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Nie zu spät für das wahre Selbst 95-Jähriger outet sich

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Roman Blank im Gespräch mit Davey Wavey

(Foto: Youtube/wickydkewl)

Roman Blank kann auf ein langes Leben zurückblicken. Allerdings lebte er die längste Zeit mit einem Geheimnis, mit dem er nicht auch noch sterben will. Und so erzählt er einem Youtuber seine Geschichte.

Roman Blank überlebte den Holocaust, ist seit mehr als 60 Jahren mit seiner Frau zusammen, hat zwei Kinder, fünf Enkel und einen Urenkel. Er ist nicht mehr weit von seinem 100. Geburtstag entfernt und hat beschlossen, in der ihm verbleibenden Zeit zu sich selbst zu stehen.

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Im vergangenen Jahr teilte er seiner ganzen Familie mit, dass er homosexuell ist. Seit Jahrzehnten hatte er dieses Geheimnis mit sich herumgetragen. Dem Video-Blogger Davey Wavey erzählte Blank nun von diesem Moment: "Ich habe ihnen einfach gesagt, dass ich schwul geboren und mein ganzes Leben lang gewesen bin. Ich erzählte ihnen die ganze Tragödie meines Lebens und sie verstanden, was mir passiert ist."

Blanks Enkel, Brandon Gross, macht über die Geschichte seine Großvaters gerade einen Dokumentarfilm. Der Arbeitstitel lautet "On my way out". Seit er fünf Jahre alt war, habe er gewusst, dass er schwul sei, erklärt Blank. Seine Frau Ruth habe es nach der Geburt des zweiten Kindes erfahren.

Ehe als Kulisse

Dem Szenemagazin "Out" sagte sie, sie habe ihren Mann 1953 zur Rede gestellt, als er eines Abends sehr spät nach Hause gekommen war. "Mein Herz war in all diesen Jahren gebrochen." Sie habe für die gemeinsamen Kinder die Fassade einer funktionierenden Ehe aufrechterhalten. "Ich wollte, dass sie einen Vater haben, also blieben wir zusammen." Das Paar lebt heute gemeinsam in einem betreuten Wohnheim in Los Angeles.

Beide waren in Nachbarorten in Polen aufgewachsen und hatten den Holocaust überlebt. Als er hörte, dass sie sich für ihn interessierte, habe er sie gefragt, ob sie ihn heiraten wolle. "Es war der größte Fehler meines Lebens", sagt Blank zu dieser Entscheidung. "Aber ich hatte keine Wahl. So war die Welt damals." Er habe so lange geschwiegen, weil er unter den Nazis beigebracht bekommen habe, dass es kriminell sei, schwul zu sein. "Schwul zu sein war ein Verbrechen. Du konntest dich entweder umbringen oder im Verborgenen leben. Ich habe mich für das Leben entschieden."

Blank hatte im Laufe der Ehe immer wieder Beziehungen zu Männern. Als die Kinder erwachsen waren, sei er manchmal für Wochen verschwunden. "Wir lieben uns - wie ein Bruder und eine Schwester. Aber ich habe viel gelitten. Ich war eine junge Frau", erinnerte sich Ruth Blank. Die Kinder fühlten, dass es ein Geheimnis gab und rieten der Mutter zu einer Therapie. Das gab den Anstoß für das öffentliche Coming-out.

Zwei Befreite

Die jüngere Tochter sagte dem Magazin "Out", dieser Schritt habe beide befreit. "Ich liebe meine Eltern dafür, dass sie mutig genug waren, uns ihr Geheimnis zu erzählen. Jetzt können wir viel besser verstehen, was sie durchgemacht haben."

Wavey fragt Blank in dem Video auch, ob er noch einen Gefährten suche. Aber Blank antwortet, er sei zu alt dafür. Im Gegenzug fragt er den Vlogger, ob es richtig ist, sich so spät zu outen. Darauf antwortet Wavey: "Es ist dein Leben und ich kenne nicht alle deine Erfahrungen, aber es scheint mir, dass es nie zu spät ist, dein wahres Selbst zu sein."

Quelle: n-tv.de, sba

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