Panorama

Messerangriff in Radiosender Ärzte holen russische Journalistin aus Koma

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Journalistin Tatjana Felgengauer ist als Kritikerin des Kremls bekannt - doch die Tat soll damit nicht in Zusammenhang stehen.

(Foto: imago/Russian Look)

Weil sie ihn "jede Nacht sexuell verfolgt" habe, attackiert ein geistig verwirrter Mann die bekannte kremlkritische Journalistin Tatjana Felgengauer an ihrem Arbeitsplatz mit einem Messer. Sie wird schwer verletzt - einen Tag nach der Tat senden die Ärzte positive Signale.

Der Zustand der bei einer Messerattacke in Moskau schwer verletzten Journalistin eines kremlkritischen Radiosenders hat sich offenbar leicht verbessert. Tatjana Felgengauer war zunächst in ein künstliches Koma versetzt worden, sei aber inzwischen in den Aufwachraum gebracht worden, sagte eine Vertreterin der Moskauer Notfallklinik. Ein offenbar psychisch gestörter Angreifer hatte Felgengauer am Montag im Sendehaus in den Nacken gestochen.

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Der Messerstecher kann von einem Sicherheitsmann überwältigt werden.

(Foto: Imago)

Dem Chefredakteur Alexej Wenediktow zufolge verschaffte sich der Mann Zugang zu dem Gebäude, indem er einen Wachmann mit einem Spray außer Gefecht setzte. "Dann kam er in unsere Etage und drang in unser Büro ein." Er habe es offenbar auf Felgengauer abgesehen, die stellvertretende Chefredakteurin und Moderatorin einer beliebten Morgensendung: "Er wusste, wohin und zu wem er geht."

Felgengauers Sender Moskauer Echo erklärte unter Berufung auf die Ärzte, die Stimmbänder der 32-Jährigen seien nicht verletzt worden, die Prognose sei "positiv". Indes veröffentlichte die Polizei ein Video von der Vernehmung des Mannes, in der er allerdings eher wirre Äußerungen machte und von einer "telepathischen Verbindung" mit seinem Opfer sprach. Felgengauer habe ihn über diese Verbindung "jede Nacht sexuell verfolgt".

Gewerkschaft kritisiert Berichterstattung

Der Sender Moskauer Echo war der erste unabhängige Radiosender der Sowjetunion und wurde 1990 in Zeiten der Perestroika gegründet. Er ist bekannt für seine regierungskritische Ausrichtung, auch wenn der Mehrheitsaktionär des Senders seit 2001 der staatliche Energieriese Gazprom ist. Felgengauer nimmt regelmäßig an Kundgebungen der Opposition teil und hat auf Facebook tausende Follower.

Die russische Journalistengewerkschaft kritisierte als Reaktion auf die Messerattacke Reportagen des öffentlichen Fernsehsenders Rossija 24. Darin wurde dem Moskauer Echo und Felgengauer vorgeworfen, für das US-Außenministerium und westliche Nichtregierungsorganisationen zu arbeiten sowie die Behörden zu kritisieren.

In Russland werden immer wieder Journalisten bedroht, angegriffen, verletzt oder gar getötet. Einer Journalistenorganisation zufolge wurden in Russland seit 1992 58 Journalisten getötet. Eine andere Journalistin vom Moskauer Echo hatte in diesem Jahr bekanntgegeben, Russland nach einer Reihe von Angriffen auf ihr Haus und ihr Auto verlassen zu haben.

Quelle: n-tv.de, jug/AFP

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