Unterhaltung
Die Dinge des Lebens ...
Die Dinge des Lebens ...
Dienstag, 31. März 2015

"Everything Will Be Fine": Vergeben, vergessen, verzeihen?

Von Sabine Oelmann

Alles wird gut, suggeriert der Titel. Doch wird es das wirklich? Wim Wenders neuer Film "Every Thing Will Be Fine" spielt mit dem Leben und damit, dass selbst aus der größten Katastrophe etwas entstehen kann, das uns als Mensch voranbringt.

Pluspunkt eins in "Everything Will Be Fine": der großartige Schauspieler James Franco. Genau, der James Franco, den Anke Engelke auf der Berlinale so unverschämt lässig bei der Eröffnungsveranstaltung angemacht hat, dass sich selbst dieser coole Kerl auf dem Sitz winden musste. Dieser Typ, der einen Körper zum Niederknien und einen Augenaufschlag hat, der jede Frau (und einige Männer) zum Träumen bringt. Denn wenn seine Wimpern auf und niedergehen, dann weht ein kleiner, leiser Wind - Schmetterlingen gleich, die sich von einer Blüte erheben.

Kate und ihr Sohn machen weiter, irgendwie.
Kate und ihr Sohn machen weiter, irgendwie.

Pluspunkte zwei und drei: die wunderbare und spröde Charlotte Gainsbourg, die man fortwährend in den Arm nehmen möchte, und eine Rachel McAdams, die so wandelbar ist, dass es schwer fällt, sie immer wiederzuerkennen.

Pluspunkt vier: eine Geschichte, die unter die Haut geht. Vielleicht auch deswegen, weil es eine 3D-Story ist. Wir lernen Tomas (James Franco) gehen, einen Schriftsteller auf der Suche. Auf der Suche nach sich selbst, auf der Suche nach Worten, auf der Suchen nach dem Leben, das er führen möchte. Seine Freundin Sara (Rachel McAdams) hingegen weiß ganz genau, was sie will: ihn. Und ein Kind von ihm. Ein ganz normales Leben, in einem Haus, mit Freunden und leckerem Essen, mit ganz normalem Sex und Abenden vor dem Kamin zu zweit. Dass er das nicht will, sehen wir Tomas bereits in den ersten Einstellungen an, ohne dass er etwas gesagt hätte, ohne dass wir die beiden zusammen gesehen hätten.

Vergebung statt "Die Zeit heilt alle Wunden"

Es kann nichts werden zwischen Tomas und Sara.
Es kann nichts werden zwischen Tomas und Sara.

An einem Winterabend, Tomas ist auf dem Weg nach Hause, geschieht das Unfassbare: Er überfährt ein Kind. Er kann nichts dafür. Das Kind kann nichts dafür. Kate, die Mutter des Kindes (Charlotte Gainsbourg) kann nichts dafür. Sara kann nichts dafür. Und doch bekommt sie am meisten ab: Seine latente Wut, sein Nicht-aus-der-Haut-können, die Unfähigkeit, seine Gefühle in Worte zu fassen. Tomas fällt in ein tiefes Loch. Und obwohl Kate ihm keinerlei Vorwürfe macht, zermartert er sich das Hirn mit "was wäre gewesen, wenn"-Gedanken.

So langsam ist die Kamera, dass wir das Gefühl bekommen, in James Francos Gedanken kriechen zu können. So abweisend und verschlossen wirkt er oft, dass wir ihn schütteln möchten. Und so genau sind die Beobachtungen des Regisseurs, dass wir miterleben, wie furchtbar es ist, wenn einer liebt und der andere nicht gleichermaßen zurückliebt.

Wir staunen darüber, dass das Leben weitergeht für eine Mutter, die ein Kind verloren hat, aber für ein anderes noch da sein muss. Die weiß, dass es das viel zitierte Schicksal war, das ihr den kleinen Sohn genommen hat und die nicht in die einfachste aller menschlichen Gefühlsregungen verfällt - nämlich die Schuld bei einem anderen zu suchen.

Das alles beobachten wir über zwölf Jahre. Zwölf Jahre, in denen es Tomas doch noch gelingt, Worte zu finden, nämlich die Worte, die seine eigene Tragödie aus ihm hervorgebracht haben. Zwölf Jahre, in denen sich Sara ein neues Leben aufbaut und dennoch mit einer nicht ganz verheilten Narbe durch die Welt läuft; der Narbe, dass es ihr nicht gelungen ist, Tomas glücklich zu machen.

Wir erleben, wie Kate über den Albtraum hinwegkommt, allein. Wir sind dabei, als Tomas zurückkehrt an den Ort des Unfalls und sind erstaunt, als die beiden – Kate und Tomas - voller Verständnis aufeinander zugehen. Wir sehen, wie der Bruder des getöteten Jungen groß wird und sich alles darauf zuspitzt, dass er den Mann treffen will, der seinem jungen Leben einen so großen Verlust beigebracht hat und auch, wie er die Mit-Verantwortung für den Tod des kleinen Bruders trägt.

Endlich am Ziel?

Die Langsamkeit, mit der Tomas sich durchs Leben bewegt, die man ihm manchmal auch als Unentschlossenheit auslegen könnte und die den Zuschauer an einigen Stellen ungeduldig macht, entpuppt sich im letzten Drittel des Films jedoch als dessen größte Stärke. Inzwischen mit einer eigenen Familie glücklich, sieht es so aus, als hätte er es geschafft: sein Leben hat einen Sinn, er ist erfolgreich, mit den Dämonen der Vergangenheit hat er abgeschlossen und man ist geneigt zu sagen: Na bitte, die Zeit heilt alle Wunden. Aber es ist nicht die Zeit, die alle Wunden heilt.

Als Christopher (Robert Naylor) der überlebende Bruder und inzwischen 17 Jahre alt, in Tomas' Leben auftaucht, alte Wunden aufreißt, etwas von ihm verlangt, was Tomas erst nicht bereit ist zu geben, da kristallisiert sich heraus, dass die größte Kraft in einer solchen Tragödie nur eines sein kann: Vergebung. Und anfangen sollte ein jeder damit, dass er sich selbst verzeiht.

Mehr Zeit für den Zuschauer

Schön, dass Wim Wenders sich die Zeit genommen hat, diesen Film für Erwachsene zu drehen. Und dass er dem Zuschauer Zeit gibt, das Thema wirken zu lassen. Denn auch wenn der Film länger ist als die üblichen 90, und zwar 118 Minuten, ist kein Augenblick verschwendet. "Everything Will Be Fine" ist ein stiller Film; die Musik jedoch ist kraftvoll und das Geschehen noch intensiver durch das 3D-Erlebnis. Bereits in "Pina" war Wenders ganz verliebt in diese Technik und jetzt sieht es so aus, als hätte er geradezu eine neue Kunstform geschaffen.

Vielleicht kann man Wenders vorwerfen, sich in einigen Erzählsträngen zu sehr zu verlieren (die Geschichte von Tomas und seinem Vater hätte es fast nicht gebraucht), aber sich mal wieder einzulassen auf einen Film, der nicht nur von schnellen Schnitten, möglichst viel "Krawumm" und Nacktszenen lebt, ist schön. Ein "Kinoerlebnis" könnte man es auch nennen.

Für Wim Wenders gilt anscheinend: "Everything will be okay in the end. If it's not okay, it's not the end."

"Everything Will Be Fine" von Wim Wenders startet am 2. April 2015 in den deutschen Kinos.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de