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Dienstag, 06. März 2018

Von "Pillenpapst" bis VW-Käfer: Robert Lebeck - 1968 ganz anders fotografiert

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Die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg läuft bis zum 22. Juli 2018. Der begleitende Katalog (320 Seiten, 226 Abbildungen, 38 Euro) ist beim Steidl Verlag erschienen. (kse) (Foto: Archiv Robert Lebeck, Allein im Hotelbett, Hamburg, 14. Oktober 1968)

Die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg läuft bis zum 22. Juli 2018. Der begleitende Katalog (320 Seiten, 226 Abbildungen, 38 Euro) ist beim Steidl Verlag erschienen. (kse)

1968 steht für Rebellion, freie Liebe und Aufbruch.

Doch Robert Lebeck (1929-2014), einer der bedeutendsten Fotojournalisten der Nachkriegszeit, stellte fest: "Das Jahr der Studentenunruhen fand ohne mich statt."

In Paris brannten die Barrikaden und in Berlin demonstrierten Studenten vor dem Springer-Haus, er aber sei mit seiner Kamera immer an anderen Orten gewesen.

Und das war ein Glücksfall. Denn dort fand er eindrucksvolle Motive, in denen sich die gesellschaftlichen Umbrüche spiegeln - jenseits der heute gängigen 68er-Klischees.

Dass sein Blick ein ganz besonderer war und vor allem Stimmungen und Atmosphären galt, ist aktuell in der Schau "Robert Lebeck. 1968" im Kunstmuseum Wolfsburg zu sehen.

Viele der ausgestellten Fotos wurden im Magazin "Stern" abgedruckt.

So bebilderte Lebeck 1968 eine Interviewserie mit Frauen, die mit zementierten Geschlechterrollen brachen und sich von ihren Ehemännern hatten scheiden lassen.

Ein anderes Mal gerät das erwachende bundesrepublikanische Interesse an Sex-and-Crime-Storys in den Fokus: Lebeck begleitete die Mörderin Gisela Kreutzmann während eines Freigangs. Seine Bilder illustrierten Auszüge aus Kreutzmanns im Gefängnis verfassten Lebensbeichte.

Eine Vielzahl der gezeigten Bilder ist erstmals öffentlich zugänglich. Zum Beispiel das von Filz-, Kupfer- und Fett-Künstler Joseph Beuys, das ihn mit seiner Familie inmitten einer seiner Installationen auf der 4. documenta zeigt.

Und dort fing Lebeck dann doch ein wenig Aufbegehren ein, denn die Protestwelle erreichte auch die Schau in Kassel: Die Eröffnungsfeier wurde von Künstlern gestört, da sie mit der Konzeption der documenta nicht einverstanden waren und aktuelle Kunstformen wie Fluxus und Happening vermissten.

Auch eines der bisher unbekannten Fotos: Rudi Dutschke bei seiner Rede zu Beginn des "Prager Frühlings" in der Hauptstadt der damaligen Tschechoslowakei am 3. April 1968.

Als im August sowjetische Soldaten in Prag einmarschierten, war Lebeck in kirchlicher Mission unterwegs. Er saß in dem Flugzeug, das Papst Paul VI. ins kolumbianische Bogotá brachte.

Das Kirchenoberhaupt machte 1968 gleich mehrmals von sich reden: In Deutschland bekam er den Namen "Pillenpapst" verpasst, da er den Katholiken Verhütungsmittel verbot. In Bogotá betrat er als erster Papst südamerikanischen Boden.

Lebecks Fotos werfen ein Schlaglicht auf die Begeisterung der dortigen Gläubigen …

… und machen gleichzeitig die Zeichen des Militärstaats sichtbar.

Zwei Monate zuvor war Lebeck dabei, als der ermordete Präsidentschaftskandidat Robert F. Kennedy zu Grabe getragen wurde ...

... und brachte bewegende Bilder mit zurück nach Deutschland.

Die Anteilnahme am gewaltsamen Tod Kennedys war enorm. Unzählige Menschen drängten sich an den Gleisen, auf denen ein Sonderzug den Leichnam nach New York überführte, um Abschied zu nehmen.

Für einen Ausnahmemoment waren die US-Amerikaner in ihrer Trauer vereint, schienen soziale Herkunft, Milieu und Hautfarbe keine Rolle zu spielen.

In Deutschland stand 1968 ein urban-automobiler Geburtstag auf dem Programm: ...

... Wolfsburg feierte sein 30-jähriges Jubiläum als VW-Stadt.

Lebeck besuchte aus diesem Anlass die Produktionsstätte des Verkaufsschlagers Käfer …

… und entdeckte vor den Häusern der neu entstehenden Trabantensiedlungen Exemplare in freier Wildbahn.

Er ließ sich durch die Stadt treiben, fotografierte dekorierte Damen bei einem Schützenfest …

… sowie Alltagsszenen …

… und die neue Architektur der Vorstädte.

Ende 1968 entstand eine von Lebecks ersten Farbserien: Der religiöse Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken in Nordirland schien kurz vor der Eskalation zu stehen. 1969 explodierte die Gewalt.

Die Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg läuft bis zum 22. Juli 2018. Der begleitende Katalog (320 Seiten, 226 Abbildungen, 38 Euro) ist beim Steidl Verlag erschienen. (kse)

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