Panorama

Zu Gast bei Fremden Airbnb ist ein Überraschungspaket

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Die Internetplattform Airbnb hat bisher mehr als 100 Millionen Übernachtungen vermittelt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Onlineplattform Airbnb vermittelt nicht nur Schlafplätze, sondern verspricht ihren Kunden dabei auch ein Leben nach Art der Einheimischen. Das ist vor allem bei längeren Aufenthalten interessant. Doch so schön wie es klingt, ist es oft nicht.

Ein Luxusappartement am Times Square in New York, eine romantische Finca auf Mallorca oder ein Loft über den Dächern Tokios – hippe Wohnungen mit Wohlfühlfaktor preist Airbnb überall auf der Welt an. Darüber prangt der Werbeslogan: Don't go there, live there. Also: Fahr nicht einfach als Tourist hin, lebe dort wie die Einheimischen. Auf Komfort muss man dabei laut Werbung nicht verzichten.

So weit das Versprechen. Die Realität sieht oft anders aus. Das weiß auch Mariel spätestens seit ihrem Kurztrip nach London. Der erste Abstrich, den sie dort machen musste: Die 20-Jährige wohnte keinesfalls mit Blick auf den "Big Ben" oder in einem glanzvollen Appartement im Herzen der Metropole. Ihre Unterkunft war eher bescheiden. "Ich brauchte ja wirklich nur ein Bett zum Schlafen, da war mir das egal", sagt Mariel. Ganz so angesagt und zentral, wie Airbnb es verkauft, wohnen die Einheimischen in anderen Städten dann doch eher selten.

Reisende suchen immer öfter ein individuelles Erlebnis und sind durchaus bereit, dafür ihr Hotelzimmer gegen eine Privatunterkunft zu tauschen. Mehrere Millionen Übernachtungen pro Jahr verzeichnet das Start-Up aus dem Silicon-Valley – allein in Berlin. 183 gehen auf das Konto von Mariel. Sie ist für 6 Monate in Berlin, absolviert in der Hauptstadt ein Pflichtpraktikum für ihr Studium. Eigentlich hatte sie nach einer WG gesucht, erzählt sie. Das sei ja am günstigsten. Doch einen Monat vor Abreise drängte die Zeit. "Dann habe ich mich für Airbnb entschieden. Es ist zwar relativ teuer, aber immer noch billiger als ein Hotelzimmer", sagt die Studentin.

Mariel ist kein Einzelfall. Wie ihr geht es vielen Kunden, die vorhaben, länger zu verreisen. Die Suche über WG-Portale ist langwierig, gleicht einem Bewerbungsmarathon. Das spielt der Internetplattform in die Hände. Auf der Webseite gibt es mehr als zwei Millionen Inserate in über 191 Ländern. Den sozialen Anschluss, die Kontakte vor Ort, gibt es gleich dazu, so das Werbeversprechen. Während man in Hotels einfach nur eincheckt, sollen einen Airbnb-Gastgeber willkommen heißen und mit echten Insidertipps versorgen. Auf einmal ist man kein Tourist mehr, man gehört dazu und besucht Hotspots, die nur Einheimische kennen. Gerade für Langzeitreisende klingt das verlockend.

Es ist nicht immer familiär

Ganz so einfach ist dann aber doch nicht immer, meint Kerstin. Dabei vermietet die Berlinerin gerade wegen des kulturellen Austauschs zwei Zimmer in ihrer Wohnung im Stadtteil Wedding. Alle zwei bis drei Monate geben sich ihre Mitbewohner hier die Klinke in die Hand. Nachdem sich ihre WG aufgelöst hatte, nutzte sie die Gelegenheit, auf den Airbnb-Zug aufzuspringen. "Ich finde es schön, Menschen aus der ganzen Welt zu treffen und dabei viel Abwechslung zu erleben." Die Nationalitäten ihrer Mitbewohner sind bunt gemischt: USA, Holland, Kanada, Italien, Polen und Tschechien." Trotzdem kann man sich das nicht so vorstellen, als würde man bei einer Familie abends mit am Tisch sitzen", sagt sie. Einen jungen Mann aus den USA habe sie beispielsweise nie gesehen, weil er nur zum Schlafen nach Hause kam. Ein Mädchen aus Italien besuchte dagegen tagsüber nur für vier Stunden einen Sprachkurs. "Danach haben wir dann zusammen gekocht und viel unternommen", erinnert sich Kerstin.

  Die Stadt als Einheimischer zu erleben, bedeutet im Fall von Airbnb, mehr Pflichten zu übernehmen als mit Stadtbewohnern in versteckten Cafés zu sitzen. Mit dem Putzen beispielsweise hätten manche Gäste so ihre Schwierigkeiten, erzählt Kerstin. "Es ist nicht so, dass sie gar nichts machen, aber es ist eben nicht wie in einer WG, wo man einfach einen Putzplan aufstellen kann", sagt die Berlinerin. Das sei bei Airbnb nicht geregelt. "Die haben einfach touristische Erwartungen, aber es ist etwas anderes, ob man eine Woche bleibt oder drei Monate." Als Vermieterin hatte die Hotelfachfrau daher auch schon skurrile Erlebnisse. Gastfreundschaft kann ein dehnbarer Begriff sein. So quartierte ein Besucher seine Freundin gleich mit ein, ein anderer bediente sich regelmäßig an ihren Lebensmitteln. Als sie ihn darauf hinwies, sagte er ihr, dass er sich ja auch zu Hause nehmen könne, was er wolle. "Da habe ich ihn rausgeworfen", sagt sie.

Das Versprechen von Gründer und Vorstandschef Brian Chesky klingt da weit hergeholt. Auf einer Veranstaltung im vergangenen Jahr sagte er: "Unser Unternehmen ist anders als andere Internet-Start-ups. Bei uns steht nicht eine Technologie im Mittelpunkt, sondern der Mensch. Wer mit Airbnb reist, lernt eine Stadt über ihre Bewohner, nicht über ihre Bauten und Sehenswürdigkeiten kennen."

Geschäftsmodell mit Überraschungsfaktor

Doch im wahren Leben ist von der Airbnb-Traumwelt wenig zu spüren. Im Vorfeld hat man mit seinem Gastgeber nur wenig Kontakt, so Mariel. "Wir haben ein paar Mails geschrieben, um alles zu klären. Das war's dann aber auch", sagt die Holländerin. Per E-Mail erhalten Mieter oftmals die Adresse sowie einen Termin für die Übergabe der Schlüssel. Sich persönlich treffen? Das ist nur selten drin. In irgendeinem Laden um die Ecke oder beim Nachbarn kann man sich den Schlüssel dann abholen.

Drei Studenten der Fachhochschule Potsdam analysierten die Airbnb-Unterkünfte in Berlin und fanden heraus, dass sich sehr wenige Anbieter die attraktiven Viertel wie Kreuzberg und Prenzlauer Berg untereinander aufteilen.

Auch Neukölln ist ein klassisches Beispiel. Besonders rund um die Sonnenallee und die Weserstraße wird viel "ge-airbnbt". Auf beiden Straßen zusammen gibt es allein rund 200 Angebote. Ein Indiz dafür, dass die Idee einer globalen Gastfreundschaft und Vernetzung nicht mehr der einzige Grund ist, Menschen bei sich aufzunehmen. Ginge es nur um den internationalen Austausch und all die netten Leute, könnte man schließlich auf Couchsurfing zurückgreifen. In vielen Städten ist Airbnb vielmehr zu einem lukrativen Geschäftsmodell geworden. Das bedeutet aber auch, dass die Touristen oft unter sich bleiben und nicht wie erhofft mit Einheimischen zusammen leben.

Mariel hatte mit ihrer Wohnung Glück. "Die Zimmer sehen genauso aus wie auf den Fotos", sagt sie. Nur anfangs war die Studentin etwas überrascht. "Ich dachte, die Wohnung liegt unterm Dach, im vierten Stock. Jetzt ist es doch eher ein Hochhaus und ich wohne im 7. Stock", erzählt Mariel. Auch würden in ihrer Gegend nicht so viele deutsche Familien wohnen. "Ich bin für alles offen, aber eigentlich wollte ich ja mehr über die deutsche Kultur lernen", sagt sie. Trotzdem gefällt es der jungen Frau. Sie kann alles machen, erzählt sie. Waschen, kochen, genau wie in einer richtigen Wohnung. Das könne man mit einem Hotel nicht vergleichen, sagt sie.

Quelle: ntv.de