Ein Sturm zieht auf"Take Shelter": Die Apokalypse naht

Dunkle Wolken am Horizont verheißen nichts Gutes. Sie kündigen etwas Schlimmes an, vor allem, wenn sie urplötzlich in Träumen auftauchen. Für den glücklichen Familienvater und Ehemann Curtis verändern sie alles. Sie stellen sein Leben auf den Kopf, seine Ehe auf die Probe. Werden die Albträume Realität? Sind sie Vorboten der Apokalypse?
Dieses Gefühl kennt jeder: Das Leben könnte nicht perfekter sein: Der Job bringt nicht nur genügend Geld, er macht auch noch Spaß. Zu Hause warten ein schönes Heim und eine glückliche Familie. Die Frau liebt dich, die Tochter vergöttert dich und umgekehrt ist das genauso. Alles ist perfekt. Zu perfekt, weiß nicht nur der Stephen-King-Leser. Gerade wenn du denkst, was du doch für ein Glückspilz bist, kommt wie aus dem Nichts die Faust des Lebens und schlägt dir so hart in die Magengrube, dass dir die Luft wegbleibt.
Curtis LaForche (Michael Shannon; "The Runaways", "World Trade Center") kennt das. Er ist ein liebender Ehemann und ein fürsorglicher Vater. Er kommt aus der Arbeiterschicht und verdient sein Geld auf dem Bau. Er ist ehrlich, unkompliziert, ein wenig introvertiert. Er ist in der beschaulichen Kleinstadt im Mittelwesten der USA, in der er, seine Frau Samantha (Jessica Chastain; "The Help") und seine taubstumme Tochter Hannah (Tova Stewart) wohnen, beliebt. Seine Meinung wird geschätzt. Das Leben der LaForches ist zwar einfach, große finanzielle Sprünge sind nicht drin - aber die Familie ist glücklich, und nur das zählt.
Dunkle Wolken
Doch das Glück ist launisch. Wie aus dem Nichts plagen Curtis des Nachts Albträume: Anfangs sieht er nur dunkle Wolken am Horizont aufziehen. Die Vorboten eines Sturms? Dann fällt dazu auch noch dickflüssiger, an Motoröl erinnernder Regen zu Boden. Riesige Vogelschwärme tauchen auf, verdunkeln den Himmel, kreisen wild über Curtis, seiner Familie und seinen Arbeitskollegen. Jedes Mal wacht Curtis kreidebleich und schweißgebadet auf. Er kann sich die Träume nicht erklären.
Als er dann eines Nachts träumt, dass sein geliebter Hund, mit dem Hannah so gern spielt, ihn angreift und seinen Arm zerfleischt, verbannt er den Hund aus dem Haus. Mit seiner Frau spricht er über die Träume nicht, denn Curtis hat Angst. Angst davor, dass er der gleichen Krankheit anheimfällt wie seine Mutter, die seit Jahren an Schizophrenie leidet. Er sucht einen Arzt auf, bekommt Pillen verschrieben, aber sie helfen nicht. Curtis ist sich nun sicher: Irgendetwas Schreckliches wird passieren - und er muss alles tun, um seine Familie zu schützen.
Curtis fängt an, den Sturmschutzbunker im Garten wieder auf Vordermann zu bringen. Seine Frau beäugt ihn dabei zunehmend skeptisch, auch weil er mit ihr nicht über seine Albträume sprechen will. Curtis nabelt sich immer mehr von seiner Familie ab. In seinen Träumen häufen sich die Gewaltausbrüche seiner Mitmenschen. Die Zeit wird knapp. Curtis leiht sich Arbeitsgerät von der Baustelle aus und verliert daraufhin seinen Job. Die Krankenversicherung, die vor allem für seine taubstumme Tochter so wichtig ist, weil es offenbar Heilungschancen gibt, ist dahin. Nur wenige Wochen bleiben ihm noch.
Er geht zur Bank, beleiht das Haus, um den Sturmschutzbunker fertigzustellen. Er übergeht dabei seine Frau, die ihn zur Rede stellt. Dunkle Scheidungswolken türmen sich auf. Aber Curtis kann nicht mehr anders. Er ist sich sicher, ein Sturm apokalyptischen Ausmaßes naht, auch wenn ihm nicht einmal seine eigene Familie glauben will. Doch dann schlagen die in der gesamten Kleinstadt verteilten Sirenen am hellichten Tag plötzlich lautstark Alarm …
Festivalhit mit Tiefgang
Regisseur Jeff Nichols ist mit "Take Shelter" ein Meisterwerk gelungen, einer dieser immer seltener werdenden Filme, von denen man sich wünscht, es möge sie doch häufiger geben. Der Plot erinnert dabei an den Altmeister des Horrors, Stephen King. Er schafft aus dem Alltäglichen heraus das plötzlich an die Tür klopfende Böse. Und auch wenn "Take Shelter" alles andere als ein Horrorfilm ist, sondern eher in Richtung Drama und Thriller geht, besitzt der Film doch genau diese Kingsche Attitüde. Jeder kann mit Curtis mitfühlen, sich in seine Person, sein Denken hineinversetzen. Jeder kann Curtis sein: Wer würde nicht alles für den Schutz seiner geliebten Familie riskieren?
Die Hauptdarsteller Michael Shannon und Jessica Chastain heben "Take Shelter" zudem noch ein Stück weiter aus dem Hollywood-Einerlei heraus. Nach "Take Shelter" spielte Chastain die Rolle der Celia Foote in "The Help" und wurde dafür für den Golden Globe und den Oscar nominiert. Chastains und vor allem Shannons eindringliches Spiel ist es, das die normalen Zuschauer abholt und fesselt und ebenso die Kritiker beeindruckt hat: "Take Shelter" wurde mit mehr als 20 Filmpreisen ausgezeichnet, darunter auch mit dem Kritikerpreis des Filmfestivals von Cannes.
"Take Shelter" ist ein Katastrophenfilm. Allerdings keiner der mit Explosionen, Feuerwänden und brachialer Zerstörung aufwartet. Statt mit Spezialeffekten punktet Nichols’ Werk mit der schieren Kraft der Suggestion, der Vorstellungs- und Einbildungskraft. Er baut sein Schreckensszenario in aller Ruhe und Sorgfalt auf und entfaltet so seine ungeheure Wirkung. "Take Shelter" macht Angst. Er beweist, dass der größte Horror im Alltäglichen steckt und dich immer dann knallhart trifft, wenn du es am wenigsten erwartest. Jetzt, zum Beispiel ...