Musik

CJ Ramone, Punk und Soloalbum "Die Ramones sind Teil meiner DNA"

Zwei Mal hat Christopher Ward alias CJ Ramone Metallica einen Korb gegeben. Bei seiner Familie zu sein und sich um seinen autistischen Sohn zu kümmern war ihm nach dem Ende der Ramones wichtiger, als mit James Hetfield und seinen Mannen auf Tour zu gehen. Mit dem Tod von Drummer Tommy Ramone im Juli sind inzwischen alle Gründungsmitglieder der Punkband verstorben. CJ Ramone, der neben den späteren Schlagzeugern Marky und Richie Ramone noch lebt, wurde zu einer Art musikalischem Nachlassverwalter, der den typischen Sound der Band weiterleben lässt. Mit n-tv.de spricht er über seine Zeit mit der Punkband und warum sie ihn lange nicht losgelassen hat.

n-tv.de: Auf "Last Chance to Dance" klingst du so sehr nach den Ramones, dass es fast erschreckend ist.

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CJ Ramone (2.v.r.) mit seiner Band.

(Foto: Dave Rottenberg)

CJ Ramone: Nachdem ich so viele Jahre mit den Ramones verbracht habe, sind sie Teil meiner DNA geworden. Ich setze mich nicht hin und sage, ich versuche jetzt einen Ramones-Song zu schreiben.

Du hast mal gesagt, es sei deine Pflicht, die Ramones und ihre Musik lebendig zu halten. Ist das tatsächlich notwendig, ist die Band nicht ohnehin noch sehr präsent?

Die Ramones sind noch immer von Bedeutung, aber ihre Live-Energie fehlt. Darum singe ich bei Konzerten auch immer ihre Songs. Wenn wir die spielen, ist der Geist der Ramones da.

Auf deinem Solodebüt gab es einige Songs, die explizit die Ramones thematisierten. Auf "Last Chance to Dance" machst du das nicht mehr - oder habe ich was verpasst?

Vor "Reconquista" hatte ich viel Zeit, um über meine Jahre mit den Ramones und die nach dem Ende der Band nachzudenken. Es gab ein paar Sachen, die waren wichtig für mich, darum habe ich sie in die Lyrics gepackt. "Last Chance to Dance" ist jetzt großherziger.

Was meinst du mit großherziger?

"Reconquista" war mit Blick auf die Texte eine düstere Platte. Die meisten Songs handelten davon, was ich zwischen der Auflösung der Ramones und meiner Rückkehr zur Musik durchgemacht habe. Das war persönlich und beruflich eine schwere Zeit für mich. Das Album zu veröffentlichen, half mir dabei, dieses Kapitel meines Lebens abzuschließen. "Last Chance to Dance" entstand mit mehr Spaß: Ich schrieb die Songs, während ich auf Tour war.

Nach den Ramones und vor "Reconquista" hast du dich vor allem um deine Familie gekümmert. Hast du dich in diesen Jahren weiter als "Ramone" gefühlt?

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Ich habe versucht, jemand anderes zu werden und die Vergangenheit hinter mir zu lassen. Als ich endlich Frieden geschlossen hatte, habe ich begriffen, dass ich immer CJ Ramone sein werde, dass CJ Ramone immer ein Teil von mir sein wird. Ich muss nicht davor wegrennen.

Womit genau musstest du dich versöhnen?

Damit, dass die Ramones in meinem Leben ständig auftauchten. Egal, wo oder mit wem ich zusammen war, die Leute sprachen mich darauf an. Ich wollte mein neues Leben führen, ohne jeden Tag an mein altes erinnert zu werden. Aber wie gesagt, am Ende habe ich begriffen, dass es eine großartige Zeit war - vielleicht die beste Zeit meines Lebens.

Ernüchternder liest sich Johnny Ramones Autobiografie "Commando". Darin schreibt er wenig über Leidenschaft, aber viel über Altersvorsorge. War es immer nur Spaß, den Ramones anzugehören?

Es war nicht anders als vielleicht in deiner Familie oder in jeder anderen. Du gehst zu einem Familientreffen und da sind immer Menschen, die irgendwas sagen, was dich verärgert. So war es auch in der Band. Für mich war das nie eine große Sache. Ich habe inzwischen eine Menge Musiker mit auf Tour genommen, die das erste Mal unterwegs waren. Ich sage ihnen immer: Wenn du das Gefühl bekommst, du willst das hier nicht tun, dann solltest du daran denken: Ein schlechter Tag auf Tour ist immer noch besser als ein guter Tag bei der Arbeit.

Du schreibst auch an deiner Autobiografie. Inwiefern wird sich das Buch anders lesen?

Ich dachte damals, ich trete einer Gang bei. Als Fan habe ich die Ramones immer so wahrgenommen. Als ich dann dabei war, habe ich gemerkt, dass es ganz anders war. Dass ich für ein Unternehmen tätig war, in dem es ums Arbeiten und Geldverdienen ging. Das war erst ein Schock für mich. Aber ich habe es geliebt, mit allem, was dazu gehörte.

Sahst du dich - anders als Johnny - mehr als Künstler denn als Arbeiter?

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"Last Chance to Dance" von CJ Ramone ist bei Fat Wreck (Edel) erschienen.

Ich habe mich früher immer unwohl damit gefühlt, Künstler genannt zu werden. Ich wurde nie künstlerisch ausgebildet. Die einzige Form von Kunst, die ich gemacht habe, war Martial Arts. Heute weiß ich, dass ich Künstler bin. Aber auch Künstler müssen eine gute Arbeitsmoral haben. Sobald ein Album fertig ist, schreibe ich neue Songs. Ich habe genug für zwei weitere Platten. Schon als ich jünger war, wollte ich ständig meine Gedanken ausdrücken und habe Lieder geschrieben oder Bilder gemalt. Sonst wäre mein Kopf explodiert.

Außer dir leben noch Marky und Richie Ramone. Seht ihr euch regelmäßig?

Im vergangenen Sommer habe ich Richie bei einer Party in Nashville getroffen und mit ihm zusammen ein paar Songs gespielt. Marky habe ich einige Male gefragt, ob wir nicht ein paar Shows zusammen spielen wollten, aber er hat kein Interesse. Ich sehe die beiden nicht oft, aber niemand ist jemandem böse, wir haben einfach nur unsere eigenen Arbeitswelten.

Wenn du über deine Fans sprichst, sagst du Kids. Ist das Publikum tatsächlich so jung?

Die Fans Kids zu nennen habe ich von Joey übernommen. Er sagte das sehr oft und mir gefiel immer, wie es klang. Und seitdem ich selbst Vater bin, denke ich mit einer fast väterlichen Haltung über meine Fans, auch über die älteren. Vielleicht weil die Ramones diese Teenager-Energie repräsentieren. Wenn du die Reaktionen vom Publikum bei den Shows beobachtest - die verhalten sich nicht mehr wie Erwachsene, sondern wie Kinder.

Martin Scorsese plant einen Film über die Ramones. Bist du involviert?

Nein. Seit es die Ramones nicht mehr gibt, habe ich keinen Kontakt mit der Organisation um sie herum. Ich habe mich auf meine Familie konzentriert und hatte einen normalen Job. Und seitdem ich wieder auf Tour bin, mache ich mein eigenes Ding. Ich muss mir beweisen, dass ich auch allein gute Platten machen kann, die den Leuten gefallen. Das ist wichtig für mich.

Du hast mal gesagt, Punk sei heute mehr Mode als Haltung. War das früher wirklich so anders?

In New York war Punk nicht Irokesenschnitt und Sicherheitsnadeln. Es ging um eine bestimmte Haltung. Meine Tochter hat ihre Haare pink gefärbt und zieht sich komplett schwarz an. Aber sie ist nicht unbedingt ein Punk. Viele junge Leute mögen den Stil, heute ist man aus Spaß ein Punk. Ich will nicht sagen, dass junge Menschen es heute einfach haben. Aber ein schlechter Tag für meine Kinder ist, wenn ihr Handy keinen Internetempfang hat. Ich hasse es, wie ein alter Mann zu klingen. Es gibt auch heute gute Punkbands mit Kids, die wirklich angepisst sind. Aber für die meisten ist es nicht mehr das, was es mal war.

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Mit CJ Ramone sprach Nadine Emmerich.

Quelle: ntv.de