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Samstag, 15. September 2018

Finanzsystem am Abgrund: Der Tag, an dem Lehman Brothers kollabierte

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Das Wetter am 15. September 2008 war herrlich. New York erlebte einen wundervollen, warmen Spätsommertag. (Foto: REUTERS)

Das Wetter am 15. September 2008 war herrlich. New York erlebte einen wundervollen, warmen Spätsommertag.

Das Wetter am 15. September 2008 war herrlich. New York erlebte einen wundervollen, warmen Spätsommertag.

Der Montag hatte allerdings einen Schönheitsfehler: Die Investmentbank Lehman Brothers brach zusammen.

Damit verschärfte sich die Bankenkrise so stark, dass später eine Kernschmelze des Finanzsystems drohte.

Vorausgegangen war ein dramatisches Wochenende. Die US-Regierung hatte mit den Chefs der Wall-Street-Banken nach einer Lösung gesucht, die wankende Lehman Brothers vor dem Untergang zu bewahren. Mit dabei: Finanzminister Henry Paulson und der Chef der Notenbank, Ben Bernanke.

Eine Rettung durch Steuergelder in Milliardenhöhe - wie zuvor beispielsweise bei Bear Stearns - schloss die Regierung allerdings aus.

Am Sonntagnachmittag sah Lehman-Chef Richard Fuld nur noch eine Möglichkeit: Weil alle möglichen Käufer abgesprungen waren, wollte er die Bank of America (BoA) doch noch überzeugen, Lehman zu übernehmen.

Die hatte lange als wahrscheinlicher Käufer gegolten, hatte mit einem Blick auf das Immobilien-Porfolio von Lehman aber einen Rückzieher gemacht. Also rief Fuld mehrfach bei BoA-Chef Ken Lewis an - vergeblich. Dessen Frau beschied Fuld, ihr Mann sei unterwegs.

Das stimmte. Lewis traf sich zu der Zeit mit John Thain, dem Chef der ebenfalls bedrohlich kranken Merrill Lynch. Die beiden verhandelten über einen Kauf durch die BoA, am späten Abend wurde der Deal beschlossen und am Montag verkündet.

Derweil meldete Lehman Brothers Insolvenz an.

An der Wall Street stürzten die Kurse in den Keller. Vor allem die Aktie von AIG kam unter die Räder und verlor 60 Prozent. Der Versicherer galt als der nächste Kandidat für einen Zusammenbruch.

Durch die Pleite verloren insgesamt 25.000 Lehman-Angestellte ihren Job.

In New York räumten bereits am Montag einige von ihnen ihren Schreibtisch.

Die Bilder gingen um die Welt.

Auch in London prägten Banker mit Pappkartons ...

... an diesem Tag das Finanzviertel.

Wie war es zum Kollaps von Lehman gekommen?

Wegen des Platzens der Dotcom-Blase und angesichts der Anschläge vom 11. September 2001 hatte die US-Notenbank Fed eine immer expansivere Geldpolitik betrieben, um die Wirtschaft anzukurbeln und die Arbeitslosigkeit zu senken.

Das billige Geld ermöglichte vielen US-Amerikanern, ein Haus zu kaufen. Die USA erlebten einen langjährigen Immobilienboom.

Angesichts niedriger Zinsen und stetig steigender Immobilienpreise nutzen viele US-Amerikaner ihr Haus nun als regelrechte Gelddruckmaschine.

Viele Eigenheimbesitzer lösten ihre Kredite ab, um ihr Haus noch günstiger zu finanzieren. Andere erhöhten ihre Hypothek. Die Folge: ein Kaufrausch auf Pump.

Hinzu kam, dass Immobilienkredite auch ohne jegliche Sicherheiten vergeben wurden - die sogenannten Subprime-Darlehen waren geboren. Als Garantie galt einzig und allein die erworbene Immobilie.

In der Finanzbranche wurde diese Praxis auch Ninja-Kredit genannt. No income, no job, no assets - kein Einkommen, kein Arbeitsplatz, kein Vermögen.

Das hinderte Immobilienfinanzierer und Banken aber nicht daran, diese Kredite als Lizenz zum Gelddrucken zu interpretieren. Die Wall Street erfand immer kompliziertere Finanzprodukte, sie bündelte Millionen von Subprime-Krediten, tranchierte sie und verkaufte sie weltweit an Investoren - auch in Deutschland.

Die Rettung des deutschen Bankensektors wird den Steuerzahler später Milliarden kosten.

Zunächst fanden die hochkomplexen Produkte, die kaum jemand durchschaute, aber reißenden Absatz. Schließlich versprachen sie satte Gewinne. Als Investorenlegende Warren Buffett über "finanzielle Massenvernichtungswaffen" schimpfte, wurde er ignoriert.

Je mehr toxische Papiere die Investmentbanker verkauften, desto höhere Boni strichen sie ein. Dass ihre Kunden immense Verluste mit den Papieren erleiden konnten, war ihnen völlig egal. Haftbar waren sie schließlich nicht.

Wer die Papiere kaufte, ließ sich von der Aussicht auf glänzende Gewinne blenden. Und beide Seiten konnten sich ja auf die Ratingagenturen berufen, die Giftpapieren Top-Bewertungen gaben.

2006 ging der Häuserboom zu Ende, was unter anderem daran lag, dass die Fed die Zinsschraube angezogen hatte.

Da ein Großteil der Immobilienkredite an den Leitzins gekoppelt war, gerieten viele US-Amerikaner in Zahlungsschwierigkeiten. Durch die fallenden Häuserpreise waren nicht nur Subprime-Kredite nicht mehr ausreichend abgesichert.

Banken blieben auf Forderungen sitzen, der Handel mit den auf Immobilien basierenden Wertpapieren kollabierte. Der Häusermarkt brach zusammen, die Abwärtsspirale drehte sich immer schneller. Bis zur Pleite von Lehman Brothers war es nicht mehr weit.

2007 begannen die Alarmglocken zu schrillen, als zwei Hedgefonds der Wall-Street-Bank Bear Stearns zusammenbrachen. Die Fonds waren kräftig im Markt für Subprime-Kredite investiert - und die Einlagen der Kunden waren plötzlich so gut wie nichts mehr wert.

Bear Stearns geriet in Liquiditätsprobleme und wurde von JP Morgan gekauft. Die US-Notenbank Fed sicherte dabei Verlustrisiken bei Bear Stearns mit 29 Milliarden Dollar ab.

Später wurden die trudelnden Hypotheken-Banken Fannie Mae und Freddie Mac von der US-Regierung durch Milliardenkredite gerettet.

Auch Lehman wankte. Die Bank hatte jede Menge faule Krediten und toxische Wertpapiere im Depot. Sie musste Milliarden abschreiben.

Die Investmentbank brauchte dringend frisches Kapital, bekam aber kein Geld. Denn Geschäftspartner hielten eine Pleite von Lehman für möglich.

Als Lehman Brothers fiel, erreichte die Krise eine neue Dimension. Denn nun erlitten nicht nur die Eigner eines Finanzinstituts, sondern auch die Kreditgeber und Anleger Verluste.

Was als Immobilienkrise begann, hatte sich zu einer globalen Bankenkrise entwickelt, die das weltweite Finanzsystem erschütterte. Mit der Pleite von Lehman Brothers drohte plötzlich ein systemischer Zusammenbruch, der zu einem weltweiten Kollaps von Banken und Versicherungen geführt hätte.

Das führte zu einer tiefen Vertrauenskrise, die dadurch verstärkt wurde, dass bei vielen Finanzprodukten völlig unklar war, welchen Wert sie überhaupt noch hatten. Dieser Vertrauensverlust trocknete das komplette Kreditgeschäft zwischen den Banken aus.

Der Stillstand des Interbankengeschäfts brachte vor allem die Institute ins Wanken, die für ihre Finanzierung auf Kredite von anderen Banken angewiesen waren, also beispielsweise die Hypo Real Estate in Deutschland.

Eine Kernschmelze des Finanzsystems wurde vor allem deshalb verhindert, weil die wichtigsten Notenbanken - wie die EZB mit Mario Draghi an der Spitze - die Interbankenkredite durch direkte Hilfen ersetzten. Außerdem retteten die Regierungen die angeschlagenen Banken durch Garantien in Milliardenhöhe.

Die Krise griff auf die Realwirtschaft über. Konsumenten hielten sich zurück, die Banken vergaben Kredite immer zögerlicher.

Besonders augenfällig zeigte sich die Krise am Beispiel der Automobilindustrie, fast alle Autohersteller mussten ihre Produktion kräftig zurückfahren. General Motors ging sogar in die Insolvenz und überlebte nur durch milliardenschwere Hilfen der US-Regierung.

Im Herbst 2008 glitt Deutschland in die Rezession, den anderen Ländern der Eurozone ging es später nicht besser. Konjunkturprogramme wurden aufgelegt, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Europa zahlte einen hohen Preis: Schwache Konjunktur, Vertrauensverlust an den Anleihemärkten und teure Bankenrettungen führten dazu, dass die Eurozone von der Schuldenkrise heimgesucht wurde.

Die etwa durch Sparprogramme und Nullzinsen ausgelösten Folgen sind erheblich.

Lehman Brothers wurde abgewickelt. Gesunde Geschäftsteile gingen an verschiedene Banken. Kleinere Dinge wurden in Auktionshäusern versteigert.

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Tag, dessen Konsequenzen noch heute zu spüren sind. (Text: jga)

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