Moment mal - MomentumWenn Jamie Cullum Rihanna wäre ...

Der Mann ist eine Naturgewalt: Seine Stimme, die immer ein wenig erkältet klingt, ist markant. Seine Auftritte vergisst man nie - und deswegen ist auch die Frage: "Was hat er die letzten drei Jahre nur gemacht?" schnell beantwortet: Er war auf Tour. Endlich gibt es nun ein neues Album. n-tv.de traf den Künstler im Berliner Hotel Lux.
Jamie Cullum meldet sich zurück. Am 17. Mai erscheint mit "Momentum" das nächste Kapitel seines musikalischen Schaffens, das in Sachen Vielfalt und Leidenschaft seinesgleichen sucht. Fast ganz nebenbei ist er Vater von zwei Mädchen geworden - und die sorgen dafür, dass sein neues Album vielleicht ein bisschen erwachsener klingt. Vielleicht. n-tv.de sprach mit dem sympathischen 33-Jährigen über Frauen, Fernsehen und die Fantasie.
n-tv.de: Wir haben länger nichts von dir gehört - was war los?
Jamie Cullum: Ach, ich hatte eine Menge zu tun. Ich war auf Tournee, beispielsweise, und es braucht schon eine gewisse Weile, um einmal um die ganze Welt zu kommen. (lacht) Ich sitze dann ja nicht untätig in der Ecke, ich verstricke mich auch gern in andere Angelegenheiten. Zum Beispiel bin ich an einem DJ-Projekt meines Bruders beteiligt, außerdem habe ich seit einiger Zeit eine Radio-Show auf BBC. Aber wenn man dann wieder ein Album herausbringt, dann denken alle, der hat's gut, der hat die ganze Zeit rumgesessen und nix gemacht. Dabei war ich die ganze Zeit unterwegs, wirklich! Und ich brauchte diese Zeit auch!
Konntest du denn Inspiration sammeln, Ruhe? Klare Gedanken fassen?
(zögert) Yeaaah ... Doch, schon. Ich versuch dann auch immer zu hören, was die Kollegen so machen (lacht). Und wenn ich Rihanna wäre, dann wäre das alles auch gar kein Problem: Sie kommt von einer Tour und hat schon wieder eine ganze Tüte voller neuer Songs dabei. (lacht) Sie ist unglaublich!
Ich steh' nicht so auf sie, aber ihr aktueller Song "Stay" ist ein absoluter Hammer ...
Ja, ja, find' ich auch! Wunderbarer Song.
Du hast auch ein Lied für Roman Lob geschrieben - wie kam es denn dazu?
Ja, das hört sich größer an als es ist, es war eher so, dass ich diesen Song einfach irgendwann schon mal geschrieben hatte. Als man dann auf der Suche nach einem Song für Roman war, da haben sie meinen quasi nur gefunden und ihn genommen. Aber es war mir eine Ehre, der Song passte so perfekt zu ihm! Und ihr in Deutschland haltet mich jetzt auch für einen Songwriter, das ist toll, danke (lacht). In Großbritannien vergessen die das manchmal.
Wofür hält man dich denn in England?
Schon auch für einen Songwriter, aber ich stehe dort mehr für diesen Oldschool-Stil. Man traut mir wohl nichts Modernes zu. (lacht)
Aber du bist doch in zwei Gebieten zu Hause, in der Jazz-Welt genauso wie in der Pop-Abteilung.
Ja, richtig, absolut. Aber in meiner Heimat tut man sich schwerer damit, einen mal wieder aus der Schublade rauszulassen, wenn man da erstmal reingepackt wurde. Sie wollen, dass du so bleibst, wie sie dich kennengelernt haben.
Du hast ja eine Radio-Show - ist das nicht das Beste, was einem Musiker passieren kann, eine eigene Radio-Show?
Ja, das ist Wahnsinn.
Da kann man den Leuten doch Geschmack beibringen ...
(lacht) Naja, mein Manager hat mich dazu gezwungen (Anm.: Der Manager sitzt am Tisch hinter Jamie Cullum und bearbeitet sein mit einem Schneewittchen beklebten Laptop, blickt kurz auf, lächelt, macht weiter). Er meinte, es würde mir gut tun und zu mir passen. Ich wollte zuerst nicht, aber er hat mich überredet. Und (blickt sich um) er hatte natürlich wie immer recht, es macht total Spaß!
Einmal in der Woche?
Ja, aber ich kann es auch von unterwegs machen, das ist super. Ich habe eine Million Zuhörer in der Woche, ich freu' mich! Oder? (blickt sich um zu seinem Manager, der nickt und ihm bestätigt, dass seine abendliche Sendung die mit den meisten Hörern ist).
Und wann geht's dann zum Fernsehen?
(Lächelt, stottert ein bisschen) Ich bin eigentlich nicht am Fernsehen interessiert, muss ich gestehen. Das ist nicht mein Ding. Ich gucke lieber fern (lacht), und zwar nicht zu wenig. Aber vor die Kamera möchte ich nicht, ich fühle mich im Radio sehr wohl.
Was guckst du denn am liebsten im Fernsehen?
Oh, Serien wie "Die Sopranos" und "Modern Family", gute Dokus, am liebsten mit meiner Frau (Anm. d. Red.: Sophie Dahl, Fotomodel und Schriftstellerin).
Dürfen deine Kinder fernsehen?
Ja, ich bin da nicht so ein Fernseh-Verbots-Nazi (lächelt entschuldigend). Ich finde, sie können ein bisschen was morgens sehen, ein bisschen abends, das ist schon okay. So lange sie auch noch andere Sachen machen und spielen, hab' ich nichts dagegen. Es hat doch auch keinen Sinn, wenn ich meinen Kindern ständig verbieten würde, fernzusehen und nicht an den Computer zu dürfen, dann würden sie es irgendwann heimlich machen, oder?
Es wird durch Verbote sicher noch interessanter ...
Ja, und sie lernen doch auch durch das Fernsehen ... Ich hab auch als Kind ferngesehen, und aus mir ist doch was geworden (lacht). Lesen kann ich auch! Und dann darf man auch nicht vergessen, dass der Fernseher auch eine perfekte Nanny ist (lacht). Naja, ein bisschen.
Sicher, das kenn' ich auch. Für eine halbe Stunde Pause macht man ja echt alles ...
... ja, und es gibt witzige Filme.
Aristocats zum Beispiel.
Genau, das ist ein super Beispiel. Das kann man sich 20 Mal angucken und es wird nicht langweilig. Es ist eher schon ein Stück Zeitgeschichte und auch Kunst, ja.
Was hälst du denn von Casting-Shows speziell für Kinder?
Speziell für Kinder? Mhh .... das ist eine schwierige Frage. Ich finde, Kinder haben es heute eh schon nicht so leicht, und sie werden schnell erwachsen. Das ist doch hart, wenn man als Kind von so einer Jury bewertet wird, denke ich. Und auch der Gedanke, dass man nur wer ist, wenn man "es" im Fernsehen geschafft hat, ist fatal. Das hört sich ein bisschen blöd an, weil ich es ja schließlich so vorlebe, aber das ist mit ein Grund, warum wir aufs Land gezogen sind.
Um Ruhe zu haben?
Ja, meine Frau und ich haben diese Entscheidung sehr bewusst getroffen. Wir würden schon gerne in der Stadt leben, aber wir wollten unsere Kinder davor schützen, unter Beobachtung aufzuwachsen. Sie sollen eine unbeschwerte Kindheit haben. Es ist jetzt nicht so, dass wir ständig von Paparazzi verfolgt werden würden, ...
... aber ihr seid schon ein auffälliges Paar ...
... ja, und wenn das passieren würde, das wäre scheußlich für die Kinder. Und wenn sie eines Tages Schriftsteller, Schauspieler oder Sänger werden wollen, dann ist das auch gut, aber vorher sollen sie ganz normal aufwachsen. Die Entscheidung sollen sie selbst treffen und nicht jemand anders.
Bereitest du dich für deine Shows, die ja physisch recht anstrengend werden können, speziell vor?
Ja, schon, aber dass ich auf der Bühne so ausraste, das passiert einfach. Ich wärme mich aber auf, achte auf meine Stimme, trinke nicht mehr so viel Whisky vor der Show, naja, ich versuche, in der letzten Stunde davor runterzufahren. Ich bin einigermaßen fit, ich laufe viel. Ich mach nix Spezielles. Ich habe nur gemerkt, dass ich mich mehr ausruhen muss.
Dein Album soll widerspiegeln, dass du jetzt erwachsen bist, ist das richtig?
Naja, ich war das ja vorher auch schon, aber ich habe das Gefühl, dass ich jetzt doch mehr bei mir bin als früher. Ich bin 33, das ist jung, aber ich habe ja früh angefangen mit der Musik, und jetzt bin ich verheiratet und habe zwei Kinder, da ändert sich vieles. Vorher war ich sozusagen frei, nur für mich verantwortlich, und jetzt ist da einfach mehr. Aber das ist gut so! Man muss sich ordnen und Fragen beantworten: Gibt es einen Gott, gibt es keinen, wen wähle ich, und wen auf keinen Fall, wo will ich leben. Vorher konnte man rummachen, mit wem man wollte, aber wenn man sich für eine Person entschieden hat, ist das vorbei. Verstehst du, es geht um Werte. Man sieht die Welt viel klarer, das ist auf der einen Seite einfacher, aber auch beängstigender, denn die Welt ist ein schwieriger Ort, und für Kinder muss man gute Antworten haben und Entscheidungen treffen. Ums kurz zu sagen: Eltern zu werden ist das Härteste, aber auch das Beste. (lächelt)
Manchmal möchte man doch aber selbst wieder Kind sein, oder?
Ja, davon handeln auch ein paar Songs auf dem Album, von der Sehnsucht danach, wieder klein zu sein. Bevor man Verantwortung tragen musste. Wo man sich einfach wieder ins Bett legen konnte ...
Das kannst du doch machen, wenn du auf Tour bist, oder?
Ja, stimmt, das mach' ich auch manchmal (lächelt). Und davon handeln auch ein paar Songs, davon, dass jetzt nicht alles vorbei ist, bloß weil man Kinder hat. Das Leben verläuft viel mehr ohne Drehbuch, als man denkt. Es wird dafür alles intensiver.
Hast du nicht manchmal Angst vor diesem Crossover-Image, also Pop- und Jazz-Musiker zu sein?
Ja, das ist an manchen Stellen schon echt beängstigend, ich mag das eigentlich nicht. Ich versuche auch nicht, eine Version von irgendetwas wieder abzuspulen, ich will mir eher einen Teil woanders rauspicken, und dann will ich es neu machen. Ich weiß nicht, ob das immer gelingt, aber das ist jedenfalls mein Ansatz. Ich meine, ich habe da Ansätze von Jazz auf meinem neuen Album, aber ist definitiv kein Jazz-Album. Ich versuche einfach Neues, ich experimentiere herum.
Gibt es einen Namen für deinen Stil?
Nein (lacht), das ist dann dein Job!
Du redest nicht gerne über dein Privatleben, heißt es, aber auf Twitter konnte man neulich lesen, dass du so stolz bist auf deine Frau und ihre neue Kollektion, die sie entworfen hat.
Ja, das stimmt. Ich plaudere nicht gerne aus dem Schlafzimmer, aber jeder kann wissen, dass ich verliebt bin in meine Frau und stolz auf sie bin und sie tolle Klamotten designt hat und dass meine Kinder Mädchen sind, das ist alles okay. Es darf eben nicht zu intim werden, das will doch keiner, ob man nun bekannt oder nicht bekannt ist. Geh' mal auf die Seite, die Sachen sind toll.
Das wird teuer, oder?
Nee, es geht.
Zurück zur Musik: Deine erste Auskopplung heißt "Everything You Didn't Do". Was hast du noch nicht getan?
Unmengen an Sachen. Der Song beschreibt das Gefühl, wenn man zwanzig ist und einen Fehler macht, dann sagt man sich, ach, Mist, aber egal, weiter. Wenn man über dreißig ist, sagt man sich auch "ach Mist", aber man denkt doch mehr darüber nach, was man nun anders machen sollte. Glaub' ich. (lacht) Man muss sich auch immer selbst neue Möglichkeiten verschaffen, statt nur darauf zu warten, dass etwas passiert. Macht das Sinn?
Das ergibt total Sinn!
Mit Jamie Cullum sprach Sabine Oelmann
Sein Album "Momentum" erscheint am 17. Mai bei Universal Records