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Dienstag, 15. Mai 2018

50 Jahre Schmerz-Performances: Marina Abramovic - radikal, blutig, verstörend

Von Katja Sembritzki

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Sie sucht die Grenzerfahrung und setzt dabei schon mal ihr Leben aufs Spiel: Unter den Performance-Künstlern ist Marina Abramovic die berühmteste, radikalste, aber auch umstrittenste. (Foto: Bastian Geza Aschoff, 2018, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)

Sie sucht die Grenzerfahrung und setzt dabei schon mal ihr Leben aufs Spiel: Unter den Performance-Künstlern ist Marina Abramovic die berühmteste, radikalste, aber auch umstrittenste.

Sie sucht die Grenzerfahrung und setzt dabei schon mal ihr Leben aufs Spiel: Unter den Performance-Künstlern ist Marina Abramovic die berühmteste, radikalste, aber auch umstrittenste.

Die Überwindung von Schmerz, Angst und Scham sind die Kernthemen der inzwischen 71-jährigen Performance-Queen. Sie testet aus, wie weit sie physisch und psychisch gehen kann, was ihr Körper und das Publikum aushalten.

Die Gefahren sind dabei oft schwer kalkulierbar: 1974 legte sich Abramovic in einen brennenden Stern und wurde wegen des Sauerstoffmangels ohnmächtig. Erst als die Flammen an ihren Beinen zu lecken begannen, begriffen Zuschauer die Situation und retteten sie.

Unter dem Titel "Marina Abramovic. The Cleaner" zeigt die Bundeskunsthalle Bonn aktuell eine große Retrospektive, die auf 50 Jahre Abramovic-Aktionen zurückblickt. Zu sehen sind Fotografien, …

… Installationen, ausgewählte Archivmaterialien …

… und Filme. Bei dieser Performance ("Lips of Thomas", 1975) aß Abramovic ein Kilo Honig, trank einen Liter Wein, ritzte sich ein Pentagramm in den Bauch, …

… geißelte sich anschließend mit einer Peitsche und legte sich zum Schluss auf einen Eisblock, über dem ein Heizstrahler hing.

Einige der Performances werden in Bonn zu bestimmten Zeiten von Aktionskünstlern wiederaufgeführt, wie zum Beispiel die Tangohaltung, in der Abramovic und ihr Partner Ulay (beide im Hintergrund zu sehen) für 96 Minuten bewegungslos erstarrten.

Bei dem hier re-performten Werk bürstete Abramovic 1975 die Erwartungen an ein klassisches Motiv der Kunstgeschichte, den Akt, gegen den Strich: ...

… Nackt stand sie vor dem Publikum, zerrte mit einem Kamm brutal an ihren Haaren und sagte immer wieder die Sätze "Art must be beautiful, artist must be beautiful".

Bei Abramovic soll Kunst nicht schön sein, sie soll verstören. Das tat auch ihre allererste Darbietung ("Rhythm 10", 1973), bei der sie sich mit verschiedenen Messern zwischen die gespreizten Finger stach, ...

... dabei immer wieder ins eigene Fleisch schnitt und das Tack-Tack-Tack der Klingen auf Band aufnahm.

Das Werk wurde zur Initialzündung: "Ich hatte die totale Freiheit erfahren - ich hatte gespürt, dass mein Körper grenzenlos war; dass Schmerz keine Rolle spielte - und es war berauschend", schreibt sie in ihrer Autobiografie "Durch Mauern gehen". ("Stromboli III Volcano", 2002)

Zu ihren extremsten Performances zählt "Rhythm 0" von 1974. Auf einem Tisch lagen 72 Gegenstände bereit - von Rosen und Federn bis hin zu Scheren und einer Pistole plus Munition. Die Künstlerin lud das Publikum ein, die Objekte sechs Stunden lang nach Belieben an ihr anzuwenden.

Am Ende war Abramovic halbnackt, blutüberströmt und ein Mann richtete die scharfe Waffe auf sie.

Gewalt hat Abramovic früh kennengelernt: Sie wurde 1946 im serbischen Belgrad als Tochter von Partisanen geboren und bekam von ihrer Mutter Schläge statt Liebe. ("The Hero", 2001)

Als junge Frau studierte sie zunächst Malerei. Auch Gemälde aus dieser Anfangszeit sind in der Ausstellung zu sehen. So ruhig wie auf den Wolkenstudien ("Black Clouds Coming", 1970er-Jahre) geht es allerdings nicht auf allen Bildern zu: ...

… Zu ihren Werken gehört auch eine Serie von Verkehrsunfällen, genauer gesagt: …

… Lkw im Moment der Frontalkollision. Abramovics Faszination galt den dabei freigesetzten Kräften. ("Truck Accident" I + II, 1963)

Der Austausch von Energie wurde zu einem ihrer zentralen Interessen und ein Leitmotiv ihrer 12-jährigen Kunst- und Lebenspartnerschaft mit dem deutschen Künstler Ulay (Frank Uwe Laysiepen). Bei ihren gemeinsamen Auftritten rannten sie mit voller Wucht aufeinander zu und ließen ihre nackten Körper aneinanderklatschen (1976), ...

… sie ohrfeigten sich, inhalierten den Atem des anderen oder schrien sich an, bis die Stimmen versagten (1978).

Für "Imponderabilia" (1977) standen sie sich am Eingang eines Museums in Bologna unbekleidet gegenüber und die Besucher mussten sich seitlich zwischen ihnen hindurchquetschen und entscheiden, wem der beiden sie sich zuwenden wollen.

Auch die Besucher in Bonn haben die Wahl.

Um Vertrauen ging es bei der lebensgefährlichen Performance "Rest Energy" (1980): Durch gleichzeitiges Zurücklehnen spannten die Künstler einen Bogen und Ulay richtete die Spitze des Pfeils auf die Brust von Abramovic.

Ihre letzte gemeinsame Aktion führte sie 1988 nach Asien. Für "The Lovers" liefen sie die komplette Chinesische Mauer entlang. Jeder startete an einem Ende und legte 2500 Kilometer zurück. In der Mitte trafen sie sich und beendeten dann ihre private und künstlerische Beziehung.

Für "Balkan Baroque", eine Klage um den Zerfall Jugoslawiens und die Opfer des Krieges, gewann Abramovic 1997 auf der Biennale in Venedig den Goldenen Löwen: Vier Tage lang saß sie auf einem blutigen, stinkenden Haufen aus Rinderknochen, …

… entfernte mit Bürste und Seife die Fleischreste von den Knochen und sang dazu Totenlieder aus ihrer Heimat.

Eine große Rolle im Werk von Abramovic spielen spirituelle Traditionen. Sie reiste zu den Ureinwohnern Australiens, um mit ihnen Träume zu deuten, und schulte sich bei tibetanischen Mönchen in der Meditation. ("Sleeping under the Banyan Tree", 2010)

Mentales Training und Konzentration stehen auch bei der Abramovic-Methode im Fokus. ("Shoes for Departure", 1991)

Die Übungen - unter anderem Reiskörner zählen und eine Wand anstarren - basieren auf Abramovics Performance-Erfahrungen und sollen helfen, die Grenze zwischen Körper und Geist zu überwinden. ("Waiting for an Idea", 1991)

In der jüngeren Vergangenheit steht bei Abramovic besonders die läuternde Wirkung ihrer Kunst im Vordergrund und sie macht mit Langzeit-Performances auf sich aufmerksam. Am aufsehenerregendsten war 2010 ihre Aktion "The Artist Is Present" im New Yorker MoMA.

Drei Monate lang saß sie tagsüber insgesamt 736 Stunden lang bewegungslos auf einem Stuhl und wechselte stumme Blicke mit Ausstellungsbesuchern, die nacheinander auf dem leeren Stuhl ihr gegenüber Platz nahmen.

Viele der 1500 Menschen, die ihr in die Augen schauten, reagierten hochemotional auf die Begegnung mit Abramovic.

Um die Erkenntnis von Wiederholung und die Ritualisierung des Alltags ging es bei "House with the Ocean View" (2002). Abramovic zog für 12 Tage und Nächte in drei schwebende, miteinander verbundene Räume ein. Die Besucher …

… konnten ihr bei den täglichen Routinen zuschauen: Schlafen, Duschen, Benutzen der Toilette. Essen und Reden gehörten nicht dazu.

Drei Leitern, deren Sprossen aus Tranchiermessern mit nach oben zeigenden Klingen bestanden, trennten die Künstlerin von den Zuschauern.

Wer nicht davor zurückscheut, sich den riskanten, schmerzhaften, manchmal auch stillen, aber immer irritierenden Aktionen von Abramovic in geballter Form auszusetzen, ...

... der hat dazu noch bis zum 12. August 2018 in der Bundeskunsthalle Bonn Gelegenheit.

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