Panorama

Janssens zu Kurz-Quarantäne "7 Tage, 5 Tage, 14 Tage - wo ist die Grenze?"

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Uwe Janssens, hier im Gespräch mit ntv-Moderatorin Katrin Neumann, ist Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Internistische Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler.

Derzeit entspannt sich die Lage auf den Intensivstationen, doch die Omikron-Welle kündigt sich schon an. Trotzdem ist Intensivmediziner Janssens vorsichtig, was eine verkürzte Quarantäne betrifft. "Hier haben wir noch zu wenig Daten", sagt er im ntv-Interview.

ntv: Im Moment sieht es so aus, als ob die Situation auf den Intensivstationen in Griff ist. Wenn man sich die Zahlen anschaut, gehen Sie davon aus, dass das so bleibt?

Uwe Janssens: Ja, es sieht relativ gut aus im Moment. Wir haben zwar immer noch über 3000 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, aber bei Weitem nicht die von uns befürchtete Zahl um Weihnachten herum, die wir angenommen hatten. Das ist sicherlich eine Folge der Maßnahmen, die ergriffen wurden. Jeder weiß aber, dass die Omikron-Variante in Deutschland angekommen ist. Sie wird die dominierende Variante werden, sie ist deutlich ansteckender und wird wie auch in Frankreich und Großbritannien zu enormen Infektionszahlen führen. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist - und das wissen wir mittlerweile aus den betroffenen Ländern Südafrika, USA, Großbritannien und anderen -, dass trotz hoher Infektionszahlen die Belastung der Krankenhäuser nicht so groß ist. Beispielsweise aus den Vereinigten Staaten wissen wir, dass die Aufnahme auf Intensivstationen deutlich reduziert werden konnte im Vergleich zur Infektion mit der Delta-Variante, und dass Beatmungsindikationen sogar um 80 Prozent weniger auftreten.

Ein Anlass zur Entwarnung also?

Nein, denn wenn wir sehr, sehr hohe Infektionszahlen haben, beispielsweise wie heute in Frankreich über 200.000, dann schlägt sich das natürlich irgendwann auch in den nachfolgenden Krankenhausaufnahmen und vor allem in den Intensivaufnahmen nieder. Also, wenn wir sehr viele Infektionen haben, werden wir natürlich auch irgendwann mal wieder eine Belastung in den Krankenhäusern und Intensivstationen spüren.

Triage-Entscheidungen sind zurzeit also nicht zu treffen, das kann aber ja wieder Thema werden. Justizminister Buschmann hat jetzt noch einmal betont, dass bei solchen Entscheidungen der Impfstatus keine Rolle spielen darf. Und er beruft sich dabei auch auf Medizinerinnen und Mediziner. Wie sehen Sie das?

Wir haben uns ganz klar und eindeutig gegen eine solche Benachteiligung Ungeimpfter ausgesprochen. Uns interessieren viele Faktoren tatsächlich nicht. Ich fange mal mit Behinderungen an, die für uns auch keine entscheidende Rolle bei Priorisierungsentscheidungen spielen dürfen und sollen. Das ist auch vom Grundgesetz geschützt, aber darüber hinaus noch viele andere Faktoren. Für uns spielen auch der Nikotinkonsum oder Übergewicht oder andere Erkrankungen keine Rolle, die vielleicht durch den Patienten selber mitverursacht werden wegen eines möglicherweise ungesunden Lebenswandels. Und so zählt auch der Impfstatus dazu. Das darf nicht in die Entscheidung einfließen, ob ein Patient eine Behandlung erfährt oder nicht, oder ob er mit zusätzlichen Kosten belastet wird. Hier gilt der Gleichbehandlungsgrundsatz. Das ist ein elementarer Grundsatz der Medizin. Wir behandeln jeden Menschen gleich.

Beim Bund-Länder-Treffen am Freitag wird es auch wieder um eine Impfpflicht gehen, um, wie Gesundheitsminister Lauterbach sagt, auch Ungeimpfte vor der Intensivstation zu bewahren. Werden uns diese Maßnahmen noch rechtzeitig erreichen, damit man genau das verhindern kann?

Es bleibt dabei, und das sagen alle Expertinnen und Experten auch: Die Impfungen sind im Moment eine richtig gute Waffe, um langfristig endlich aus dieser Pandemie in eine Endemie zu kommen. Die Booster-Impfung ist hervorragend dazu geeignet, die schweren Krankheitsverläufe zu verhindern. Wir werden demnächst ja auch angepasste Impfstoffe an die Omikron-Variante zur Verfügung haben. Es bleibt nach wie vor sehr bedauerlich, dass viele Menschen sich in Deutschland noch nicht dafür entschieden haben, es sind ja knapp 13 Millionen immer noch Ungeimpfte über 18 Jahren, also auch selbst knapp drei Millionen über 60 Jahre sind immer noch nicht geimpft. In Großbritannien sehen wir, dass angesichts der Omikron-Variante die Hospitalisierungsrate der Ungeimpften bei 25 Prozent liegt. Das ist relativ viel. Und das wollen wir eigentlich den Menschen ersparen. Sie können es sich selber ersparen, indem sie sich wirklich für die Impfung entscheiden. Die Impfpflicht ist ein Punkt, der im Deutschen Bundestag verhandelt werden muss. Das ist die Aufgabe des Gesetzgebers. Wir in der Medizin und auch von der Deutschen Vereinigung für Intensivmedizin haben schon im vergangenen Monat ganz klar dafür plädiert, dass eine Impfpflicht notwendig ist, um endlich aus dieser gesamten Situation langfristig herauszukommen.

Am Freitag soll es auch um verkürzte Quarantäne-Zeiten gehen, um kritische Infrastrukturen zu schonen. Sind Sie dafür?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. In anderen Ländern ist das ja schon umgesetzt worden. Da hat man aus der Not eine Tugend gemacht, weil tatsächlich kritische Infrastrukturen zusammenbrechen. Aber wir müssen die Infrastruktur unterschiedlich betrachten. Also Polizei, Feuerwehr oder auch die Elektrizitätswerke, Stromversorger sind natürlich anders zu bewerten als Krankenhäuser. Wir haben Patienten, die uns anvertraut sind, die auch vulnerabel sind und auch nicht infiziert werden sollen. Und da müssen wir besonders darauf achten, dass Mitarbeiter, die entweder einen Risikokontakt hatten oder trotz Impfung und Genesenenstatus eine Infektion durchgemacht haben, nicht das Virus ins Krankenhaus tragen. Und hier haben wir noch zu wenig Daten, die uns Sicherheit geben, wie viele Tage es sein müssen, um mit Sicherheit zu sagen, dass keine Gefahr besteht. 7 Tage, 5 Tage, 14 Tage - wo ist die Grenze? Und es wird so sein, dass wir sehr engmaschig testen müssen.

Aber wenn es nach Ihnen ginge, würde man die Quarantäne-Zeit nicht verkürzen. Verstehe ich das richtig?

Es wird so sein, das kann ich Ihnen sagen, dass sie verkürzt wird, aber sie wird auf einen sehr breiten Konsens abgestützt werden. Und wir werden dann, da bin ich mir ganz sicher, nicht fünf Tage hören, wie wir das jetzt in den Vereinigten Staaten haben. Das ist für Mitarbeitende im Gesundheitssystem zu kritisch. Das wird eine Zahl sein, die ein bisschen darüber liegt, aber wahrscheinlich noch einstellig sein wird.

Mit Uwe Janssens sprach Katrin Neumann

Quelle: ntv.de

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