Musik

Noch ein "Fuck off" Punk's not dead: John Lydon

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"Ich habe noch mindestens 40 Jahre vor mir": John Lydon.

(Foto: Jim Ross/Invision/AP)

Als Sänger der Sex Pistols wird er einst zur Ikone einer ganzen Subkultur, mit Public Image Ltd. (PIL) erfindet er im Handstreich den Post-Punk: John Lydon alias Johnny Rotten. Seine Autobiografie "Anger is an Energy" sorgt schon seit ein paar Monaten für Furore. Im Oktober spielt John Lydon mit PIL in Deutschland, zum ersten Mal seit 1987. Auf der Setlist werden dann auch Songs vom neuen Album "What the World Needs Now" sein - nach dem Comeback der Gruppe 2012 ein erneut pfundsschwerer Postpunk-Brocken, auf dem Lydons Tiraden ebenso ihren Platz finden wie eingängige Melodien und Refrains. n-tv.de erreicht den Sänger am frühen Morgen in seiner Wahlheimat Los Angeles, in der er mit seiner deutschen Ehefrau Nora seit vielen Jahren lebt.

n-tv.de: Guten Morgen, John. Wie geht es dir, ausgeschlafen?

John Lydon: Hallo, alles bestens hier. Wie schaut es bei dir aus, was hast du auf dem Zettel?

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"Anger is an Energy" - vor Kurzem veröffentlichte John Lydon seine Autobiografie.

(Foto: imago/APress)

Offen gestanden sitze ich hier im Trikot meiner Lieblingsmannschaft und werde mir direkt nach unserem Gespräch anschauen, wie sie von Bayern München zerlegt wird.

Ist Fußball nicht einfach großartig? (lacht schallend) Es macht abhängig. Ich bin von Arsenal London auch nicht allzu verwöhnt. Warum wirken Versager auf uns nur so anziehend? Es hat einen gewissen Unterhaltungswert, sich andauernd peinlich berührt und genervt zu fühlen.

Genervt - ein gutes Stichwort. Im ersten Song des neuen PIL-Albums wird ziemlich ungnädig nach einem Klempner gerufen. Wie schwer ist es eigentlich, in L.A. einen Handwerker zu bekommen?

Genauso unmöglich wie in London. Deswegen probiere ich das erstmal selbst. Die alte Regel: Etwas ist kaputt? Dann sieh zu, dass du es reparierst. Ich komme aus der Arbeiterklasse, wir sitzen nicht herum und warten, bis etwas passiert.

Als Album-Anfang ein Song über einen Klempner - nicht eben eine glamouröse Wahl.

Was soll's?! Ich singe über Dinge, die mich beschäftigen. Als bei uns neulich die Toilette kaputt ging, musste ich sie reparieren. Ich hatte das schon einmal geschafft, also meinte meine Frau Nora, ich solle es doch nochmal machen. Wir hatten dann einen ziemlich derben Streit, aber am Ende war das Ding wieder benutzbar.

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Mit den Sex Pistols wurde John Lydon zur Ikone.

(Foto: AP)

Blicken wir zurück: Ende der 70er hast du Public Image Ltd. gegründet und mit der Band aus dem Stand den Post-Punk erfunden. Wie erinnerst du dich an jene Zeit?

Als ebenso spannend, wie ich die Arbeit an unserem neuen Album empfinde, da hat sich nicht allzu viel geändert, bis auf die Stimmung. Früher haben wir uns gestritten und die Köpfe eingehauen. Das war wie Krieg manchmal. Ich bin John Lydon. Ich musste lernen, im Angesicht von Missgeschick und Widrigkeiten zu lächeln. Heute ist diese Band mit diesen Leuten die beste, in der ich je gespielt habe. Wir respektieren einander und fühlen uns wie eine Familie. Schau' dir das Video zur Single "Double Trouble" an, so läuft es bei uns. Ich bin zudem selbstbewusster, was meine Fähigkeiten angeht. Die Anspannung ist noch da, aber die Resultate sind einfach besser.

So harmonisch waren die Zeiten nicht immer. Auf der US-Tour der Sex Pistols Anfang 1978 wurdest du aus der Band geworfen. Allein in den Staaten, keine Kohle, die Amis haben euch gehasst. Hattest du Angst damals?

Nein, nicht im Geringsten. Jedenfalls nicht angesichts dessen, was um uns herum passierte. Was ich jedoch nicht verstand, war die Tatsache, dass wir uns als Band zerstören ließen. Das hat mich wahnsinnig aufgeregt. Als wir uns später wieder zusammentaten, wollten wir auch schauen, was von der Freundschaft noch da war. Aber am Ende stritten wir uns wieder. Man lernt nie aus.

Wie schwer war der Übergang von den Pistols zu PIL?

Für mich als Musiker geschah das völlig natürlich, aber die Plattenfirmen kapierten das überhaupt nicht. Es gab alte Verträge, die das Leben schwer machten. Ich fühlte mich wie in Ketten. Ich meine, ich habe nichts gegen Fesselspiele, aber das war einfach kein Spaß. (kichert) Wenn jemand anderes den Schlüssel zu deinem Käfig hat, ist das nicht lustig. Ich konnte später fast zwei Dekaden nichts machen aufgrund dieser alten Verträge. Ich musste abseits vom Musikbusiness arbeiten, um mich da rauszukaufen. Darüber habe ich nie gesprochen, aber das waren keine schönen Jahre, eine schwierige Zeit. Aber ich habe es durchgezogen, auch wenn ich dafür Butter-Werbespots drehen musste. Heute haben wir mit PIL ein neues Album. Und wir kommen nach Deutschland. Kannst du mir was über Bochum sagen? Da spielen wir nämlich.

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Lustige Frisuren mochte Herr Lydon schon immer.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ruhrpott, Perle im Revier, Arbeiterklasse …

Super. Und in Mannheim soll es eine Pop-Akademie geben, erzählte man mir. Klingt toll, vielleicht werde ich dort etwas über Popmusik lernen. Berlin kenne ich jedenfalls sehr gut, wie eine zweite Heimat. Ich erinnere mich auch noch gut an den Trip mit Sid Vicious dorthin zu Zeiten der Pistols.

Hast du in den Jahren fernab der Musik mal gedacht, dass es PIL vielleicht nie mehr geben würde?

Nein, niemals. Außerdem bin ich gerade einmal 60 Jahre jung, ich habe noch mindestens 40 Jahre vor mir. Das werden noch einige Platten, kann ich dir sagen.

Mit "Rise" und "This is not a Love Song" hatte PIL auch echte Hits zu verzeichnen. Waren die auf Kommerz hin komponiert?

Nein, überhaupt nicht, die kamen einfach so aus mir heraus. Die Plattenfirma sagte ja schon früher, ich solle Hits schreiben. Ich sage, was ist denn los mit euch, hört ihr nicht zu? Hallo, hallo? Das sind alles Hits. Stattdessen nehmen sie dann Bands wie die Smashing Pumpkins unter Vertrag. Hmm. Ich meine, nichts gegen die Pumpkins, aber die Kohle, die da reingesteckt wurde, fehlte uns dann für die Promo. Das ist wie eine griechische Tragödie.

Das Prinzip der griechischen Tragödie - du hast zwei Möglichkeiten und beide sind falsch.

Das fasst es ganz vorzüglich zusammen. (lacht)

Auch ohne Musik hat man dich in diesen Jahren nicht vergessen. Einst wart ihr die gefährlichste Band des britischen Königreichs - jetzt waren zur Olympia-Eröffnung 2012 in London gar die Riffs von "Pretty Vacant" zu hören. Da hat sich doch einiges getan.

Ja, das kann man wohl sagen. Dass die Regie zu dem Song dann auch noch die Bilder der Royals zeigte, das war natürlich herrlich. Hier in den Staaten haben sie das ausgeblendet und Werbung gebracht. Unglaublich.

Ist das Kapitel Sex Pistols für immer beendet?

Ja, ganz sicher. Ich habe mich erst kürzlich sehr gut mit Paul Cook (Drummer der Sex Pistols) unterhalten und er sieht es genauso. Es ist alles gesagt.

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"What the World Needs Now" - das neue Album von PIL.

(Foto: Cargo Records)

Die Shows in Brixton 2007 waren grandios.

Das waren sie wohl. Für uns. Für das Publikum. Aber wir schreiben keine neuen Songs, wir sind keine 17-Jährigen mehr. Wir denken nicht mehr wie damals, außer dass wir uns immer noch genauso in die Köpfe kriegen.

Geflucht wird aber immer noch. "What the World Needs Now" ist der neue Albumtitel - und damit ist nicht der gleichnamige Song von Burt Bacharach gemeint.

Was haben alle mit Bacharach? Nein, das ist eine Hommage an meinen Vater. Sein Humor und sein Timing waren unglaublich und das war einer seiner Sprüche: What the world needs now is another 'Fuck off'.

Erzähl uns zum Abschluss etwas, was du noch keinem Interviewer gesagt hast.

Definitely not. Seien wir ehrlich: Seit ich ein Teenager war, hat man mich immer wieder analysiert. Ich liege praktisch nackt auf dem OP-Tisch. Da gibt es kaum noch etwas. Und das Wenige behalte ich für mich.

Vielen Dank für das Gespräch.

Peace! May the road rise with you.

Mit John Lydon sprach Ingo Scheel

Das Album "What the World needs now" von Public Image Ltd. ist ab sofort erhältlich - bei Amazon bestellen.

Die Autobiografie von John Lydon, "Anger is an Energy", ist vor Kurzem erschienen - bei Amazon bestellen.

Public Image Ltd. sind im Oktober 2015 live in Deutschland zu sehen: Mannheim (13.10.), Ludwigsburg (14.10.), Berlin (15.10.), Bochum (17.10.)

Quelle: ntv.de

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