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Früher füllten Papa Roach die größten Hallen der Welt. Heute spielen sie als Vorgruppe. Glücklich sind sie trotzdem.
Früher füllten Papa Roach die größten Hallen der Welt. Heute spielen sie als Vorgruppe. Glücklich sind sie trotzdem.(Foto: Twitter/paparoach)
Montag, 26. Januar 2015

"Jeder Moment ist ein Geschenk": Papa Roach: Angst als Antrieb

Von Kai Butterweck

Sie verkauften Millionen Platten, füllten die ganz großen Hallen der Welt. Heute spielen Papa Roach als Vorband für andere Acts. Sänger Jacoby Shaddix und Gitarrist Jerry Horton verraten n-tv.de, warum sie Verkaufszahlen schon lange nicht mehr interessieren.

Mit ihrem Debütalbum "Infest" wirbelten Papa Roach im Jahr 2000 reichlich Staub in der Nu-Metal-Szene auf. Praktisch über Nacht katapultierten sich die Mannen aus Kalifornien mit Songs wie "Last Resort" und "Broken Home" ins internationale Crossover-Rampenlicht und erspielten sich einen Platz neben Szene-Größen wie Linkin Park, Limp Bizkit und den Deftones. 15 Jahre später ist nicht mehr viel übrig vom einstigen Ruhm. Während hierzulande eine Band wie Linkin Park auch heute noch die größten Hallen füllt, tingeln Papa Roach durch mittelgroße Clubs. Das juckt die Fans der Band aber nicht, wie die gerade umjubelte Support-Tour im Schlepptau von In Flames eindrucksvoll bewiesen hat. In Berlin sprach n-tv.de mit Sänger Jacoby Shaddix und Gitarrist Jerry Horton in Berlin über alte Zeiten und neue Herausforderungen.

n-tv.de: Ihr habt in eurer mittlerweile über zwanzigjährigen Bandgeschichte weit mehr als 17 Millionen Alben verkauft, wart zweimal für den Grammy nominiert und habt die größten Arenen dieser Erde gefüllt. Momentan seid ihr als Support für die Jungs von In Flames unterwegs. Wird man da nicht ein bisschen wehmütig?

"F.E.A.R." heißt das aktuelle Album von Papa Roach.
"F.E.A.R." heißt das aktuelle Album von Papa Roach.(Foto: Amazon)

 Jacoby: Nein, gar nicht. Warum sollten wir? Wir sind dankbar für jeden Tag, den wir bisher erleben durften. Man kann nun mal nicht zwanzig Jahre lang auf ein und derselben Erfolgswolke schweben. Die Zeiten ändern sich. Und mit ihr die Menschen und ihre Geschmäcker. Wir hatten das Glück, vor fünfzehn Jahren mit einem Album an den Start gehen zu können, das genau in diese Zeit passte. Danach haben wir uns einfach weiterentwickelt, menschlich und musikalisch.

Jerry: Dass kein weiteres unserer Alben mehr mit den Verkaufszahlen von "Infest" mithalten konnte, juckt uns nicht. Das hat es noch nie. Wichtig ist nur, dass wir als Band hinter unserer Arbeit stehen. Und das haben wir immer, ganz egal, ob die Leute da draußen darauf abgefahren sind oder nicht.

Jacoby: Der Fairness halber sollte man vielleicht auch noch erwähnen, dass die Alben nach unserem Debüt ja nicht komplett untergegangen sind. Ich glaube, viele Bands würden für derartige Absatzzahlen ihre Seele verkaufen. Das Allerwichtigste aber ist doch, dass wir heute noch am Start sind und vor tausenden Menschen spielen, die nach den Konzerten zu uns kommen und uns abfeiern. Das ist nun mal Tatsache. Wir sind jetzt seit zwanzig Jahren dabei. Darauf sind wir unheimlich stolz.

Also blickt ihr dieser Tage nicht neidisch in die Gesichter der Kollegen von In Flames?

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Jacoby: Nein, überhaupt nicht. Wir freuen uns für die Jungs, denn sie liefern erstklassig ab. Und wir freuen uns, dass wir dabei sein dürfen. Natürlich ist es der Hammer, wenn man vor 10.000 kreischenden Fans steht, die jeden Song mitsingen und dich feiern wie die Götter. Aber es fühlt sich auch großartig an, ein Publikum, das eigentlich wegen einer anderen Band da ist, im Laufe der Show auf seine Seite zu ziehen.

Jerry: Das ist vielleicht sogar ein noch berauschenderes Gefühl. Wenn man vor eine Masse tritt, die nur dich sehen will, hat man leichtes Spiel. Das hatten wir alles schon. Jetzt ist es an der Zeit, eine neue Fan-Generation zu mobilisieren. Das ist eine viel größere Herausforderung.

Es gab Zeiten, in denen nicht nur eure Plattenverkäufe hinter den Erwartungen blieben, sondern auch interne Probleme an der Tagesordnung waren - Jacoby, du bist trockener Alkoholiker. Wie herausfordernd waren diese Zeiten?

Jacoby: Für mich waren diese Zeiten der Horror. Aber ich denke, dass die Band noch mehr gelitten hat, oder Jerry?

Jerry: Naja, es gab schon den einen oder anderen nicht so schönen Tag, das stimmt (lacht).

Jerry, was war das Schlimmste? Die Sorge um die Gesundheit eines Freundes? Oder die Angst, dass die Band irgendwann auseinanderfallen könnte?

Sänger Jacoby litt lange unter seiner Alkoholsucht. Heute ist er trocken.
Sänger Jacoby litt lange unter seiner Alkoholsucht. Heute ist er trocken.(Foto: Instagram/paparoach)

Jerry: Es ging immer zuerst um Jacoby. Es gab viele Tage, an denen ich ihn am liebsten an die Wand geklatscht hätte. Da ging es aber weniger um die Zukunft der Band, als um die Angst, einen Freund zu verlieren. Andererseits würden wir heute aber auch nicht hier sitzen, wenn es die Musik - also unsere Band - nicht gegeben hätte. Egal, wie sehr ich ihm ins Gewissen geredet habe, letztlich war es immer wieder die Kraft der Musik, die Jacoby zurück ins Licht führte. Das ist auch ein Grund, warum uns Verkaufszahlen schon lange nicht mehr interessieren. Wir haben in diesen dunklen Zeiten gespürt, welche Energie wir untereinander mit Musik entfachen können. Und alleine dafür lohnt es sich schon, jeden Tag aufs Neue aufzustehen und zu arbeiten.

Wie geht’s dir heute, Jacoby?

Jacoby: Bestens. Ich bin jetzt schon eine ganze Weile trocken und genieße jeden Tag, den ich mit meiner Band oder meiner Familie bewusst verbringen kann. Jeder Moment ist ein Geschenk.

Euer neues Album heißt "F.E.A.R.". Wovor habt ihr am meisten Angst?

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Jacoby: Ich habe Angst vor dem Alleinsein. Das hängt natürlich damit zusammen, dass ich in der Vergangenheit schon des Öfteren dafür gesorgt habe, dass keiner mehr etwas mit mir zu tun haben wollte. Man kann sich noch so volllaufen lassen und sich in andere Sphären beamen; am Ende steht man immer alleine da – und das zu recht. In diesen Momenten tritt man sich selbst und sein Umfeld mit Füßen. Glücklicherweise habe ich immer wieder die Kurve gekriegt. Vor allem auch, weil ich eine liebende Familie und eine tolle Band an der Seite habe, die mir immer wieder im richtigen Moment den Weg zurück ins Leben zeigten. Ich hoffe, dass es nie wieder so weit kommen wird, allein schon meiner Kinder wegen. Die lieben ihren Papa nämlich durch und durch. Man mag es kaum glauben (lacht).

Jerry?

Jerry: Meine größte Angst ist es, morgens aufzuwachen und nicht mehr in der Band zu sein. Das wäre furchtbar. Familie und Band, das ist mein Leben. Würde eines davon nicht mehr da sein, wüsste ich nicht, wie es mit mir weitergehen sollte.

Heißt das, ihr strebt ein musikalisches Dasein im Stile der Rolling Stones oder Kiss an?

Jacoby: Warum nicht? Ich denke, dass wir mittlerweile künstlerisch so gefestigt sind, dass wir auch in zehn oder zwanzig Jahren als Band noch eine gute Rolle spielen können. Wir sind schon lange nicht mehr festgelegt. Auch auf unserem neuen Album gibt es wieder allerhand Neues zu entdecken. Und nur mal so unter uns: Was Keith Richards und Paul Stanley heutzutage leisten, kriegen wir in zwanzig Jahren bestimmt auch noch hin, meinst du nicht (lacht)?

Naja, mit über 60 Jahren, geschminkt und mit tonnenschweren Plateau-Schuhen an den Füßen noch über die Bühnen der Welt zu hüpfen, klingt nicht gerade nach einem Kinderspiel, oder?

Jacoby: Gut, da hast du natürlich auch wieder recht. Ich hatte mal die Drachenboots von Gene Simmons an. Die waren extrem unbequem. Glücklicherweise stehen wir mehr auf Sneakers und T-Shirts (lacht). Aber im Ernst:  Ich glaube, dass es keine Altersgrenze geben wird, wenn wir alle halbwegs gesund bleiben. Wichtig ist einfach nur, dass wir Spaß an dem haben, was wir machen. Und so lange das so ist, werden Papa Roach am Start sein. Ob es den Leuten nun gefällt, oder nicht.

Mit Jacoby Shaddix und Jerry Horton sprach Kai Butterweck.

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Quelle: n-tv.de