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Donnerstag, 13. Oktober 2016

Die vielen Gesichter des Bob Dylan: Literaturnobelpreis für den rastlosen Wanderer

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... den Musiker Bob Dylan. Die Schwedische Akademie ehrt damit seine Schaffung "neuer poetischer Ausdrucksformen". (Foto: dpa)

... den Musiker Bob Dylan. Die Schwedische Akademie ehrt damit seine Schaffung "neuer poetischer Ausdrucksformen".

Der Nobelpreis für Literatur 2016 geht an ...

... den Musiker Bob Dylan. Die Schwedische Akademie ehrt damit seine Schaffung "neuer poetischer Ausdrucksformen".

Die Entscheidung des Nobelkommitees überrascht nicht wirklich, ist Dylan doch der Mann mit tausend Facetten.

Er lässt eher selten sein Becken kreisen wie Elvis Presley.

Die Meinungen über seine Sangeskunst gehen weit auseinander, was sich seit einigen Jahren noch verstärkt.

Hysterische Fans hatte er wohl nur einmal: Als er 1965/66 auf die elektrische Gitarre umstieg und in England als "Judas" beschimpft wurde.

Mit Jesus hat er sich nie verglichen, selbst wenn er von Anhängern als Messias oder Prophet gefeiert wird.

Und doch ist Bob Dylan, der mittlerweile 75 Jahre alt ist, einer der wichtigsten Künstler des 20. Jahrhunderts.

Allerdings nicht, weil er den Nobelpreis, mehrere Grammys, unzählige weitere Auszeichnungen wie den Pulitzer-Preis gewonnen hat und Ehrungen wie die US-amerikanische National Medal of Arts oder die Freiheitsmedaille des US-Präsidenten erhielt.

Nicht, weil er Oscar und Golden Globe gewann und schon seit Jahren als Anwärter auf den Literaturnobelpreis galt.

Vielleicht ergibt sich seine Bedeutung aus der Vielseitigkeit als Songschreiber, Musiker, Poet, Filmemacher und Maler - wobei seine Filme und Bilder nicht überall auf Anerkennung stoßen.

Vor allem aber übt Bob Dylan bis heute einen enormen Einfluss auf die weltweite Popkultur aus.

Er gab und gibt Protesten der Bürgerrechtsbewegung und der Studenten - mithin der gesamten kritischen Gegenkultur - eine Stimme, eine Melodie.

Und doch bleibt er nie stehen. Dylan will immer weiter. Er ist ein Wanderer, der immer neue Wege geht, neue Impulse setzt - darunter durchaus auch Verirrungen - und unzählige Nachfolger inspiriert.

Zu Beginn seiner Karriere sang er Protestsongs auf der Akustikgitarre, wandelte sich zum lyrischen Poeten, wechselte zur elektrischen Gitarre und wurde zum Rocker, zog sich nach einem Unfall zurück, …

… tauchte wieder auf und spielte Country, wanderte mit seiner "Rolling Thunder Revue" durch Amerika, wurde zum neugeborenen Christen und kriselte in den 80ern.

Schließlich feierte er mit der Rückkehr zu seinen Wurzeln, zu Blues, Americana und Folk ein kaum noch zu erwartendes Comeback - als "olympisch heiterer und doch seltsam sinistrer Südstaatengentlemen", wie es in der "Zeit" hieß.

Mit mehreren Alben, einer eigenen (mittlerweile wieder eingestellten) Radioshow, der "Never ending Tour" und Ausstellungen seiner Bilder taucht Dylan Anfang des Jahrtausends wieder auf, erlebt ein grandioses Comeback und ist präsent wie selten - was auch unzählige Veröffentlichungen über ihn untermauern.

Und man erkennt ihn kaum wieder: Er veröffentlicht bisher nur als Bootleg erhältliche Schätze aus dem Archiv und gibt sich vor allem ungemein beredet: Martin Scorsese dreht "No Direction Home" über ihn und der Meister selbst veröffentlicht den ersten Teil seiner Autobiographie "Chronicles".

Doch noch immer umgeben Dylan Rätsel, die auch all die selbsternannten Dylanologen nicht lösen können.

Zu verworren und mitunter kryptisch sind seine Texte.

Außerdem wäre da die Sache mit der Werbung: Für Victoria's Secret gibt Dylan sein Gesicht her, für Cadillac und Pepsi-Cola.

Selbst die Protest-Hymne "The Times they are a-changin'" muss mehrmals für Werbung herhalten.

Und ist sein Album "Christmas In The Heart" nicht eine Weihnachtsplatte? Auch wenn die Einnahmen gespendet werden - es ist, gelinde gesagt, eine Überraschung für die Fans.

Anhänger von "His Bobness" müssen manchmal eben hart im Nehmen sein. Und im Interpretieren.

Zu viele Geschichten erfindet Dylan über seine Herkunft und sein Leben. Dabei ist die Geburt als Robert Allen Zimmerman dann wohl doch eher unspektakulär, am 24. Mai 1941 in Duluth, Minnesota. Später wächst er im nahen Hibbing (Bild) auf, an der kanadischen Grenze.

Das ist weit weg vom Mississippi-Delta, wo Blues, Jazz und Rock'n'Roll geboren wurden. Doch die Musik erreicht auch den Nachfahren ukrainisch-jüdischer Einwanderer - erst Hank Williams (Bild), dann Little Richard, Chuck Berry, Buddy Holly und Elvis Presley.

Dem Highway, der Geburts- und Sehnsuchtsort verbindet, huldigt er später in "Highway 61 Revisited". (Hier die berüchtigte Kreuzung der Highways 49 und 61 in Clarksdale, wo der Blueser Robert Johnson seine Seele dem Teufel überschrieben haben soll.)

Immerhin: Seine Eltern unterstützen die musikalische Begeisterung. Robert lernt Klavier und Gitarre - akustisch und elektrisch. Und er spielt in ersten Bands mit. Bereits hier erfindet er auch seinen Künstlernamen: Bob Dylan, wohl nach dem irischen Dichter Dylan Thomas.

Doch lange hält es Dylan nicht in Minnesota aus. Über St. Paul, wo er an der Uni die Folkmusik von Woody Guthrie kennenlernt, geht er Anfang 1961 nach New York, wo er jenen Guthrie am Sterbebett besucht.

Dylan streift durch Musikläden und eignet sich spielend die unterschiedlichsten Musikstile an. Vor allem ältere nordamerikanische Musik fasziniert ihn: Blues, Folk und Swing, Country und Tin-Pan-Alley-Pop, Rockabilly und Rock'n'Roll. Unter dem Einfluss seiner Freundin Suze Rotolo (die auf dem "Freewheelin'"-Cover) wird er zudem politischer und gesellschaftskritischer.

Auf erste Erfolge in Coffeehouses und Klubs folgt bereits im Oktober 1961 der erste Plattenvertrag bei Columbia Records. Das erste Album "Bob Dylan", vor allem aus Fremdkompositionen bestehend, ist kein großer Erfolg. Doch Dylan schreibt seine Songs zunehmend selbst.

Erst mit "The Freewheelin' Bob Dylan" und dem Song "Blowin' in the Wind" sowie dem Titeltrack der dritten Platte "The Times they are a-changin'" gelingt der Durchbruch, unterstützt durch eine Tournee mit Joan Baez (Bild). Dylan wird - wider Willen - zur neuen Symbolfigur der Bürgerrechtsbewegung.

Doch der Wanderer bleibt nicht stehen: Bereits Mitte der 60er tauscht Dylan die akustische mit der elektrischen Gitarre. Was folgt, ist Legende: Innerhalb eines reichlichen Jahres veröffentlicht Dylan drei Alben, die Geschichte schreiben.

Ist "Bringing it all Back Home" noch eine Mischung aus akustischem und elektrischem Teil, wechselt er mit "Highway 61 Revisited" völlig die Seiten zur Rockmusik - und veröffentlicht mit der sechsminütigen Single "Like a Rolling a Stone" eines seiner größten Lieder.

Die Fans reagieren entsetzt und feindselig. Doch Dylan legt nach. Mit "Blonde on Blonde" haut er die erste Doppel-LP der Rockgeschichte raus.

Es ist nicht nur die musikalische Entwicklung, die spaltet. Auch die zunehmend komplexen Texte stiften mit zahlreichen Anspielungen und Assoziationen Verwirrung. In "Desolation Row" etwa treffen Figuren aus unterschiedlichster Zeit und Zusammenhang aufeinander: …

… Cinderella und Romeo, Kain und Abel, Ophelia und Einstein (verkleidet als Robin Hood), das Phantom der Oper, Casanova und der Glöckner von Notre Dame, die Dichter Ezra Pound und T. S. Eliot - Herrscharen von Interpreten werden sich daran die Zähne ausbeißen.

Dylan ist nun ein Rockstar, der unermüdlich schreibt, aufnimmt und tourt. Doch der Druck von Fans und auch Journalisten macht ihm zu schaffen. Da bremst ihn ein Motorradunfall aus.

Der Wanderer zieht sich aufs Land zurück, konzentriert sich auf seine Frau Sara und die Kinder. Zwei Alben spiegeln das einfache Leben wider: "John Wesley Harding" und "Nashville Skyline" sind stark vom Country beeinflusst - für einige Fans wieder ein Grund, den Musiker anzufeinden. Dabei ist es der Grundstein des Country-Rock.

Dylan macht sich in den folgenden Jahren rar. Erst nach einigen mittelmäßigen Alben, einem Auftritt in Sam Peckinpahs Film "Pat Garrett jagt Billy the Kid" und der Trennung von seiner Frau wagt er ein Comeback.

Eine große, ausverkaufte Tournee, vor allem aber "Blood on the Tracks", eines seiner besten Alben, das sich auch mit der Trennung von Sara auseinandersetzt, bringen Dylan wieder ins Gespräch. Und er geht mit einem Tross aus Musikern wie Joan Baez und Dichtern wie Allen Ginsberg auf Tournee: Die "Rolling Thunder Revue" erinnert mehr an einen Zirkus als an ein Rockkonzert.

Dylan tritt mit weißer Schminke im Gesicht auf, er spielt neue Lieder, aber auch alte Hits, die er - zum Missfallen einiger Fans - stetig verändert, neu interpretiert und teils bis zur Unkenntlichkeit verzerrt vorträgt.

So weit, so gut. Doch der Wanderer geht weiter. Nach einem Erweckungserlebnis konvertiert Dylan Ende der 70er Jahre zum christlichen Glauben. Alben wie "Slow Train Coming" und "Saved" sind davon inspiriert. Einige Fans wenden sich mit Grausen ab.

Die Alben der 80er Jahre sind eher durchwachsen. Dylan kämpft mit einem Alkoholproblem, er heiratet erneut (die Ehe hält nur ein paar Jahre) und spielt mit anderen Stars bei den "Traveling Wilburys". 1986 tritt er in Ost-Berlin auf (Bild) - und sagt kein Wort über Freiheit.

Schließlich begibt sich Dylan auf seine "Never ending Tour": Eine Tournee, die kein Ende kennt, kein Album promoten soll, die stattdessen immer nur weitergeht, um die 100 Konzerte Jahr für Jahr, rund um den Erdball.

Anfang der 90er wird Dylan in die Rock'n'Roll Hall of Fame aufgenommen, erhält den Grammy für sein Lebenswerk, tritt bei Woodstock II auf und bei MTV Unplugged. Musikalisch wendet er sich den Wurzeln zu. Er interpretiert alte Folk- und Bluesklassiker und legt so die Grundlage für sein Comeback.

Dieses gelingt ihm schließlich 1997 mit "Time out of Mind". "It's not dark yet, but it's getting there" - diese Zeile umschreibt die düstere, melancholische Stimmung des Albums. Vielleicht liegt dies auch an der schweren Herzerkrankung, die Dylan gerade erst überstanden hat.

Drei Grammys gewinnt die Platte. Oscar, Golden Globe und Polar Music Prize folgen, ein Auftritt vor Papst Johannes Paul II., erfolgreiche Tourneen und das von der Kritik gefeierte Album "Love and Theft", ein Mix verschiedener amerikanischer Musikstile. Dylan wird zum Bewahrer alter Musik.

Der sonst so wortkarge und knurrige Musiker präsentiert sich wie nie zuvor in seiner Karriere. Er spielt in Filmen mit, schreibt seine Autobiografie, gibt Interviews, im Fernsehen läuft die Dokumentation "No Direction Home".

Todd Haynes dreht eine Filmbiografie über Dylan. In "I'm not there" wird der Musiker von sechs verschiedenen Schauspielern verkörpert (darunter Cate Blanchett - Bild, Christian Bale, Richard Gere und Heath Ledger), was seine verschiedenen Persönlichkeiten darstellen soll.

Und noch ein Medium erobert Dylan: Im Radio stellt er zu Themen wie Wetter, Baseball, Blumen und Autos ganze Sendungen zusammen, die moderne Songs mit alten Liedern mischen, von denen Dylan einst beeinflusst wurde.

Es ist diese Mischung aus Nostalgie und Moderne, für die Dylan mittlerweile steht. Und die auch immer wieder junge Menschen zu seiner Musik führt, in seine Konzerte treibt.

Auch wenn Auftritte durchaus zur Geduldsprobe werden können, angesichts eigenwilliger Interpretationen und knorriger, brüchiger Stimme. Wenn er seine Band vorstellt, hat er schon viel gesprochen.

Aber Kritik - die lässt Dylan ohnehin kalt. Wie zuletzt, als ihm nach seinem ersten Konzert in China vorgeworfen wird, die Songliste sei zensiert worden.

Dylan ist eben Dylan. Mittlerweile mit Hut. Unnahbar und rätselhaft - das zeigt er seit Jahrzehnten. Leider auch, dass nicht alles, was er anfasst, zu Gold wird.

Die Wanderschaft aber, und die "Never ending Tour" gehen weiter. Wohin? Das weiß nur der Wind. (mli/lsc)

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