"Zehn kleine Negerlein" - und ein PilzLife is a "One Way Trip"

Die Schweiz. Das Synonym für Ruhe und Einsamkeit. Für heimelige Wiesen und Wälder. Für gastfreundliche Menschen. Und für Bergidylle pur. Kurzum: Die Schweiz ist ein Paradies. Aber wo die Sonne ständig scheint, ist der Schatten nicht weit. Der Horror bahnt sich auch in der Alpenrepublik seinen Weg. Vorhang auf für den Spitzkegeligen Kahlkopf.
Die Geschichte von den "Zehn kleinen Negerlein" kennt jeder. Sie hat immer zehn Strophen. In jeder stirbt ein "Negerlein". Der aus dem 19. Jahrhundert stammende Zählreim in Liedform wurde bereits sehr oft adaptiert. Sei es in anderen Liedern wie dem der Toten Hosen, wo es um die Huldigung einer geschmacklich fragwürdigen Spirituose geht; oder auch im gleichnamigen Krimi von Agatha Christie, der als "Da waren’s nur noch neun" in der berühmten Edgar-Wallace-Reihe erstmals in den 1960ern Jahren über die TV-Schirme flimmerte. Mit "One Way Trip", einer schweizerisch-österreichischen Koproduktion, bekommt das beliebte Thema einen neuen Anstrich.
In "One Way Trip" fahren fünf Freunde aus Zürich los, um das Wochenende im Jura zu verbringen. Irgendwo in den Bergen, auf einer Wiese in der Nähe eines kleinen Gebirgsflüsschens wollen sie zelten, die Ruhe und die Natur genießen und ihre Akkus wieder auftanken. Könnte man zumindest auf den ersten Blick denken. Ist aber nicht so. Die Gruppe will gemeinsam auf einen Drogentrip gehen. Abgesehen hat sie es auf den Spitzkegeligen Kahlkopf, besser bekannt als Zauberpilz, Witch Cap, Kleiner Prinz - oder: Magic Mushroom. Die vielen netten Kosenamen verdankt der Schirmling dem Psilocybin, das er enthält.
Der Spitzkegelige Kahlkopf wird zwar oft mit dem Kegeligen Düngerling verwechselt (Pilzfreunde wissen genau, worum es geht), allerdings hat nur der Spitzkegelige Kahlkopf eine besondere Wirkung: Je nach Verzehrdosis treten Rauschzustände, Halluzinationen, Orientierungs- und Gleichgewichtsstörungen auf, bis hin zu einer verzerrten Wahrnehmung.
Pilzliebhaber im Gruppenzwang
Das klingt nach einem spaßigen Wochenende für die Gruppe, die mittlerweile aus acht Teilnehmern besteht, denn bei einer Reifenpanne an einer abgelegenen Tankstelle sind noch ein gestrandetes Pärchen und ein alter Freund dazugestoßen. Zudem macht die Gruppe die verstörende Bekannschaft mit zwei kauzigen Einheimischen. Endlich am Zielort angekommen, geht die Suche nach den halluzinogenen Leckerbissen auch schon los und es dauert nicht lange, bis die acht Pilzsammler fündig werden.
Lediglich Valerie (Sabrina Reiter; "In 3 Tagen bist du tot") will nicht so recht. Sie war schon einmal auf Pilzen und irgendwie hat sie keine guten Erinnerungen an diesen Trip. Zudem ist auch ihr jüngerer Bruder Timo (Harry Lampl) mit dabei - und einer muss ja schließlich auf ihn aufpassen. Am Ende siegt der Gruppenzwang. Neben diesen beiden sind noch Mike, Thomas, Robert, Lars, Lilli und Sarah mit im Pilzwahn. Aber die Namen tun eigentlich nichts zur Sache.
Da waren's nur noch ...
Die Pilze sind gesammelt, die Nacht bricht schnell herein, ein Lagerfeuer brennt. Es kann losgehen mit dem Rausch, den Halluzinationen und dem Trip. Sollte man meinen, aber stattdessen kommt Timo völlig blutüberströmt vom Bierholen zurück und bricht vor dem Feuer zusammen.
Nun geht alles Schlag auf Schlag: Der Wind frischt auf, ein Sturm kündigt sich an, es donnert und blitzt. Die Handys funktionieren nicht. Was tun? Irgendjemand will wissen, dass es ein altes Haus tief im Wald gibt. Ein verräterischer Lichtschein weist den Verirrten schon bald den Weg. Das Haus ist alt, es ist ein Bauernhof samt Scheune - verlassen, wie es scheint. Also rein da, ein paar trockene Decken gesucht, Timo, der mittlerweile bewusstlos ist, in ein Bett verfrachtet und schon beginnt das Grauen. Wie im Horror-Lehrbuch teilt sich die Gruppe ohne lebenswichtigen Grund auf und wird systematisch dezimiert. Aus den acht "Negerlein" wird am Ende eines.
Dafür verantwortlich: die beiden Bewohner des Bauernhofs, der Förster Pius (Herbert Leiser; "Sennentuntschi", "Piff paff puff") und seine überaus gutaussehende Tochter Marlene (Melanie Winiger; "Resturlaub") - die beiden kauzigen Einheimischen von der Tankstelle. Es kommt zum Showdown vor brennender Bauernhofkulisse, nur Valerie überlebt - ohnmächtig. Als die Rettungskräfte sie abtransportieren, sieht Valerie jedoch auch Pius und Marlene lebendig, froh und munter. Was ist genau passiert? Wie ein Blitzschlag trifft sie die Erkenntnis …
Kein schlechter Trip, aber auch kein Rausch
"One Way Trip" beginnt wie unzählige andere Horrorfilme. Eine Gruppe junger Menschen - für jeden Geschmack ist etwas dabei - macht sich auf den Weg zu einem netten Wochenende. Bei einem harmlosen Unfall lernen sie zwei überaus skurrile "Einheimische" kennen, die ihnen noch den Tipp geben: "Seid vorsichtig hier oben." Der obligatorische dunkle Wald, irgendwo in der Pampa, oder besser im "Transilvanien der Schweiz", das Gewitter mitten in der Nacht, der alte, scheinbar verlassene Bauernhof - das alles passt prima ins Genrebild. Nichts Neues. Ein altes Thema, ein simpler Abklatsch, mal schweizerisch-österreichisch aufgewärmt, wobei der Regisseur Markus Welter ("Im Sog der Nacht") auch noch Deutscher ist.
So einfach ist es dann doch nicht: Ist die Hälfte des Films überstanden (die Dialoge wirken etwas hölzern), bricht sich die Slasher-Party ihre Bahn und das Herz jedes Horrorfans schlägt höher. Dass der Film auch als 3D-Variante gedreht wurde, sieht man einigen Szenen sehr positiv an. Die große Überraschung wartet dann aber zum Schluss, als sich herausstellt, dass die "acht Negerlein" nicht den zwei wunderlichen Einheimischen zum Opfer gefallen sind.
Alles in allem ist "One Way Trip" ein gut gemachter, klassischer Horrorstreifen. Dessen Schwächen - wie etwa der recht lange Anlauf, den die Story benötigt, um endlich in die Puschen zu kommen oder auch die austauschbar wirkenden Darstellercharaktere - werden aber von den Stärken wie den Effekten, der Geräuschkulisse und der klassischen Horrorfilmszenerie in den Schatten gestellt. Am Ende stellt sich doch Gruselatmosphäre ein und eine erfrischend neue und schräge Variante von "Zehn kleine Negerlein" bleibt im Gedächtnis hängen.
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