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Mittwoch, 10. August 2011

Feuernächte in England: Das große Aufräumen beginnt

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... ist nun Birmingham einer der Schwerpunkte von Plünderungen und Brandstiftungen. (Foto: dpa)

... ist nun Birmingham einer der Schwerpunkte von Plünderungen und Brandstiftungen.

Die Gewaltwelle in englischen Städten verlagert sich: Während London dank eines massiven Polizeiaufgebots die erste ruhige Nacht seit vier Tagen erlebt, ...

... ist nun Birmingham einer der Schwerpunkte von Plünderungen und Brandstiftungen.

Auch der Morgen in Manchester zeugt von den sinnlosen Zerstörungen der vergangenen Nacht.

In London beginnt nach den Feuernächten inzwischen die Schadensermittlung ...

... und das große Aufräumen. Binnen Stunden finden sich hunderte Londoner zusammen. Sie organisieren sich unter "riotcleanup" über Twitter.

Dort brannten Häuser bis auf die Grundmauern ab; ganze Straßenzüge standen in Flammen.

An ausgeplünderten Geschäften bekunden Anwohner ihre Solidarität mit den Geschädigten.

Hunderte solcher Zettelchen finden sich auf den Pinnwänden.

Die Zerstörungen sind immens.

"Es sieht aus wie in einem Kriegsgebiet", sagen Anwohner.

Scotland Yard beschreibt die Gewalt als die "schlimmste in der jüngeren Geschichte".

In Birmingham ermittelt die Polizei wegen Mordes.

Ein Mann hat offenbar gezielt drei Männer mit seinem Auto überfahren. Sie starben an ihren schweren Verletzungen im Krankenhaus.

Sie sollen laut BBC kurz zuvor aus einer Moschee gekommen sein und wollten ihre Nachbarn vor den Unruhen schützen.

In und um Birmingham werden 100 Randalierer festgenommen.

In Manchester, der drittgrößten Stadt des Landes, liefern sich Gruppen teils vermummter Jugendlicher Straßenschlachten mit der Polizei.

Jugendbanden hätten mit der Polizei Katz und Maus gespielt, berichtet die Nachrichtenagentur PA.

Ein hoher Polizeioffizier sagt, die Beamten würden die Kontrolle über die Innenstadt "Straße um Straße" wiedergewinnen.

Derweil bleibt es in den Londoner Problemkiezen wie Croydon ruhig; die Straßen sind in der Nacht zum Teil wie leergefegt.

Acht Stadtviertel Londons - von Ealing im Westen ...

... bis Hackney im Osten, von Croydon im Süden bis Camden im Norden waren tage- und nächtelang Gewalt, Bränden und Plünderungen ausgeliefert.

Erst, als die 6000 Polizisten um 10.000 Beamte aufgestockt werden, kommt langsam wieder Ruhe in die Stadt.

Die Gewaltorgie hatte sich zwar auf Problemviertel konzentriert, doch zu Plünderungen war es selbst auf der Oxford Street, einer Einkaufsmeile mitten im Londoner Zentrum, gekommen.

Die Krawalle haben ihren Ursprung im Problemkiez Tottenham. Dort war vor wenigen Tagen der 29-jährige Mark Duggan von einem Polizisten erschossen worden, nach offizieller Version aus Notwehr. Doch nach Tagen muss Scotland Yard zugeben: Der farbige Familienvater hat nicht auf die Polizei geschossen.

Es seien am Tatort keine Geschosse gefunden worden, die aus der Waffe des mutmaßlichen Drogendealers stammten.

Fehlende, zögerliche und falsche Informationen durch die Polizei öffneten Spekulationen Tür und Tor - und der Gewalt.

Offenbar hat Scotland Yard aus früheren Fehlern nicht gelernt. Auch 2005 und 2009, nach der Erschießung eines unschuldigen Terror-Verdächtigen beziehungsweise dem Tod eines Zeitungsverkäufers am Rand der G20-Krawalle, blieben die Behörden Aufklärung schuldig.

Die weltberühmte Polizeibehörde, deren normale Streifenbeamte bis heute ohne Pistole patrouillieren, muss tatsächlich das Wohlwollen der Bevölkerung zurückgewinnen.

Scotland Yard steckt in einer tiefen Vertrauenskrise; zuletzt musste selbst der Polizeipräsident im Zusammenhang mit der Abhöraffäre und Korruptionsvorwürfen rund um den Medienkonzern von Rupert Murdoch seinen Stuhl räumen.

Auf die explodierende Gewalt nach dem Vorfall in Tottenham sei man nicht ausreichend vorbereitet gewesen, räumen inzwischen die Behörden ein.

Allerdings würden soziale Netzwerke wie Twitter zur blitzschnellen Ausbreitung von "Gier und kriminellem Verhalten" beitragen.

Die Jugendlichen bilden laut Polizei über das Internet "kleine und mobile" Gruppen. Sie organisieren sich über die Messenger-Funktion ihrer BlackBerry-Mobiltelefone und ziehen sehr schnell von Ort zu Ort. Die Beamten haben große Schwierigkeiten, die Banden unter Kontrolle zu bringen.

Betroffene Anwohner und ausgeplünderte Ladenbesitzer beklagen denn auch, dass sowohl Polizei als auch Feuerwehr offenbar völlig überfordert sind.

Ganze Straßenzüge stehen in Flammen. "Zu wenig und zu spät", sagt ein ausgeraubter Geschäftsinhaber über die Polizeieinsätze.

Mit der Erklärung, es handele sich um "Gruppen verwildeter Jugendlicher, die neue Turnschuhe haben wollen", macht es sich der Londoner Vize-Bürgermeister Kit Malthouse aber wohl zu einfach.

Es liegt auf der Hand, dass die politischen Hintergründe der Exzesse auch sozialer Natur sind. "Sie zerren uns aus unseren Autos, als ob wir Drogendealer wären", erklärt die 43-jährige Jugendarbeiterin Michelle Jackson die Gewalt mit rassistisch bedingten Spannungen zwischen Jugendlichen und der Polizei.

"Der einzige Grund, aus dem die Leute getan haben, was sie getan haben, war, weil es der einzige Weg ist, uns Gehör zu verschaffen."

"Wir haben keine Arbeit und kein Geld", begründen Jugendliche in Londoner Stadtteil Hackney die Diebstähle.

Die Familie des getöteten 29-jährigen Duggan distanziert sich von der Gewalt. Das sei nicht im Sinne Marks gewesen, sagt dessen Bruder.

Premier David Cameron bricht seinen Urlaub in der Toscana ab und beruft den Nationalen Sicherheitsrat ein, um Gegenmaßnahmen zu erörtern.

Innenministerin Therasa May kommt ebenfalls vorzeitig aus den Ferien nach London zurück.

Auch Polizeichef Tim Godwin eilt in die Downing Street zur Dringlichkeitssitzung.

Als erstes werden zwei Spiele des englischen Fußball-Ligapokals verschoben. Die Spiele von West Ham United gegen Aldershot und Charlton Athletic gegen Reading werden auf einen unbestimmten Zeitpunkt verlegt.

"Der Club wurde darauf hingewiesen, dass alle großen öffentlichen Veranstaltungen in London neu arrangiert werden müssen, weil die Polizei ihre Ressourcen auf andere Gebiete fokussieren muss", teilt der Ost-Londoner Verein West Ham mit.

Das Freundschaftsspiel der englischen Nationalmannschaft gegen die Niederlande im Wembley Stadion ist ebenfalls abgesagt.

Knapp ein Jahr vor den Olympischen Spielen sei "das ekelhafte und schockierende Geschehen ziemlich übel für London", sagt Vize-Premier Nick Clegg in Tottenham.

Weil die Polizei die Lage den Fernsehbildern nach zu urteilen kaum in den Griff bekommt, wird in London darüber diskutiert, das Militär zur Beruhigung der Lage einzusetzen. Viele Bürger fordern, härter gegen die randalierenden Jugendlichen vorzugehen.

Britische Zeitungen sprechen von einer "Schlacht um London". Ein angeschossener 26-Jähriger ist inzwischen gestorben. Die näheren Umstände sind unklar.

Seit Beginn der Ausschreitungen wurden nach Angaben von Scotland Yard 770 Randalierer festgenommen. "Alle unsere Zellen sind belegt", sagt ein Sprecher.

Die Polizei sagte alle Trainingsmaßnahmen und Urlaube ab: "Alle verfügbaren Kräfte sind im Einsatz."

In der Nacht zum Dienstag sei die Lage so ernst gewesen, dass sogar normale Streifenpolizisten ohne spezielle Ausbildung für Krawalle in den Einsatz geschickt worden seien, erzählt einer der diensthabenden Polizeichefs. "Wir hatten schlicht keine Einheiten mehr übrig." 111 Beamte sind verletzt, einige von ihnen schwer. Auch Polizeihunde wurden verwundet.

Als Reaktion auf die Ausschreitungen verstärkte Scotland Yard in der Nacht zum Mittwoch seine Präsenz in der britischen Hauptstadt von 6000 auf 16.000 Polizisten.

Aus Angst vor Krawallen schlossen viele Geschäfte früher als normal, manche - wie hier in der Oxford Street - verbarrikadierten ihre Außenflächen.

Am Donnerstag kommt in London das Unterhaus zu einer Krisensitzung zusammen, um Gegenmaßnahmen zu erörtern. Premier Cameron hatte die Parlamentarier aus der Sommerpause zurückgeholt.

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