Musik

Knarzen aus der Telefonzelle Neil Young verteilt Vintage-Ohrfeigen

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Beim ihm muss es sogar knarzen, rauschen, pfeifen.

Was Neil Young und Jack White hier innerhalb eines Bierdeckel-Bewegungsradius auf die Beine gestellt haben, ist eine musikgewordene Ohrfeige für all die jungen Branchen-Greenhorns, die mit stolzgeschwellter Vintage-Brust auf dicke Hose machen.

Jimi Hendrix, Elvis, die Beatles: Jeder Musik-Archivar hat seine Helden. Auch ich schwelge nur allzu gerne in Erinnerungen, wenn ich an meine ersten musikalischen Super-, Bat- und Spidermänner denke. Da war zunächst ein Kerl namens Chris Norman, der mich Mitte der Siebziger mit Songs wie "Lay Back In The Arms Of Someone" und "Needles And Pins" vom Spielen mit bunten Bauklötzen abhielt. Irgendwann verlor ich aber das Interesse an wohlklingend aneinandergereihten Cowboychord-Strukturen. Das Heranwachsen im Berliner Hinterhof-Bezirk Wedding hatte mich geprägt. Ich brauchte neue, härtere und wildere Sounds, um mir den tristen Alltag zwischen Eckkneipen und Bolzplätzen schön zu hören. Da kamen vier maskierte New Yorker in blutverschmierten Freak-Kostümen gerade recht.

Bis heute ist meine Kiss-Abteilung im CD-Regal die mit Abstand sauberste von allen. Vor allem das furchteinflößende Auftreten vom "God Of Thunder" Gene Simmons hatte es mir angetan. Das ging sogar so weit, dass ich mich im Hort des Öfteren mit einer Handvoll Filzstiften im Waschraum einschloss, um als geschminkter Mini-Gene meine Mit-Zwerge zu beeindrucken. Ging natürlich immer nach hinten los. Statt offener Münder gab es Tränen und Geschrei.

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Er darf alles - findet der Autor.

Mit dem Alter trat wieder etwas mehr Ruhe in mein Leben. Erdige Haudegen wie Bruce Springsteen, Billy Bragg und Neil Young zogen plötzlich ihre Klang-Bahnen in meine Richtung. Worauf ich hinaus will? All diese Künstler haben mittlerweile eines gemeinsam: Sie sind für mich unantastbar. Egal ob Chris Norman Hand in Hand mit Dieter Bohlen ins musikalische Verderben spazierte oder Gene Simmons sich vor einem Millionenpublikum liften ließ: Schwamm drüber! Wehe denen, die meinen Sound-Hancocks zu nahe kommen.

Ein Bäuerchen für die Ewigkeit

Auch ein Neil Young genießt bei mir mittlerweile Vogelfreiheit. Der alte Mann aus Toronto darf quieken und japsen wie er will. Solange er es schafft, seinem schrägen Organ süchtig machende Gitarren- und Mundharmonika-Harmonien zur Seite zu stellen, darf er von mir aus auch ein Bäuerchen für alle Zeiten verewigen.

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Du kriegst die Tür nicht zu ....

Meinetwegen darf er sich auch in eine von Jack White restaurierte Telefonbox namens "Record Booth" stellen und mal eben so elf Insider-Gassenhauer der Antike neu vertonen. Das hat der gute Neil nämlich gemacht: Nur mit seiner Akustischen im Arm und der Bluesharp zwischen den spröden Lippen, zwängte sich der 68-Jährige im April 2013 in eine telefonzellengroße Aufnahmekabine. Diese tauften die Hersteller im Jahre 1947 auf den Namen "Record Booth". Dabei handelt es sich um einen sogenannten Voice-O-Graph - eine mit viel Schaumgummi ausgepolsterte Holzkabine, in der man in den Nachkriegsjahren Audiobotschaften direkt auf Vinyl pressen lassen konnte. Jack White stöberte eine dieser mannshohen Sound-Kisten auf und brachte sie wieder in Schuss - ein gefundenes Fressen für einen Retro-Experten wie Neil Young. Der stellte sich dort ohne mit der Wimper zu zucken rein und ließ seinen Erinnerungen freien Lauf. Die dort entstandenen Klang-Kniefälle wurden in grauer Vorzeit von nicht minder betagten Herrschaften wie Willie Nelson ("Crazy"), Bob Dylan ("Girl From The North Country") oder Gordon Lightfood ("Early Morning Rain") komponiert. Zunächst nur für den Vinyl-Markt bestimmt, präsentieren sich Youngs Adelungen der besonderen Art unter dem "A Letter Home"-Banner.

Gemeinsamkeiten mit Ralf Möller?

Egal ob Timbaland, Pharrell Williams oder wer sich noch so alles heutzutage hinter vergoldeten Reglern aufplustert: Sie alle würden wohl nach dem "Genuss" von Youngs mittlerweile 35sten Studioalbum kopfschüttelnd die Hände vors Gesicht schlagen. Von klinisch perfekt arrangierten High-Tech-Produktionen der Neuzeit ist "A Letter To Home" nämlich in etwa genauso weit entfernt wie Ralph Möller von einer Oscar-Nominierung.

Hier rauscht und knarzt es im Hintergrund, als würde man eine Rolle Schleifpapier über den nackten Straßenasphalt ziehen. Ist das Retro? Nein, das ist Re-Retro! Was das Duo Young/White hier innerhalb eines Bierdeckel-Bewegungsradius auf die Beine gestellt hat, ist eine musikgewordene, laut schallende Ohrfeige für all die jungen Branchen-Greenhorns, die mit stolzgeschwellter Vintage-Brust auf dicke Hose machen.

Die Rede ist hier nicht von überschäumenden Emotionen und perfekt aufeinander abgestimmten Melodien für die Massen. Hier geht es um den puren Moment, um den Mut - oder auch den Wahnsinn - sich einer Situation zu stellen, die keinerlei Ausflüchte zulässt. Hier und da klimpert Jack White zwar ein Paar Piano-Themen dazu, doch die sind nur deswegen zu hören, weil der kantige Körper des Hauptdarsteller ein komplettes Schließen der Box-Tür nicht zuließ. Wie echt ist das denn? Geht’s noch näher am Leben? Geht’s noch authentischer? Wohl kaum.

Zugegeben, selbst ich brauche nach jedem Durchlauf des Albums erst einmal eine etwas längere Pause. Narkotisierende Momente oder Ohrwürmer sucht man hier vergebens. Was man stattdessen serviert bekommt, ist gerade in Zeiten, in denen nur allzu gerne mit doppelten Böden gearbeitet wird, weitaus mehr wert - nämlich Echtheit. Wie heißt doch gleich der Titel meines Lieblingsalbums von Faith No More? "King For Day… Fool For A Lifetime"? Für Neil Young drehe ich den Titel gerne um: Fool For A Day … King For A Lifetime. Aus diesem Holz werden wahre Helden geschnitzt.

"A Letter Home" von Neil Young ist seit dem 23. Mai erhältlich.

Quelle: n-tv.de

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