Panorama

Pharma-Skandal in Frankreich Appetitzügler hat tödliche Folgen

Ein Betrugsskandal erschüttert Frankreichs Pharmaindustrie: 33 Jahre hat der Konzern Servier einen Appetithemmer verkauft, obwohl er um dessen tödliche Nebenwirkungen gewusst haben soll. Jetzt beschäftigt der Fall die Gerichte und das Parlament.

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Das Medikament "Mediator" soll 500 Menschen umgebracht haben.

(Foto: REUTERS)

Frankreichs jüngster Skandal hat einen wohlklingenden Namen: Mediator. Der Appetithemmer des französischen Pharmakonzerns Servier war eigentlich für übergewichtige Diabetiker bestimmt. Doch auch viele Leute ohne Zuckerkrankheit nutzten ihn, um die Linie halten. Aber Mediator hatte schlimme Nebenwirkungen: An dem Medikament, das Herzkreislaufprobleme hervorrufen kann, sollen nach Schätzungen seit 1976 Hunderte gestorben sein. Alles in allem soll es von fünf Millionen Menschen Mediator eingenommen worden sein.

Der Fall beschäftigt nun nicht nur die Justiz, sondern auch die Politik. Der 88-jährige Firmengründer Jacques Servier muss sich bereits vor Gericht verantworten. Und seit dieser Woche befasst sich damit auch eine parlamentarische Untersuchungskommission. Präsident Nicolas Sarkozy versprach, bis Mitte des Jahres die Aufsicht über die Pharmaindustrie neu zu regeln.

Schwere Vorwürfe gegen Pharma-Boss

In einer offiziellen Regierungsstudie werden schwere Vorwürfe gegen Servier erhoben. Als der Pharma-Boss Mediator vor 35 Jahren auf den Markt brachte, habe er versucht, "das neue Medikament als Mittel gegen Diabetes darzustellen, was es vielleicht ist, und nicht als Appetithemmer, was es sicher ist". Servier habe schon vor 1976 von den gefährlichen Stoffen gewusst, die in Mediator enthalten sind. Eine Untersuchung von Frankreichs staatlicher Gesundheitsagentur AFSSAPS ergab, dass mindestens 500 Menschen daran starben.

Mediator ist auch bekannt unter dem Namen Benfluorex. In den USA sind vergleichbare Mittel seit 1997 wegen ihrer Nebenwirkungen für das Herzkreislaufsystem verboten.

Nun liegen dem Landgericht in Nanterre bei Paris 116 Klagen wegen Betrugs gegen Servier, sein gleichnamiges Unternehmen und Mitglieder des Managements vor. Der Mediziner muss mit vier Jahren Haft, Lizenzentzug für seine Firma und hohen Entschädigungszahlungen rechnen. Allein die Krankenkassen erwarten bei einer Verurteilung rund 220 Millionen Euro. Immerhin erklärte er schon, sich an einem Entschädigungsfonds für die Opfer beteiligen zu wollen.

Pharmaaufsicht hat versagt

Durch zwei Berater im Gesundheitsministerium bekommt der Fall auch eine politische Dimension: Sie hätten wegen enger Verbindungen zum Konzern verhindert, dass Mediator früher als 2009 verboten wurde, berichtet das Enthüllungsblatt "Canard Enchaîné". Gesundheitsminister Xavier Bertrand sprach von einem Versagen der Pharmaaufsicht. Er kündigte an, in Kürze eine Liste mit 76 anderen Medikamenten zu veröffentlichen, die unter Beobachtung stehen.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte Irène Franchon, eine Krankenhausärztin aus der nordwestfranzösischen Stadt Brest. Bei ihr waren Patienten mit Herz-Lungen-Problemen in Behandlung, die häufig Mediator einnahmen. Der Fall erinnerte sie an den Appetithemmer Isoméride, der ebenfalls von Servier stammte. Isoméride wurde schon 1997 wegen gefährlicher Nebenwirkungen für das Herzkreislaufsystem vom Markt genommen. Mediator hingegen gibt es in Frankreich erst seit Dezember 2009 nicht mehr zu kaufen.

Quelle: n-tv.de, Thomas Körbel, dpa

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