Bilderserie
Dienstag, 23. Januar 2018

Raubein der Kunstszene wird 80: Bei Georg Baselitz steht die Welt kopf

Von Katja Sembritzki

Bild 1 von 49
Er hat sich mit seinen "Kopfstand"-Gemälden einen prominenten Platz in der Kunstgeschichte gesichert, … (im Bild: "Wir daheim", 1996) (Foto: picture-alliance/ dpa)

Er hat sich mit seinen "Kopfstand"-Gemälden einen prominenten Platz in der Kunstgeschichte gesichert, … (im Bild: "Wir daheim", 1996)

Er hat sich mit seinen "Kopfstand"-Gemälden einen prominenten Platz in der Kunstgeschichte gesichert, … (im Bild: "Wir daheim", 1996)

… seine Werke erzielen Preise in Millionenhöhe …

… und sein künstlerisches Einzelgängertum sowie seine markigen Sprüchen brachten ihm den Ruf des Raubeins der deutschen Kunstszene ein: … ("Fingermalerei-Akt", 1972)

… Mit Georg Baselitz feiert einer der weltweit bekanntesten Maler und Bildhauer seinen 80. Geburtstag.

Geboren wurde er am 23. Januar 1938 als Hans-Georg Kern in der Oberlausitz.

Später änderte er seinen Nachnamen in Baselitz um, in Anlehnung an seinen Heimatort Deutschbaselitz, …

… wo sein Vater als Lehrer arbeitete. Die gelb umrahmten Fenster des Schulgebäudes markieren die Wohnung der Familie.

Das Image des Querkopfes fiel Baselitz schon früh zu.

Als Student flog er nach nur zwei Semestern wegen "gesellschaftlicher Unreife" von der Ost-Berliner Kunsthochschule in Weißensee, weil er nicht an einem Arbeitseinsatz in einem Kombinat teilnahm, …

… sondern stattdessen auf seine Weise Kriegsbilder von Picasso ("Guernica", 1937) nachmalte.

1958 zog er in den Westteil der Stadt und setzte dort sein Studium fort. (Entwürfe für ein Bühnenbild)

Jahrzehnte später rechnete Baselitz mit seiner DDR-Vergangenheit ab: Er malt seine eigenen Versionen von berühmten Werken des "Sozialistischen Realismus" und macht sich über die DDR-Helden lustig. ("Lenin on the Tribune", 1999)

Die Hamburger Schau mit 60 "Russenbildern" war 2007 ein Publikumsmagnet. ("Nach der Schlacht", 1999)

Die Werke in Baselitz' allerersten Ausstellung in einer Berliner Galerie sorgten 1963 hingegen für einen Skandal: Der "Nackte Mann" ist mit einem riesigen Penis ausgestattet, "Die große Nacht im Eimer" (im Bild) zeigt einen onanierenden Jungen.

Die Ölgemälde wurden von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt, das Gerichtsverfahren später eingestellt. Heute gehören die Bilder zu seinen bekanntesten. ("Ein Moderner Maler" von 1966 und 2007, v.l.)

Zu den frühen Arbeiten von Baselitz zählt auch der Werkzyklus "Neue Typen". Er entstand während seiner Zeit als Stipendiat in der Villa Romana in Florenz ...

... und setzt sich 20 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit männlichem Heldentum auseinander.

Die Bilder sind grob und in kräftigen Farben gemalt. Zu sehen ist in der Regel eine stehende Figur, oft ist sie verletzt und teilweise entblößt.

Im Jahr 1969 landete Baselitz einen künstlerischen Coup: ...

... Er drehte seine Bilder um 180 Grad, um sie aus der "fatalen Abhängigkeit zur Wirklichkeit" zu befreien.

Derart verfremden sollten sie den Betrachter nicht über das Motiv nachdenken lassen, sondern Formen und Farben in den Vordergrund der Wahrnehmung rücken. ("Kahlschlag", 1970)

Seine "Umkehrbilder" machten Baselitz ab den 70er-Jahren in der ganzen Welt berühmt und sind bis heute sein Markenzeichen. ("Sieben mal Paula", 1987/88)

Mit ihnen suchte er sich seinen ganz eigenen Weg, der sich radikal von dem durch die Ost-Malerei diskreditierten Realismus abwandte … ("Karneval" von Ulrich Machulla)

… und gleichzeitig auch der im Westen Deutschlands gepriesenen Abstraktion und den monochromen Bildern im Geiste der Zero-Bewegung (hier Bilder von Otto Piene) entsagte.

Als Inspiration nennt Baselitz die expressionistischen "Brücke"-Maler. Sein Bildnis "Nachtessen in Dresden" (1983) ist eine Hommage an diese Vorbilder.

Geprägt haben ihn auch zeitgenössische US-amerikanische Maler, die er 1958 als Student bei einer Wanderausstellung in Berlin kennenlernte: Die abstrakten Expressionisten Willem de Kooning ("Frau mit Hut") ...

… und Jackson Pollock ("Mural") begeisterten ihn mit künstlerischer Freiheit und großformatigen Werken.

Baselitz' umfangreiche Arbeiten beschränken sich aber nicht nur auf Malereien und Zeichnungen, er fertigte auch Radierungen und mehrfarbige Holzschnitte an. ("Der Trommler", Linolschnitt, 1982)

Seit Ende der 70er-Jahre widmet er sich außerdem der Bildhauerei ... ("Weibliche Figur", 1994)

... und geht dabei mit Axt und Kettensäge zu Werke. ("Zero Ende", 2013)

Seine erste Arbeit, "Modell für einen Skulptur", war 1980 auf der Biennale in Venedig zu sehen und leitete einen weiteren Eklat ein: Einige sahen in dem ausgestreckten Arm eine Anspielung an den Hitlergruß.

Baselitz klärte auf: Die grob gehauene Figur orientiere sich an afrikanischen Skulpturen. ("Volk Ding Zero", 2009)

Er selbst verfügt über eine der bedeutendsten Sammlungen afrikanischer Kunst in Deutschland, die 2003 erstmals öffentlich gezeigt wurde. (Holzfiguren aus Zentralafrika)

Aber Baselitz provoziert nicht nur mit seinen Werken, sondern auch mit robusten Sprüchen und sonderbaren Meinungen. (Bildausschnitt: "Von Wermsdorf nach Ekely", 2006)

So nannte er DDR-Künstler "Arschlöcher", bezeichnete die Documenta als "Paralympics" und verkündete, dass Frauen nicht so gut malen könnten. ("Untitled", 2015)

Auch seine Professuren an den Kunsthochschulen in Karlsruhe und Berlin bewertete er in einem "Spiegel"-Interview im Nachhinein mit deftigen Worten: … ("Frau am Abgrund", 1998)

… "Das Schlimmste war, als ich noch Professor sein wollte. Dass man da mit den Kollegen umgehen musste und mit Studenten und sich diesen ganzen Akademie-Schwachsinn anhören musste". ("Oberon", 1963)

Ab 2005 malte und interpretierte Baselitz unter dem Titel "Remix" seine wichtigsten Werke neu, ... ("Kubistische Gasmaske")

… und verblüffte mit einer sanften Farbgebung, … ("Der Raucher im Frühling")

… die teilweise fast an Aquarelle erinnert. ("The Bridge Ghost's Supper")

In diese Zeit fällt auch der Verkauf von Schloss Derneburg, in dem Baselitz 30 Jahre lang lebte und arbeitete. Er zog nach Inning am Ammersee. Inzwischen wohnt er in Salzburg, …

… zusammen mit seiner Frau Elke, mit der er seit über 55 Jahren verheiratet ist. Auch sie hat er malerisch festgehalten, …

… natürlich auf dem Kopf. ("Elke1")

Die gemeinsamen Söhne Daniel Blau (im Bild) und Anton Kern führen erfolgreiche Galerien in München und New York.

2015 war Baselitz erneut in den Schlagzeilen: Aus Protest gegen das Kulturgutschutzgesetz, das die Ein- und Ausfuhr von Kunstwerken regeln soll, zog er seine Dauerleihgaben an deutsche Museen zurück.

Viele Sammlungen wie das Dresdner Albertinum ...

… und die Pinakothek der Moderne in München verloren wichtige Gemälde aus dem Privatbesitz des Künstlers.

Bei seinen letzten Gemälden sah Baselitz schwarz. Unter dunklen Farbschichten wollte er seine Bilder unsichtbar werden lassen.

Was die Kunstszene als Nächstes von Baselitz erwarten darf? Für eine Überraschung ist er jedenfalls immer gut.

weitere Bilderserien