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Lana Del Reys Liebhaber im Geiste Pop-Wunder Bastille

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Mastermind von Bastille: Dan Smith.

(Foto: Greg Nolan / EMI Music)

Was kommt raus, wenn eine männliche Lana Del Rey auf Snap! und David Lynch trifft? Bastille natürlich. Mit Hymnen-Pop, hinter dem sich Coldplay verstecken können, haben es die Briten in ihrer Heimat bereits aus dem Stand zu Platz 1 und Gold gebracht. Wenn das so weitergeht, dann dürften sie auch hierzulande schon bald Arenen füllen.

"Was fällt euch beim Datum 14. Juli ein?" "Dass ich schon wieder vergessen habe, Dan ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen", antwortet Schlagzeuger Chris "Woody" Wood spontan. Der Bandname der britischen Newcomer Bastille ist schließlich nicht ohne Bedacht gewählt. Am 14. Juli 1987 wurde der Sänger und Mastermind der Gruppe, Dan Smith, geboren. Am gleichen Tag, nur 198 Jahre früher, fand auch der historische Sturm auf die Bastille statt - Auftakt zur Französischen Revolution. Doch, so wiegelt Smith sogleich ab, man dürfe auch nicht zu viel in das Wortspiel hinein interpretieren: "Wir wurden einmal in einem Interview gefragt, ob wir uns für den Namen entschieden hätten, im Glauben, die Musikindustrie revolutionieren zu können. Nein, natürlich nicht!"

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Die Revolution plant er nicht.

(Foto: Ignacio Torres / EMI Music)

Heute noch eine Revolution in der Popmusik anzuzetteln, erscheint unmöglich. Doch manche Festung lässt sich schon noch erstürmen. Zum Beispiel die der Charts. In ihrer Heimat eroberten Bastille mit ihrem Debüt-Album "Bad Blood" aus dem Stand die Nummer 1. Binnen kürzester Zeit erreichte das Werk Gold-Status. Und auch die Presse jubelt der Band zu. "Bastille liefern wirklich ab", urteilte etwa die altehrwürdige BBC. Und die "Daily Mail" verstieg sich gar zu der Aussage: "Sie sind dabei, alles zu beherrschen."

Ausverkauften Tourneen in Großbritannien ließ die Gruppe soeben in München, Berlin und Köln drei Deutschland-Konzerte folgen. Und auch die waren - natürlich - ausverkauft. Während sie hierzulande noch durch eher beschauliche Clubs tingeln, werden Bastille in England Ende Mai vor Zehntausenden auftreten - im Vorprogramm der Rock-Giganten von Muse. "Wenn man anfängt, dann träumt man von einem Nummer-1-Album oder davon, einmal mit Muse aufzutreten. Aber wenn es dann wirklich passiert … Fuck! Das ist total surreal", sagt Wood, der laut seinen Band-Kollegen größte Muse-Fan auf dem Planeten. "Am allerletzten Tag darf er dann unter Aufsicht fünf Minuten mit ihnen sprechen", zieht ihn Bastille-Bassist Will Farquarson, der mit Keyboarder Kyle Simmons das Quartett komplettiert, dann auch genüsslich auf.

"Kein Barock"

"Der Gedanke an Arenen flößt mir eher Angst ein", sagt Smith, der die intimere Atmosphäre in kleinen Hallen zu schätzen weiß: "Ich mag es, wenn ich alle im Publikum sehen kann und das Gefühl habe, ein Teil davon zu sein." Dabei scheint der Hymnen-Pop der Briten geradezu für Stadien gemacht zu sein. Auf dem Album "Bad Blood", aus dem bereits fünf Singles ausgekoppelt wurden, reiht sich ein Ohrwurm an den nächsten. Vergleiche mit anderen Bands wie etwa Coldplay mag Smith dabei - wie so ziemlich jeder Musiker - nicht wirklich gerne hören. "Wir haben uns nicht vorgenommen, wie irgendjemand anderes zu klingen", erklärt der Sänger und fügt hinzu: "Wir sind von allem möglichen beeinflusst - von Indie über akustische Musik bis hin zu R'n'B und Hip-Hop-Beats." Okay, ein paar kleinere Ausschlüsse gibt es doch: "Kein Jazz. Und kein Barock."

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Wer braucht schon Schlaf?

(Foto: Ignacio Torres / EMI Music)

Mittlerweile fühlen sich Bastille als Band. Doch Smith war und ist der unbestreitbare Chef im Ring. Er schreibt alle Songs. Viele von ihnen, wie er gerne erzählt, in seinem Schlafzimmer. Hat ihm denn niemand gesagt, dass das eigentlich zum Schlafen bestimmt ist? "Wenn ich nachts eine Idee habe, stehe ich auf, um daran zu arbeiten", antwortet Smith lachend. "Dadurch schlafe ich ziemlich wenig." Farquarson ergänzt: "Wir haben sogar in Dans Schlafzimmer geprobt. Das ist tatsächlich das Epizentrum der Bastille-Maschine."

Dabei war die Musik ursprünglich gar nicht Smiths erste Wahl. Als Kind träumte er davon, Schriftsteller Regisseur oder Journalist zu werden. Und auch später betrachtete er die Musik zunächst eigentlich nur als Hobby. "Ich habe Englisch studiert und wollte Journalist werden. Ich habe für eine Studentenzeitung geschrieben und Praktika gemacht", erzählt er. Freunde hätten ihn dann dazu ermuntert, seine musikalische Karriere zu forcieren. "Ich finde, Journalismus und Musik sind sich in gewisser Weise sehr ähnlich - man kann in beiden Bereichen noch so hart arbeiten, ohne dass dies zwingend zu einem Fortschritt führen muss. Es gibt sehr viele sehr gute Journalisten, die wahnsinnig schuften, ohne je voranzukommen. In der Musik ist das genauso", sagt Smith. Auf das Angebot, Platz zu tauschen, will er indes nicht eingehen. "Musik fand ich die angenehmere Wahl. Songs zu machen war für mich erfüllender."

Covern und gecovert werden

Zu den ersten Songs, die Smith einspielte, gehörten dabei zahlreiche Cover-Versionen. Ehe der Plattenvertrag und das Debütalbum unter Dach und Fach waren, veröffentlichten Bastille im Internet zwei "Mixtapes", auf denen sich Neuinterpretationen diverser Songs aus beinahe der gesamten Musikgeschichte befinden. Aufhorchen lassen einen dabei jedoch vor allem die Coverversionen früherer Eurodance-Stampfer, die die Gruppe gerne auch mal live zum Besten gibt - von Haddaways "What Is Love" über Snap!s "Rhythm Is A Dancer" bis hin zu "Rhythm Of The Night" vom One-Hit-Wonder Corona.

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Im Repertoire hat er auch so manchen alten Eurodance-Kracher.

(Foto: Ignacio Torres / EMI Music)

"Das ist komplett ironisch gemeint", bestätigt Smith, dass diese Songauswahl, gemessen am sonstigen Stil der Band, doch recht schräg ist. "Und wenn sich jemand die Originale anhört, wird er feststellen, dass es in unseren Versionen eine Menge Fehler gibt", ergänzt er mit einem Lachen. Anfangs habe man aus der puren Not heraus gecovert - weil die eigenen Lieder für die Live-Auftritte noch nicht reichten. So bürgerte sich etwa "What Would You Do?", das mit City High ebenfalls ein One-Hit-Wonder war, als traditionelle Zugabe ein. "Wir hatten nach einem Song gesucht, den die Leute kennen, aber bei dem sie sich nicht erinnern können, woher eigentlich." Lustig finde er, dass die Ironie inzwischen oft verloren gegangen sei, fügt Farquarson hinzu: "Viele unserer jüngeren Fans denken, wir hätten die Songs geschrieben. Es gibt zum Beispiel online eine Diskussion, ob City High uns gecovert haben", amüsiert er sich.

City High sind des Plagiats zweifellos unverdächtig - viele andere sind es nicht. Die Songs von Bastille werden von Freizeitmusikern bei YouTube tausendfach nachgespielt. "Ja, das ist verrückt", erklärt Smith. "Wenn du einen Song in deinem Schlafzimmer aufnimmst, ist das Letzte, das du erwartest, dass dir auf einmal jemand einen Link zu irgendeinem Mädchen in den USA schickt, das deinen Song im Badezimmer singt." Zu seinen Favoriten gehöre eine Neuinterpretation des Lieds "Flaws" von einer jungen Frau namens Kate McGill, verrät der Sänger. Nicht nur, weil sie eine wunderschöne Stimme habe, sondern auch, weil sie vermutlich das allererste Bastille-Cover überhaupt ins Netz gestellt hat.

Hommage an David Lynch

Dass Smith und seine Mitstreiter die vielen Cover-Videos in erster Linie als Kompliment verstehen, hängt vermutlich auch damit zusammen, dass sie sich anfangs ebenfalls via YouTube Gehör verschafften. Und dabei ebenso auf fremdes Material zurückgriffen. Den bereits erwähnten Song "Flaws" bebilderten Bastille mit Ausschnitten aus dem 70er-Jahre-Roadmovie "Badlands" von Terrence Malick. Binnen weniger Wochen wurde das Video mehr als 250.000 Mal angeklickt. Später wurde ein neuer Clip für den Song gedreht - die Verwendung der Filmszenen ohne Erlaubnis war auf Dauer dann doch zu heikel.

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Das Debütalbum von Bastille heißt "Bad Blood".

(Foto: EMI Music)

Gleichwohl hat die Geschichte einen gewissen Symbolcharakter: Smith ist ein Film-Freak. Nicht ohne Grund sieht das Cover des "Bad Blood"-Albums wie ein Kinoplakat aus. Vor allem haben es dem Sänger die düsteren und verstörenden Werke von David Lynch angetan. Der Song "Laura Palmer" ist eine Hommage an den Regisseur und seine Kultserie "Twin Peaks", in der es um den Mord an eben jener Laura Palmer geht. Als sie 1990 erstmals in den USA über die Fernsehschirme flimmerte, war Smith gerade mal drei Jahre alt. Woher also kommt seine Faszination dafür? "Ich habe Lynchs Film 'Mulholland Drive' gesehen, als er ins Kino kam. Mit meinem Vater - was bei den Lesben-Sex-Szenen ziemlich peinlich war", sorgt Smith für allgemeines Gelächter. Der Streifen habe ihn so beeindruckt, dass er nach und nach auch alle anderen Werke von Lynch bis hin zu "Twin Peaks" verschlungen habe. "Ich war vielleicht zehn Jahre zu spät dran. Aber mich hat das wirklich gefesselt", erklärt der 25-Jährige.

"Ich hoffe nicht", antwortet Smith auf die Frage, ob Lynch denn von Bastilles Ehrerbietung an ihn wisse. Zu groß sei seine Angst, dass dem Regisseur die Musik nicht gefallen könnte. Würde Lynch hingegen anrufen und ihn fragen, ob er denn den Soundtrack zu seinem neuen Film machen wolle, würde er keine Sekunde zögern: "Natürlich! Sofort! Aber auch da hätte ich Sorge, dass es nicht gut genug wäre."

Glaubt man Bastilles Plattenfirma, dann gibt es für Smith eine Traumpartnerin. Wären er und Lana Del Rey bei einer Dating-Plattform angemeldet, wären sie "in Nullkommanichts ein Paar", heißt es in der Biografie. "Das steht da drin? Was ist denn da passiert?", wirft Kyle Simmons feixend ein, während Smith unter dem Grinsen seiner Band-Kollegen mit den Augen rollt. "Wir werden gerade dauernd danach gefragt", erklärt er. "Ich glaube, es geht darum, dass wir beide uns für diesen Video-Kram interessieren. Es geht um den cinematisch-ästhetischen Aspekt", sucht der Sänger nach einer Erläuterung. "Ihr hättet auf jeden Fall süße Kinder", stichelt Wood weiter. "Aber sie ist doch mit einem von dieser Band aus Schottland zusammen", hält Smith dagegen. "Das hält doch nicht", gibt Wood erneut Kontra - und Smith sich schließlich unter dem Gelächter seiner Mitstreiter geschlagen.

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Quelle: n-tv.de

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