Bilderserie
Mittwoch, 18. Oktober 2017

Ein Herbst verändert das Land: Die Entführung Hanns Martin Schleyers

Bild 2 von 52
Hier hat sich kurz zuvor ein Verbrechen abgespielt, das die Grundfesten der Bundesrepublik erschüttern wird: der Überfall auf die Autokolonne des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. (Foto: ASSOCIATED PRESS)

Hier hat sich kurz zuvor ein Verbrechen abgespielt, das die Grundfesten der Bundesrepublik erschüttern wird: der Überfall auf die Autokolonne des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.

Es ist eine gespenstische Szene, die sich den Ermittlern am Abend des 5. September 1977 in der Vincenz-Statz-Straße im sonst so beschaulichen Kölner Stadtteil Braunsfeld bietet.

Hier hat sich kurz zuvor ein Verbrechen abgespielt, das die Grundfesten der Bundesrepublik erschüttern wird: der Überfall auf die Autokolonne des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.

Das RAF-Kommando "Siegfried Hausner", benannt nach einem im Stuttgarter RAF-Gefängnis Stammheim gestorbenen Terroristen, passt in dieser ruhigen Wohngegend den mächtigen Wirtschaftsfunktionär ab.

Die vier Täter irritieren Schleyers Fahrer Heinz Marcisz mit einem blauen Kinderwagen, den sie mitten auf der Straße abstellen.

Als Marcisz in die Straße einbiegt, setzt ein gelber Mercedes aus einer Ausfahrt zurück. Schleyers Limousine, ein ungepanzerter Mercedes 450, muss bremsen, das Begleitfahrzeug mit drei Personenschützern der Polizei fährt auf.

Das RAF-Kommando eröffnet sofort das Feuer. Es fallen knapp 120 Schüsse in kürzester Zeit.

Marcisz sowie die drei Polizisten Reinhold Brändle, Helmut Ulmer und Roland Pieler (im Bild) sterben.

Hanns Martin Schleyer überlebt den Überfall. Das Ziel der Tat ist seine Entführung. Die RAF-Terroristen zerren ihn aus dem Wagen und nehmen ihn mit.

Schleyer entspricht genau dem Feindbild der RAF: Er vertritt die Interessen der Industrie, …

… er ist vermögend und mächtig, hat eine einschlägige SS-Vergangenheit und …

… verkehrt in den höchsten Kreisen der Bundesrepublik Deutschland.

Es beginnt ein zweimonatiger Poker um seine Freilassung und um die Frage, wie erpressbar die Republik sein darf. Es ist der "Deutsche Herbst", der am 5. September 1977 seinen Anfang nimmt.

Die Fahndung nach den Tätern verläuft zunächst erfolglos. Die vier direkt an der Entführung beteiligten Terroristen sind Willy-Peter Stoll, Sieglinde Hofmann, Peter Jürgen Boock und Stefan Wisniewski. Weitere RAF-Mitglieder sind jedoch als Unterstützer ebenso im Visier der Ermittler.

Nach der Entführung fliehen sie mit einem weißen VW-Bus. Er wird wenig später in einer Tiefgarage in Köln-Junkersdorf, nur wenige Kilometer vom Tatort entfernt, gefunden.

Hier wechseln die vier Terroristen, wie sich später erweisen soll, das Fluchtfahrzeug. Sie bringen Schleyer damit in dieses Hochhaus in Erftstadt-Liblar.

In einem Appartement halten sie Schleyer hier zunächst fest. Er muss in einem mit Schaumgummi gedämpften Wandschrank ausharren.

Die Polizei ermittelt mit großem Aufwand.

Die Sicherheitsvorkehrungen, wie hier vor dem Bundeskanzleramt, werden intensiviert. Stacheldrahtrollen, Tarnnetze und Schützenpanzer an strategischen Ecken sind mit einem Mal im Bonner Regierungsviertel Alltag.

In Bonn beruft Bundeskanzler Helmut Schmidt einen Großen Krisenstab ein, der sich fortan Tag und Nacht mit der Lage befasst.

In dem Gremium beraten sich Regierung und Opposition, Länder sowie Vertreter der Wirtschaft über das Vorgehen. Schmidt nimmt die Lage von Anfang an sehr ernst (im Bild: das nachts erleuchtete Kanzleramt während einer der Krisensitzungen).

Dennoch kommt es zu Pannen. So bekommt die Polizei zwar von dem Unterschlupf in Erftstadt-Liblar Wind. Doch diese Information erreicht den Krisenstab, der die gesamte Ermittlungskoordination an sich genommen hat, nie.

Schmidts Team konzentriert sich voll und ganz auf die Forderungen der Entführer. Sie wollen, dass elf inhaftierte Terroristen in ein Land ihrer Wahl ausgeflogen werden.

Es ist der Befreiungsversuch der RAF-Mitglieder der sogenannten ersten Generation durch die zweite. Unter den Kriminellen, die freigepresst werden sollen, sind Andreas Baader, Gudrun Ensslin (im Bild) und Jan-Carl Raspe. Sie sind wenige Monate zuvor zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt worden.

Die Bundesregierung beschließt, der Forderung nicht nachzugeben. Bei einer Fernsehansprache am Abend des 5. September 1977 sagt er: Der Staat werde "mit aller notwendigen Härte antworten". Und: "Gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des ganzen Volkes."

Noch zwei Jahre zuvor lief es anders. Im Gegenzug für die Freilassung des Berliner CDU-Chefs Peter Lorenz kamen fünf Terroristen frei.

Die RAF versucht, den Druck durch an die Öffentlichkeit gegebene Briefe, Videos und Fotos des entführten Schleyer zu erhöhen.

Kurzfristige Ultimaten lässt die Regierung Schmidt verstreichen.

Der "Deutsche Herbst" gipfelt ist der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" nach Mogadischu am 13. Oktober 1977.

Vier palästinensische Terroristen kapern die Maschine auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt und zwingen Kapitän Jürgen Schumann, den Kurs zu wechseln.

Später ermorden sie Schumann.

Anführer der Gruppe ist der 23-jährige Zohair Youssif Akache, der sich "Kapitän Mahmud" nennt. Die Aktion ist mit der RAF abgestimmt. Als Gegenleistung für das Leben der 91 Menschen an Bord der "Landshut" fordern die Terroristen die Freilassung der RAF-Mitglieder sowie 15 Millionen US-Dollar.

Zudem erneuern sie die Drohung: Wenn sich die Bundesregierung nicht darauf einlässt, muss Schleyer sterben.

Für Schleyers Familie sind die fünfeinhalb Wochen seit der Entführung schwer. Hanns-Eberhard Schleyer, einer der Söhne des Arbeitgeberpräsidenten (hinter Schmidt bei der Beerdigung seines Vaters), hält den Kurs der Regierung für falsch.

Hanns-Eberhard Schleyer, der später selbst eine Verbandskarriere machte, will Schmidt dazu zwingen, das Leben seines Vaters zu retten. Das Bundesverfassungsgericht weist am 15. Oktober 1977 seinen Antrag zurück. Parallel dazu versucht Eberhard Schleyer, in Frankfurt Geld an die RAF zu übergeben. Die Aktion scheitert.

Am 17. Oktober erreicht die "Landshut" nach mehreren Zwischenstopps die somalische Hauptstadt. Es entwickelt sich ein Nervenkrieg. Die Entführer setzen ein Ultimatum bis 15 Uhr, das später bis zum Morgen des 18. Oktobers verlängert wird.

Freiheit für die RAF-Terroristen oder die Maschine werde gesprengt, so die Drohung.

Parallel bereitet die Regierung Schmidt die "Operation Feuerzauber" vor. Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski handelt bei der somalischen Regierung die Genehmigung dafür aus.

Kurz nach Mitternacht stürmt ein GSG-9-Kommando unter Führung Ulrich Wegeners die "Landshut" (im Bild: Wegener bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes).

Die Geiselnehmer sind überrascht. Der Grenzschutz-Spezialeinheit gelingt es, alle noch lebenden Entführten zu befreien (das Bild zeigt ihre Ankunft in Frankfurt). Eine Stewardess wird leicht verletzt, ein GSG-9-Beamter wird angeschossen.

Drei der vier Terroristen kommen ums Leben. Die einzige Überlebende, Souhaila Andrawes, hebt noch schwerverletzt auf der Trage die Hand zum Victory-Zeichen.

Doch das trotzige Symbol trügt. Die Strategie der RAF ist nicht aufgegangen. Die Bundesrepublik lässt die Terroristen nicht aus Stammheim frei.

Noch in der Nacht der Befreiung der "Landshut" nehmen sich Baader, Ensslin und Raspe in Stammheim das Leben. Sie hören zuvor am Radio vom gewaltsamen Ende der Entführung. Ihr Kampf ist aussichtslos.

Bundespräsident Walter Scheel appelliert an die RAF-Entführer Schleyers: "Kehren Sie zurück zu menschlichem Handeln. Dieser Augenblick gibt Ihnen noch eine letzte Chance dazu."

Schleyer hat in der Zwischenzeit eine Odyssee durch Westeuropa hinter sich. Von Erftstadt-Liblar aus verlegen die Entführer ihn nach Beginn der Rasterfahndung nach Den Haag, später nach Brüssel.

Am 19. Oktober muss Schleyer ein letztes Mal in den Kofferraum eines Autos steigen. Von Belgien aus wird er nach Mulhouse im Elsass gebracht.

Im Kofferraum dieses Audi 100 wird er dort tot aufgefunden. Die Entführer haben ihn mit drei Schüssen aus dieser Maschinenpistole in den Hinterkopf ermordet. Wer genau abdrückte, wird nie zweifelsfrei geklärt. Die Tatwaffe wird erst Jahre später sichergestellt.

Ein letztes Schreiben der Entführer gerät an die Öffentlichkeit. Darin heißt es: "Wir haben nach 43 Tagen Hanns-Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet. Herr Schmidt, der in seinem Machtkalkül von Anfang an mit Schleyers Tod spekulierte, kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mülhausen in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen. Für unseren Schmerz und unsere Wut über die Massaker in Mogadischu und Stammheim ist sein Tod bedeutungslos."

Noch viele Jahre soll die Aufarbeitung der Verbrechen dauern. 20 Männer und Frauen werden als Beteiligte an der Entführung Schleyers identifiziert (im Bild: Peter Jürgen Boock (l.) bei seiner Ankunft in Stammheim).

17 von ihnen werden verurteilt, zwei sterben beim Versuch ihrer Festnahme. Ein Mysterium bleibt Friederike Krabbe. Sie tauchte 1977 unter und gilt seither als verschollen.

Der "Deutsche Herbst" verändert die Republik. Straßensperren, Schleierfahndung und schwer bewaffnete Polizisten prägen das Bild in der Öffentlichkeit.

Die Angst vor Anschlägen und der RAF sitzt tief. Ebenso aber auch die Empörung vieler Menschen über neue Sicherheitsgesetze. Diese erinnern Kritiker an Instrumente totalitärer Staaten, die Erinnerung an den Nationalsozialismus ist noch frischer als heute.

Im Kern berührt der "Deutsche Herbst" die Frage, wie viel Freiheitseinschränkungen eine Gesellschaft im Kampf gegen Terror bereit ist hinzunehmen – ein auch heute noch sehr aktuelles Problem.

weitere Bilderserien