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Dienstag, 09. Januar 2018

Künstler und Kadaver: Madame d'Ora macht schön - und verstört

Von Katja Sembritzki

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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts rissen sich die Reichen und Schönen in Wien und Paris darum, von Madame d'Ora in Szene gesetzt zu werden, ... (im Bild: der Variété- und Trapezkünstler Barbette, 1926) (Foto: Nachlass d'Ora / Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts rissen sich die Reichen und Schönen in Wien und Paris darum, von Madame d'Ora in Szene gesetzt zu werden, ... (im Bild: der Variété- und Trapezkünstler Barbette, 1926)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts rissen sich die Reichen und Schönen in Wien und Paris darum, von Madame d'Ora in Szene gesetzt zu werden, ... (im Bild: der Variété- und Trapezkünstler Barbette, 1926)

... egal ob er oder sie aus aristokratischem Hause stammte, dem gehobenen Bürgertum angehörte oder Teil der Bohème war. (Modeschöpferin Emilie Flöge in einem ihrer Kleider mit den Kolo-Moser-Motiven, 1908)

Denn die Fotografin verstand es, die Personen vor ihrer Kamera mit einem Hauch angesagter französischer Eleganz zu inszenieren. (Tamara de Lempicka mit einem Hut von Rose Descat, 1933)

Die entstandenen Studien sind derzeit in der Retrospektive "Madame d'Ora. Machen Sie mich schön!" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen. Aber die Schau widmet sich nicht nur den Glanz- und Glamourporträts, …

… sondern zeigt auch den Bruch im Werk der jüdischen Österreicherin nach dem Zweiten Weltkrieg. (Abgezogener Hasenkörper, 1949)

Madame d'Ora wurde 1881 als Dora Kallmus in Wien geboren. Als eine der ersten Frauen besuchte sie in ihrer Heimatstadt Kurse der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt und eröffnete 1907 ein Fotostudio. 1925 verlegte sie ihr Atelier nach Paris. (Ada André in einer Avantgarde-Jacke, 1930)

Die Bilder atmen den Charme der 1920er-Jahre, Madame d'Ora setzte auf ästhetische Bildkompositionen und einen zeitgemäßen Look, … (Dolly Sisters, um 1928)

… für den besonderen Effekt sorgten der Einsatz von Weichzeichner und ausgesuchte Requisiten. (Die Operettendiva Fritzi Massary, 1923)

Neben dem Maler Gustav Klimt und dem Schriftsteller Arthur Schnitzler hielt sie Berühmtheiten wie die russische Primaballerina Anna Pawlowa fest (1913), ...

… den Literaturkritiker Herman Bahr (1909) ...

… und die skandalumwitterten Nackttänzerinnen Anita Berber (Die Verführung des heiligen Sebastian - mit Sebastian Droste, 1922) ...

… und Josephine Baker (1928).

Seit den 1910er-Jahren etablierte sich Madame d'Ora außerdem als eine der ersten Modefotografinnen. Ihre Werke waren in verschiedenen Illustrierten des sich rasant entwickelnden Zeitungsmarktes zu sehen. (Modehaus Zwieback, 1913)

Auch in deutschen Frauen- und Lifestyle-Zeitschriften wie "Die Dame", "Uhu" oder "Das Magazin" wurden ihre Fotos abgedruckt … (Madame Agnès, um 1930)

… und prägten das Bild der "neuen Frau" mit Bubikopf, Zigarette und seidenbestrumpftem Bein. (Chansonette Damia, 1930)

Ab Mitte der 1930er-Jahren hatte Madame d'Ora immer größere Schwierigkeiten, ihre Bilder in Illustrierten zu platzieren.

Nach dem Einmarsch der Nazis in Paris 1940 wurde sie gezwungen, Haus und Atelier zu verkaufen. Ihre Schwester kam im KZ ums Leben. Sie selbst überlebte in einem Versteck in Südfrankreich. (Serge Lifar, um 1935)

Die Traumata des Krieges führten zu einer harten Zäsur in Madame d'Oras Werk. Zwischen 1946 und 1948 fotografierte sie, vermutlich im Auftrag der UNO, in Flüchtlingslagern in Wien und Salzburg "displaced persons". (Alter Mann)

Zu sehen sind vor allem Kinder sowie kranke, alte Frauen und Männer. Madame d'Ora fing das persönliche Schicksal der Menschen ein. Dabei machte sie keinen Unterschied bei der Herkunft der Flüchtlinge, sondern fotografierte gleichermaßen jüdische Überlebende, die auf die Ausreise nach Israel warteten, und deutschsprachige Vertriebene aus Ost- und Südosteuropa. (Frau, einen kränklichen Mann stützend, 1946-1948)

Verstörend sind die Bilder, die sie 1949 und 1956/57 in Pariser Schlachthöfen anfertigt. Sie fotografierte Kadaver, Blutlachen und tierische Überreste. Es sind vorgefundene Szenen des Schreckens, mit denen sie schonungslos die brutale Praxis der Schlachter offenlegte. (Hängende Schafsköpfe und Gedärme, 1956/57)

Der Schwerpunkt der gleichsam grausamen und ästhetischen Bilder liegt auf engen Bildausschnitten und fotografisch herausgelösten Details. Mit ihrer Kamera sezierte Madame d'Ora abermals Fragmente aus den Tierkörpern und wiederholte so den Prozess des Schlachtens. Vielen gilt die Serie als künstlerische Reaktion auf die Gräuel des Krieges. (Abgetrennter Kalbskopf, 1956/57)

In den 1950er-Jahren wendete sich Madame d'Ora wieder der Gesellschaftsfotografie zu. (Madame de la Have-Jousselin mit einem Reitkostüm à la Elisabeth von Österreich von Pierre Balmain, 1955)

Aber auch hier kündigte sich in der Schönheit bereits das Vergängliche, der Verfall an. Die Celebrities wandeln auf den Bildern nun über den Friedhof oder liegen mit zerfurchten Gesichtern im Bett. (Colette, um 1955)

Mit dem Ballettimpresario und Dandy George de Cuevas (um 1955) entstand eine Serie eigenwilliger (Selbst-)Darstellungen.

Während Madame d'Ora seine Tochter in einem extravaganten Kleid in einem Gewächshaus ablichtete und sich bei dem Anblick an eine Orchidee erinnert fühlte, … (Madame Faure, 1953)

… erscheint der Marquise de Cuevas (mit Schafsköpfen, 1956/57) in eher morbiden Szenarien, …

… in denen Glamour und Jugend auf Gebrechlichkeit und Alter treffen (mit Balletttänzerin, 1955).

Die Karriere von Madame d'Ora endete abrupt. 1959 verlor sie nach einem Autounfall ihr Gedächtnis, vier Jahre später starb sie. (Madame Rupert, um 1953)

Die Schau mit insgesamt 170 Arbeiten, die zum größten Teil aus dem beim Museum für Kunst und Gewerbe archivierten Nachlass stammen, ist bis zum 18. März geöffnet. (Comtesse Heléne Costa de Beauregard, 1953)

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