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Freitag, 09. August 2013

Hier gibt es nur Gut und Böse: "Wochenendkrieger" tragen Elfenohren

Von Jana Zeh

Wandern, Werkeln oder Wachsziehen - das sind Hobbys von gestern. Heute verkleidet man sich als Elfe oder Ork. Zu laufen, zu sprechen und zu kämpfen wie solche Fabelwesen ist eine außergewöhnliche Freizeitgestaltung von Menschen, die im Alltag nicht die Bestätigung finden, die sie suchen oder einfach mal böse sein wollen.

Wenn sich im Sommer ganz normale Menschen am Steinhuder Meer in der Nähe von Hannover treffen, dann werden sie zu Elfen und Magiern, zu Orks und Untoten, zu Fürsten und Kämpfern. Sie tauschen dann Klassenbücher und Akkuschrauber gegen Elfenohren und Pestbeulen, denn sie sind Anhänger des Live Action Role Playings, kurz LARP. Einer Szene, in der sich Menschen versammeln, die gern ihre Illusion leben - wenn auch nur für ein paar Tage im Jahr.

Beim LARP oder Live-Rollenspiel geht es um den Tausch von Identitäten, um das Hineinschlüpfen und Ausfüllen von Charakteren, die durch die Interaktion mit anderen Live-Rollenspielern eine Geschichte gestalten. Das alles geschieht in der Natur und ohne Publikum, denn Live-Rollenspieler sind Akteure und Publikum zugleich. Auch in dieser Szene geht es ums Sehen und Gesehen werden. Nicht nur die Mitwirkenden sind fasziniert von diesen besonderen Treffen, sondern auch Regisseur Andreas Geiger, der mit seinem Dokumentarfilm "Wochenendkrieger" fünf Menschen zwischen Alltag und Live-Rollenspiel begleitet und wunderbare Porträts gezeichnet hat.

Spannend wie "Herr der Ringe"

Mit außergewöhnlich schönen und teilweise sehr privaten Bildern, einer wunderbaren Erzählerstimme und passender Musik wird der Zuschauer mitgenommen in die verschiedenen Lager während des Live-Rollenspiels. So gelingt es, die Begeisterung, die dieses besondere Hobby mit sich bringt, auf den Zuschauer zu übertragen. Geiger schafft es, nicht nur seine Protagonisten zu porträtieren, sondern gleichzeitig, die Story ihres Live-Rollenspieles zu erzählen. Dieses wunderbare Gemisch ist genauso spannend wie der "Herr der Ringe"-Film. Geigers Wochenendkrieger werden im ganzen Film ernst genommen, auch wenn sie mit ihrer außergewöhnlichen Freizeitgestaltung eher zu den Außenseitern zählen.

Chris ist als Aniesha Fey ein Star in der Szene.
Chris ist als Aniesha Fey ein Star in der Szene.(Foto: Axel Schneppat / Gebrüder Beetz Filmproduktion)

Da ist Chris, die Gymnasiallehrerin aus Tübingen - beim Rollenspiel wird sie zu Aniesha Fey, die als unbesiegbar gilt. Doch Chris war nicht von Anfang an die "böse Herrscherin der Leere". Sie hat beim Live-Rollenspiel schon mehr als 20 verschiedene Charaktere verkörpert. Die Verkleidungen und Accessoires dazu bewahrt sie in Kisten, thematisch geordnet unter ihrem Bett, auf. Chris trägt gerne Elfenohren und ist sich sicher, dass sie durch ihr Hobby gelernt hat, sich als Lehrerin besser vor ihren Schülern zu präsentieren, denn auch "im Alltag spielen wir ständig verschiedene Rollen". Obwohl Chris mit ihrem Charakter fast ein Star in der Szene ist, langweilt sie sich nach fünf Jahren ein wenig in der Rolle der Unbesiegbaren und drängt auf Veränderung.

Sven, der korpulente Montagearbeiter, steht wochentags am Band bei Volkswagen. Der junge Mann verwandelt sich beim Rollenspiel in den "Gärtner der öligen Pestilenz". Er denkt sich bei der Fließbandarbeit in seine Rollen hinein, überlegt, was man verbessern könnte und singt altertümliche Lieder, um seine Kollegen zu ärgern. Im Live-Rollenspiel, geschminkt mit Pestbeulen, stellt er sich dumm, meckert wie eine Ziege und gibt Pflanzen mit speziellen Wirkungen weiter. Durch seine Unbedarftheit können ihm die Kräfte der Dunkelheit nichts anhaben. Sven fühlt sich wohl in seiner Rolle und achtet sogar darauf, dass man ihn im LARP riechen kann.

Ohne jede Zurückhaltung

Dirk muss als "Fürst des untoten Fleisches" reichlich Führungsaufgaben übernehmen.
Dirk muss als "Fürst des untoten Fleisches" reichlich Führungsaufgaben übernehmen.(Foto: Axel Schneppat / Gebrüder Beetz Filmproduktion)

Der Regisseur, der sich im Hintergrund hält, schafft es, die richtigen Fragen zu stellen und so das Vertrauen seiner Protagonisten zu bekommen. So kann ein hoch authentisches Bild seiner Helden entstehen. Alle fünf geben ohne jede Zurückhaltung ihre Gefühle preis, die sie im Zusammenhang mit dem Live-Rollenspiel haben. So hört man beispielsweise von Dirk auch einige kritische Wörter zum LARP. Den "Fürsten des untoten Fleisches" nervt es, wenn es beim Live-Rollenspiel Graustufen wie im realen Leben gibt. Für ihn müssen dort Gut und Böse klar getrennt voneinander sein.

Dirk, der sich selbst nur als kleines Rädchen oder als Parteisoldat bezeichnet, arbeitet als Sekretär bei den Grünen und schreibt die Protokolle bei den Parteisitzungen. Im Live-Rollenspiel gehört er zu den Bösen. Er ist Anführer einer 300 Mann starken Armee des Grauens und führt diese in die Schlachten. Das Tragen von Trophäen wie abgeschlagenen Fingern oder Ohren ist als Fürst eine ganz normale Sache für ihn. Im Spiel eine tragende Rolle des Bösen zu spielen, macht Dirk Spaß. Der junge Mann weiß, dass jede Rolle im Live-Rollenspiel etwas mit der eigentlichen Identität des Menschen zu tun hat.

"Perfekte Trainingseinheiten für Lebensentwürfe"

Gregor wird zum Erzmagier Lamathiel.
Gregor wird zum Erzmagier Lamathiel.(Foto: Axel Schneppat / Gebrüder Beetz Filmproduktion)

Dirk selbst könnte zum Beispiel kein Magier sein, so wie Gregor, für den Live-Rollenspiele die "perfekten Trainingseinheiten für Lebensentwürfe sind", denn nur hier kann man ohne große Konsequenzen ausprobieren, was zu einem passt und was nicht. Gregor, der als Maskenbildner prädestiniert dafür ist, Menschen zu anderen Identitäten zu verhelfen, hat eine Sehnsucht: Er möchte im Live-Rollenspiel trotz seiner korpulenten Figur auch einmal einen Elfen spielen. Er ist sich sicher, dass er die Fähigkeit hat, seine Körperfülle wegzuspielen. Noch ist er jedoch als Erzmagier Lamathiel unterwegs, der alles daran setzt, das Geheimnis um Aniesha Feys Unantastbarkeit zu lüften. Gregor entwirft im realen Leben für einen Maskenhersteller Elfenohren und andere fantastische Accessoires.

Geiger zeigt seine Protagonisten nicht nur in ihrem Arbeitsleben und im LARP, sondern auch ganz privat. Er macht klar, dass LARP viel mehr ist als ein wundersames Hobby. So wie bei Nicole, die an etwas Höheres glaubt. Die Studentin, die alle Kostüme für sich und ihre Freunde selbst entwirft und schneidert, ist im Live-Rollenspiel die Elfenkönigin Lenora, die seit mehr als 700 Jahren im Auental gütig herrscht, aber nun durch die Bedrohung durch das Böse zu einer Schicksalsentscheidung gedrängt wird. Die junge Frau, die zum Live-Rollenspiel von ihrer Mutter begleitet wird, bezeichnet sich selbst als sehr schüchtern. Sie habe sich schon als Kind versteckt und klein gemacht. Im Live-Rollenspiel dagegen nimmt Lenora eine Hauptrolle ein, die extrovertiert und klar agieren muss. Die fantastische Welt scheint für Nicole eine große Hilfe zu sein, um ihre Rolle im Leben zu finden.

Keine Spinner oder Teufelsanbeter

Elfenkönigin Lenora ist als Nicole ziemlich schüchtern.
Elfenkönigin Lenora ist als Nicole ziemlich schüchtern.(Foto: Axel Schneppat / Gebrüder Beetz Filmproduktion)

Dem Regisseur ist es gelungen, mit unglaublichem Feingefühl die Motivation seiner Protagonisten für ihr außergewöhnliches Hobby darzustellen. Die Porträts zeigen ganz normale Menschen und ihr Dasein in zwei verschiedenen Welten, die sich durchaus überschneiden. Geiger räumt aus, dass Menschen, die sich mit Leib und Seele dem LARP hingeben, verrückte Spinner, Teufelsanbeter oder Fantasten sind, sondern Menschen, die sich auf diese ganz spezielle Art und Weise in der Auseinandersetzung mit sich selbst befinden.

In "Wochenendkrieger" wird klargemacht, dass es beim LARP um mehr als ein bloßes Hobby geht. Die Leidenschaft, den Spaß und die Kreativität, mit der die fünf das Live-Rollenspiel betreiben, kann Geiger mit großer Leichtigkeit auf die Leinwand zaubern. Er lässt dabei seine Hauptpersonen selbst zu Wort kommen. Es geht dem Regisseur nicht darum, zu urteilen oder bloßzustellen, sondern darum, beim Zuschauer den Horizont zu öffnen für Lebensentwürfe, die fremd wirken. Geiger zeigt, dass diese Form der Freizeitgestaltung durchaus ein probates Mittel sein kann, um das zu bekommen, was man im richtigen Leben vermisst, nämlich Anerkennung und Bestätigung.

"Wochenendkrieger" läuft seit dem 8. August in Deutschland im Kino.

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Quelle: n-tv.de