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Mittwoch, 22. Januar 2014

In eigener Sache: n-tv trauert um Manfred Bleskin

Von n-tv.de-Chefredakteur Tilman Aretz

Was er auch tat - es war stets voller Engagement und Herzblut. Manfred Bleskin war Journalist durch und durch. Mehr als zwei Jahrzehnte prägte er den Nachrichtensender n-tv - vor allem als Moderator - entscheidend mit.

Jede Antwort war für ihn das Stichwort für eine weitere Frage. Und jede Frage nutzte er, um seinem Gegenüber eine kleine Überraschung abzuverlangen. Das war für seine Gesprächspartner nicht immer einfach, sie mussten auf der Hut sein. Vor dem charmanten Witz, vor der unaufgeregten Neugierde, vor dem unfassbaren Wissensschatz und der seltenen Gabe, immer wieder quer zu denken, Bezüge herzustellen, Parallelen zu ziehen. Solche Parallelen, die zu einem echten Erkenntnisgewinn führen. Und deshalb kamen sie alle oder ließen ihn in ihre Büros und Wohnzimmer. Weil sie wussten, dass die halbe Weisheit bekanntlich in der klugen Frage steckt.

Manfred Bleskin war seit mehr als 20 Jahren für n-tv tätig.
Manfred Bleskin war seit mehr als 20 Jahren für n-tv tätig.(Foto: Stefan Menne)

Kurz nach dem Start von n-tv stieß er 1993 zum einzigen Nachrichtensender in Deutschland - und wechselte damit vor die Kamera. Zuvor hatte der nahe Stralsund geborene, in der DDR aufgewachsene  Historiker immer nur hinter dem Mikrofon agiert, beim Radio. Auf die Frage, was ihn antreibt, antwortete er bei seinem Vorstellungsgespräch: "Die fünf Ws". Was, wann, wo, wer. Und warum.

Denn trotz seiner unbändigen Begeisterung, ja Leidenschaft, für die Nachrichten, die uns rund um die Uhr berühren, erschüttern, ärgern oder amüsieren und als deren objektiver Vermittler er sich sah, wollte er stets auch erklären. Die Welt, vor allem die Politik, in der wir uns bewegen. Er sah sich als Anwalt der Zuschauer und Leser, der immer auch aufzeigen wollte, dass die Dinge gemacht sind, dass hinter Entscheidungen Akteure stehen, dass Entwicklungen Konsequenzen haben, ohne, dass er dabei selbst eine Position bezog.

Keine Zeit für Verbitterung

Wobei er dies sehr gut konnte. Er war meinungsfreudig. In über 1000 Zwischenrufen für n-tv.de stieß er Debatten an, regte auf, provozierte. Seine Kommentare zu politischen Ränkespielen, zu machtbesessenem Regierungshandeln und Ungerechtigkeiten in Deutschland, Europa, der Welt fanden lobende Zustimmung. Und auch vehemente Ablehnung. Die Zustimmung war ihm lieber. Aber er wusste, dass auch die Kritik einer Meinung eine Auszeichnung ist. Für die eigene Haltung. Und wenn er nicht überzeugen konnte, war er nicht verbittert.

Im Gegenteil. Verbitterung, Beleidigtsein, dafür hatte er keine Zeit. Oder er war einfach nicht der Typ dazu. Immer war er gut gelaunt, immer hatte er den sprichwörtlich flotten Spruch auf den Lippen. Lag es am erfüllten Berufsleben, an seiner Familie, für die er sich Zeit seines Lebens begeisterte, seiner Frau, seinem Sohn und dem kürzlich geborenen Enkel: Sein Humor erfrischte jede Runde. Nur einmal war er irritiert. Als er von Stefan Raab zur "coolsten Sau von n-tv" gekürt wurde. Da dauerte es etwas, bis er das Ganze als Auszeichnung auffassen konnte. Er drücke sich normalerweise nun mal nicht so aus, erklärte er lachend den Kollegen.

Nachrichten und Politik. War da noch was? Ja, das, was ihm neben der Familie das Wichtigste war. Die Musik. Traf man ihn auf den Fluren des Hauptstadtstudios in Berlin, in dem er seit 2008 sein Büro hatte, und hatte eine Frage zum Regierungswechsel in Ecuador, zu den Oppositionsbewegungen in Tunesien oder suchte man ein Zitat vom jungen Joschka Fischer: Er hatte zu 95 Prozent die passende Antwort oder den richtigen Hinweis parat. Fragte man ihn nach dem Erscheinungsdatum eines Johnny-Cash-Albums oder wollte wissen, welche Best-Platzierung denn eigentlich "Albatross" jemals erreicht hatte, er wusste es garantiert. Wer immer ihn fragte, wie er sich entspannt, von den hektischen Nachrichten, vom ständigen Informationen-Einsaugen, vom vielen Lesen, der bekam immer die gleiche Antwort. "Ich höre Musik." Sein Platten- und CD-Fundus umfasst tausende Werke. Bestandteil davon ist die mutmaßlich vollständigste Sammlung sämtlicher Tonträger der Beatles. Die Beatles gingen immer. Er behielt die Nerven, jede Live-Strecke meisterte er. Nur als er einmal Beatles-Schlagzeuger Ringo Starr interviewte, versagte ihm beinahe die Stimme.

Am gestrigen Dienstag verstarb er, völlig unerwartet und viel zu früh mit nur 64 Jahren. n-tv trauert um Manfred Bleskin.

Quelle: n-tv.de