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Debra Milke entkommt dem Todestrakt Anwalt rechnet nicht mit neuer Anklage

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Milke fast die Hälfte ihrers Lebens im Todesstrakt von Arizona- durch eine Verurteilung ohne stichhaltige Beweise.

AP

Nach 23 Jahren im Gefängnis wird Debra Milke aus der Todeszelle in Arizona entlassen. Der Prozess soll jetzt neu aufgerollt werden. Doch die Beweislage ist nun noch dünner als zuvor. Milkes Anwalt zweifelt daran, dass seine Mandantin erneut angeklagt wird.

Mehr als 20 Jahre lang kannte Debra Milke nur die enge Zelle im Todestrakt des US-Bundesstaats Arizona, nun lebt die gebürtige Berlinerin bis zur Entscheidung über ihr Schicksal in einem Einfamilienhaus bei Phoenix. Milke war 1990 wegen der angeblichen Beteiligung an der Ermordung ihres vierjährigen Sohnes verurteilt worden. Jetzt hatte ein Gericht die Freilassung der 49-Jährige auf Kaution genehmigt. Der Prozess soll neu  aufgerollt werden. Ihre Verteidiger aber glauben, dass Milke die Freiheit nicht mehr zu nehmen ist.

"Ich bin hoffnungsfroh, dass wir diesen Fall abschließen können", sagte Anwalt Michael Kimerer. Milkes Todesurteil stützte sich damals nur auf die Aussage eines Polizisten, dessen Glaubwürdigkeit mittlerweile erschüttert ist. Ob es überhaupt zu einem neuen Prozess kommen wird, stellen ihre Verteidiger infrage. Die Justiz in Arizona könnte das Verfahren schon vorher einstellen.

Im Dezember 1989 fanden Polizisten Milkes Sohn Christopher in der Wüste nahe Phoenix, im Kopf des Jungen steckten drei Kugeln. Die Polizei nahm Milke fest, weil sie zwei Bekannte zu der Tat angestiftet haben soll. Angeblich sei ihr das Kind lästig gewesen und sie habe es auf eine Versicherungsprämie in Höhe von 5000 Dollar abgesehen gehabt.

Polizist machte sich des Meineids schuldig

Milke soll ihrem Sohn versprochen haben, dass er in einem Einkaufszentrum den Weihnachtsmann besuchen dürfe. Der kleine Christopher fuhr mit Milkes Bekannten Jim Styers und Roger Scott los - und kam nicht wieder. Scott hatte die Polizei damals zur Leiche geführt und in Verhören die Mutter beschuldigt. Styers beteuerte dagegen, dass Milke nichts damit zu tun habe. Scott und Styers wurden ebenfalls in die Todeszelle geschickt, das Urteil gegen sie bleibt weiter gültig.

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Renate Janka, Milkes Mutter, machte es sich jahrelang zur Aufgabe die Öffentlichkeit auf den Fall ihrer Tochter aufmerksam zu machen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nach Scotts Aussage nahm der leitende Ermittler Armando Saldate Milke in die Mangel, dabei soll sie gestanden haben. Ein unterschriebenes Geständnis gibt es aber ebenso wenig wie Tonaufnahmen oder Zeugen. Den Geschworenen reichte Saldates Aussage aus. Sie erfuhren aber nichts von der langen Liste früherer Verfehlungen des Polizisten - darunter Falschaussage unter Eid. Milke selbst beteuerte immer wieder ihre Unschuld.

Im März 2013 nahm der Fall dann eine Wende. Ein Bundesgericht kippte das Todesurteil, weil Milke keinen fairen Prozess bekommen habe. Die Justiz in Arizona erhob erneut Anklage, die Chancen für eine zweite Verurteilung stehen aber wohl schlecht.

Das mit der Neuauflage des Prozesses betraute Gericht äußerte "ernsthafte Zweifel" an der Gültigkeit von Milkes Geständnis. Die vorliegenden Informationen belegten nicht "klar und deutlich", dass sie das Verbrechen begangen habe. Einen Tag später durfte die einstige Todeskandidatin gegen eine Kaution von 250.000 Dollar das Gefängnis verlassen. Sie muss zudem eine Fußfessel tragen und eine nächtliche Ausgehsperre einhalten.

"All das hat sie umgehauen"

"Sie konnte es nicht fassen", beschreibt Anwalt Kimerer die Reaktion seiner Mandantin. Auf der Fahrt zu dem Haus, in dem sie untergebracht ist, habe sie wie ein kleines Kind die modernen Autos auf der Straße bestaunt. "Sie hat gesehen, wie wir heute mit iPads und iPhones kommunizieren", sagte Kimerer. "All das hat sie umgehauen."

Am Abend soll Milkes krebskranke Mutter in Phoenix ankommen, die mit Unterstützern das Geld für die Kaution aufgetrieben hatte. "Debra hatte immer Angst, dass sie nicht rechtzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird, um sie wiederzusehen und in den Arm zu schließen", sagte Kimerer.

Der Anwalt glaubt, dass das Gericht das umstrittene Geständnis nicht als Beweismittel zulassen wird. "Das würde die Staatsanwaltschaft fast dazu zwingen, die Anklage fallenzulassen", sagte er. "Es gibt kein anderes direktes Beweismittel, das sie bei einem Prozess vorbringen können."

Die womöglich entscheidende Anhörung für den Fall ist derzeit auf den 23. September terminiert. Kimerer rechnete aber mit einer Verschiebung auf Anfang Oktober, um beiden Seiten mehr Zeit zur Vorbereitung zu geben.

Quelle: n-tv.de, AFP

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