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Montag, 24. Oktober 2016

Lennons Mordwaffe, Warhols Pinsel: Wie einfache Dinge die Welt veränderten

Von Judith Görs

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Das "Esquire"-Magazin widmet ihm im Oktober 2016 sogar sein Jubiläumscover: Henry Leutwyler ist als Fotograf von Celebritys längst eine Marke - doch auch er hat nicht alle großen Namen vor die Linse bekommen. In seinem neuen Band "Document" widmet er sich berühmten Persönlichkeiten auf besondere Weise: Er fotografiert Gegenstände, die deren Leben prägten. Die Air Max von Nike ...

Das "Esquire"-Magazin widmet ihm im Oktober 2016 sogar sein Jubiläumscover: Henry Leutwyler ist als Fotograf von Celebritys längst eine Marke - doch auch er hat nicht alle großen Namen vor die Linse bekommen. In seinem neuen Band "Document" widmet er sich berühmten Persönlichkeiten auf besondere Weise: Er fotografiert Gegenstände, die deren Leben prägten. Die Air Max von Nike ...

Das "Esquire"-Magazin widmet ihm im Oktober 2016 sogar sein Jubiläumscover: Henry Leutwyler ist als Fotograf von Celebritys längst eine Marke - doch auch er hat nicht alle großen Namen vor die Linse bekommen. In seinem neuen Band "Document" widmet er sich berühmten Persönlichkeiten auf besondere Weise: Er fotografiert Gegenstände, die deren Leben prägten. Die Air Max von Nike ...

... gehören zum Beispiel bis heute ganz selbstverständlich zu Michael J. Fox in "Zurück in die Zukunft II". Die Rolle des Marty McFly machte den Schauspieler in den 80er-Jahren zum Superstar. Seine Air Max, die damals nur eine Fiktion der Drehbuchautoren waren, gibt es heute tatsächlich im Handel - natürlich mit selbstschließenden Schnürsenkeln. Der Suche nach solchen Originalen ...

... widmete Leutwyler ganze zwölf Jahre seines Lebens, sie führte ihn sogar ins Forensikarchiv in Queens, New York City. Dort lagert - ironischerweise hinter schusssicherem Glas - der Revolver, mit dem am 8. Dezember 1980 Musiklegende John Lennon erschossen wurde. Der Ex-Beatle ...

... und seine Frau Yoko Ono waren an diesem Tag auf dem Heimweg in ihre New Yorker Wohnung im Dakota Building, als ein Mann den Musiker auf der Straße vor dem Haus mit "Mr. John Lennon?" ansprach. Es handelte sich um ...

... Mark David Chapman, den Mörder von Lennon. Er schoss mehrmals auf den Friedensaktivisten, traf ihn zweimal in den Rücken, in die Schulter und in die Halsschlagader. Der Revolver des Kalibers .38 zeugt bis heute von der Tat, die Fans auf der ganzen Welt schockierte. Einer anderen Musiklegende ...

... nähert sich Leutwyler über dessen Mundharmonika. Die "Hohner Marine Band" in A ist sichtbar nicht mehr die neueste. Durch den Speichel ihres Besitzers hat sie Rost angesetzt. Sie gehörte jahrelang dem Songwriter, Lyriker und Literaturnobelpreisträger ...

... Bob Dylan. "Das Schöne daran, Objekte zu fotografieren, ist, dass es (beim Shooting) keine PR-Manager gibt und keine Haar- und Make-up-Stylisten", erklärte Leutwyler dem "Wall Street Journal". "Die Dinge zeigen, wie der Besitzer sie angefasst hat, wie er sie benutzt hat und wie sie alterten." Auf diese Weise ...

... kreiert plötzlich auch das Bild eines banalen Gegenstands - wie etwa von diesem gebrauchten Pinsel - einen intimen Moment. Denn die Farbe, die noch heute daran klebt, mischte niemand Geringeres als ...

... Andy Warhol. Der US-amerikanische Pop-Art-Mitbegründer gehörte nicht nur zu den einflussreichsten Künstlern seiner Epoche, sondern war auch gern gesehener Partygast bei der High Society. Eines seiner berühmtesten Werke ...

... ist bis heute der Siebdruck von Leinwandlegende Marilyn Monroe. Die Vorlage dafür, ein Pressefoto aus den 50er-Jahren, hatte er nur wenige Tage nach dem Tod der Schauspielerin am 5. August 1962 gekauft. Auch Leutwyler nähert sich in "Document" der Monroe. Allerdings nicht über ihr Porträt, sondern ...

... über ihre monströse Koffersammlung. Der Fotograf sagt, es habe "viel Gezeter und ein bisschen Glück" gebraucht, um Besitztümer von Persönlichkeiten der Kulturgeschichte aufzuspüren, die "niemand je gesehen hat". Tatsächlich bilden die Fotos von Leutwyler Objekte aus dem Leben ...

... von Stars wie Marilyn Monroe wohl wesentlich authentischer ab, als es jede gestellte Fotografie kann. Denn die Gegenstände, die der 54-Jährige ablichtet, verstecken nichts. Keinen Kratzer, keine Delle ...

... und auch kein Detail der eigenen Geschichte. Die Hutbox von Abraham Lincoln dürfte einer der ältesten Gegenstände sein, die Leutwyler fotografiert hat. Und auch sie wird allein durch ihren Besitzer, ...

... einen der wichtigsten Präsidenten in der US-Geschichte, mit Bedeutung aufgeladen. "Viele Personen, die mich interessierten, starben bevor ich sie fotografieren konnte", sagte Leutwyler dem "Wall Street Journal". "Also dachte ich mir, ich mache eine Liste mit ein paar Helden und Schurken. Und dann ...

... recherchiere ich, was sie besessen haben." Auf der Liste des Schweizers stand auch der wohl bekannteste Komiker der Filmgeschichte. Was er aus seinem einstigen Besitz wiederfand, waren dessen Schuhe. Mit ihnen ...

.... stolperte Charlie Chaplin in "City Lights - Licher der Großstadt" 1931 durch seinen ersten Tonspur-Film. Seine Schuhe: immer ein bisschen zu groß. Doch auch sie gehörten zur Figur Chaplin - ebenso wie die charakteristische schwarze Melone auf dem Kopf. Weiter gereist als diese Schuhe ...

... ist wohl nur der Golfschläger von Alan Shepard. Am 6. Februar 1971 schlug der Astronaut der Apollo-14-Mission mit diesem Schläger ein paar Bälle auf dem Mond. Shepard war ...

... zwar nicht der erste, sondern "nur" der fünfte Mensch, der seinen Fuß auf die Oberfläche des Erdtrabanten setzte. Mit Sicherheit war er aber der einzige, der ...

... sein Sechser Eisen und zwei Golfbälle im Gepäck hatte, als er mit der legendären Apollo-Mission in den Weltraum startete. Übrigens: Weil er im Raumanzug nicht sehr viel Bewegungsfreiheit hatte, musste Shepard seine Bälle einhändig schlagen. Unter den 300 Objekten, die Leutwyler für seinen Fotoband ausgegraben hat, ...

... gibt es aber noch einen weiteren Pionier: den Vater von Mushmellon, dem ersten Muppet der Geschichte. Die Puppe ist mittlerweile stolze 61 Jahre alt und quasi der Ur-Ahn von Kermit, Miss Piggy und Fozzie Bär. Zum Leben erweckte ihn ...

... der US-amerikanische Puppenspieler Jim Henson. Mit der Muppet Show und der Sesamstraße prägte Henson ganze Generationen - seine Puppen sind mittlerweile allgemeines Kulturgut. Mushmellon entdeckte Fotograf Leutwyler sogar im Smithsonian Institut in Washington. Wenn das keine Ehre ist. Aber es gibt auch Abgründiges in "Document": ...

... In den USA gilt die sogenannte Social Security Card (SSN) als wichtigstes Dokument zum Identitätsnachweis - auch Theodore Kaczynski nutzte seine zigmal bei Behördengängen. Doch so nüchtern die Karte auf dem Foto von Leutwyler wirkt, sie gehörte einem ...

... der bekanntesten Terroristen in der US-Geschichte: dem "Unabomber". Kaczynski verübte zwischen 1978 und 1995 mehr als ein Dutzend Briefbomben-Anschläge. Drei Menschen starben, weitere 23 wurden verletzt. Kaczynski lehnte das bestehende System ab. In der Popkultur erreichte er als "Unabomber" bis in die 90er-Jahre hinein einen gewissen Status - die Band Mando Diao widmete ihm sogar einen eigenen Song. Zur Kultfigur im positivem Sinne brachte es aber auch ...

... der Besitzer dieser Adidas-Schuhe in Größe 47,5. Sie wurden aus Känguruleder gefertigt und gehörten Boxlegende Muhammad Ali. Er bekam sie als WBC-Weltmeister vor seinem Kampf gegen Karl Mildenberger im Oktober 1966 in Frankfurt. Das Schuhdesign sollte ...

... die tänzelnde Beinarbeit des Boxers, den sogenannten "Ali-Shuffle", optisch unterstreichen. Insgesamt haben es in den Fotoband von Leutwyler 123 Objekte mit einer solch besonderen Geschichte geschafft - auch Mahatma Ghandis Sandalen und Elvis Presleys Brille sind darunter. Am 27. Oktober 2016 erscheint ...

... der Bildband in Europa. "Objekte reden", sagt Henry Leutwyler. "Zumindest reden sie mit mir." Warum sollten Sie es nicht auch mit uns tun? Henry Leutwyler, "Document", ist erschienen im Steidl Verlag, 208 Seiten, 123 Abbildungen, 65 Euro, ISBN 978-3-86930-969-9. Mehr Informationen zum Band gibt es auf steidl.de.

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