziger Jahre auf der Eisenbahn und der Suche nach einem Job quer durchs Land zogen. Zu Zeiten der Aufnahme des Stücks gehörte Dylan noch zu den linken Aktivisten, die gegen Vietnamkrieg und Rassendiskriminierung ansagen. Davon zeugt auch sein Auftritt im "Finjan Club" im kanadischen Montreal am 2. Juli 1962, dessen Mitschnitt eine unermüdlich grabende Plattenfirma jetzt gefunden hat. "Death Of Emmett Till" beschreibt den Mord von Ku-Klux-Klan-Mitgliedern an einem Afroamerikaner, dessen einzige "Schuld" seine Hautfarbe war. Anklagend auch die Ballade "Hiram Hubbard", einen Mann der nach dem Ende des Bürgerkriegs 1861 bis 1865 von Südstaatlern ermordet wurde. Reizvoll die Interpretation des in den dreißiger Jahren vom "jodelnden Cowboy" Jimmy Rogers geschriebenen "Muleskinner Blues. Dylan klebt dabei eng an der Version seines einstigen großen Vorbildes Woody Guthrie.

Wie schon bei "Self Portrait" ziert auch auch die jetzige Edition das selbstgemalte Bild eines Mannes, der alles darstellen mag, nur nicht Dylan. Aber vielleicht ist er es ja doch. In all seiner Widersprüchlichkeit und Vielfalt. Bei "Finjan Club" ist es eine Aufnahme mit Dylans damaliger Freundin Suze Rotolo, die aus einem kommunistischen Elternhaus stammte und übrigens auch auf dem Plattenumschlag von "The Freewheelin’ Bob Dylan" aus 1963 zu sehen ist. Die vielen Welten des Robert Zimmerman halt.

Bob Dylan: "Finjan Club", CD, BDA Records, bei amazon.de

Bob Dylan: "Another Self" Portrait, CD, Columbia Sony, bei amazon.de

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen