Panorama

Sexueller Missbrauch in der Kirche Auch Frauen beschuldigt

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Ursula Raue berichtet von "Wunden, die nicht heilen".

(Foto: dpa)

Der Missbrauchsskandal an katholischen Schulen weitet sich aus. Auch zwei Frauen sollen sich an Schülern vergangen haben. Die von Jesuiten beauftragte Anwältin Raue stellt klar: "Das hat eine Dimension angenommen, die bisher nicht zu ahnen war." Bei der Pallottiner-Gemeinschaft kam es ebenfalls zu Missbrauchsfällen an einer Schule. Der Papst schweigt bislang zu dem Skandal.

Zudringlichkeiten, Schläge auf nackte Haut, Anfassen von Genitalien: Der Skandal um sexuellen Missbrauch an Jesuiten-Kollegs und anderen katholischen Schulen zieht immer größere Kreise. Inzwischen werden auch zwei Frauen beschuldigt. Insgesamt gebe es bei den Jesuiten bis zu zwölf mutmaßliche Missbrauchstäter, wie die von dem Orden beauftragte Anwältin Ursula Raue in Berlin sagte.

Bundesweit hätten sich bislang 115 bis 120 Missbrauchsopfer gemeldet, unter ihnen seien auch frühere Schülerinnen. Außerdem haben sich Opfer gemeldet, die nicht an Jesuiten-Schulen waren. Darunter sei auch jemand von einer evangelischen Einrichtung. Die Jesuiten reagierten mit Erschrecken und Scham auf Raues Zwischenbericht.

Sie habe Berichte über Opfer, die sich das Leben genommen hätten, sagte die Anwältin. Bei anderen brächen nun verborgene Verletzungen wieder auf. "Es gibt Verfehlungen und Wunden, die heilen offenbar nicht." Manche Männer offenbarten sich zum ersten Mal. 80 Prozent der Opfer gehe es nicht um finanzielle Entschädigung, sagte Raue. "Viele sind bereits erleichtert, dass sie ihre Geschichte erzählen können." Andere setzten auf eine ernst gemeinte Entschuldigung.

In den meisten Fällen hätten Geistliche Jungen und Mädchen angefasst, sich vor ihnen selbst befriedigt oder sie in sadistischer Weise geschlagen. "Das Ausmaß der seelischen Verletzung durch die scheinbar geringfügigen Taten ist enorm groß", betonte Raue.

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Beichte in einer katholischen Kirche.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Viele Betroffene hätten ihr berichtet, noch heute zu leiden. "Es gibt Wunden, die heilen offenbar nicht, diese gehören dazu." Diese Erinnerungen würden immer wieder hochkommen, teils etwa durch Gerüche geweckt. Einige, sagte Raue, seien nur zitternd in der Lage gewesen, sie anzurufen.

In den nächsten Tagen werde ein Arbeitsstab gegründet, um alle Fälle aufzuarbeiten, sagte Raue. Dem Zwischenbericht der Anwältin zufolge handelt es sich bei den Tätern bei den Jesuiten überwiegend um Patres, aber auch um zwei Frauen, sowie andere Lehrer und Bedienstete der Kollegs.

Keine personellen Konsequenzen notwendig

Der Ordensprovinzial der Jesuiten, Stefan Dartmann, teilte in München mit: "Das Ausmaß dieser Übergriffe, in denen sich sexuelle und sadistische Motive mischen, ist für den Orden erschreckend und beschämend." Er nannte es "eine Schande", dass der Orden in seinen Personalakten kein Wort darüber verlor, welche Schäden die Taten bei den Schülern anrichteten. "Mit Scham erfüllt mich auch die im Bericht klar benannte, wenn auch noch ungenügend aufgeklärte Tatsache, dass Täter von einer Station der Jugendarbeit in die andere geschickt wurden", fügte Dartmann hinzu. Es müsse geklärt werden, was hier menschliches Versagen von Leitungspersonen war, und was strukturell falsch lief. Derzeit seien keine personellen Konsequenzen notwendig.

Zollitsch schweigt weiter

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hält sich weiter bedeckt. Er wolle sich zu dem Thema am kommenden Montag in Freiburg zum Auftakt der Frühjahrsvollversammlung der katholischen Bischöfe äußern, sagte eine Sprecherin. Die jüngsten bekannten Fälle ereigneten sich nach dem Bericht Mitte der 80er Jahre. Raue sagte, sie gehe davon aus, dass alle Taten verjährt sind. "Den Formulierungen in den Akten kann man entnehmen, dass es in den meisten Fällen dem Orden bekannt war." Konsequenzen habe es aber nicht gegeben.

Missbrauch auch bei Pallottinern

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Allein am Canisius-Kolleg in Berlin wurden vermutlich mehr als 100 Schüler Opfer sexuellen Missbrauchs.

(Foto: picture alliance / dpa)

Auch an einer Schule der katholischen Pallottiner-Gemeinschaft in Rheinbach bei Bonn ist es früher zu Missbrauchsfällen gekommen. Nach Angaben der Pallottiner handelt sich um drei bekannte Fälle mit Jugendlichen aus den 60er Jahren im früheren Konvikt St. Albert. Der betroffene Pater sei damals suspendiert worden. Die Pallottiner sind eine Gesellschaft apostolischen Glaubens in der katholischen Kirche und unterhalten in Deutschland mehrere Bildungs- und Jugendeinrichtungen.

Das Berliner Canisius-Kolleg hatte im Januar die ersten Missbrauchsfälle öffentlich gemacht, dort sind inzwischen 40 bis 50 Fälle bekannt. Immer mehr Opfer meldeten sich, auch von den Jesuiten-Schulen St. Blasien im Schwarzwald und Aloisiuskolleg in Bonn.

Grundproblem der katholischen Kirche?

Die Laienorganisation "Wir sind Kirche" nannte sexuellen Missbrauch ein Grundproblem der katholischen Kirche. Eine sehr rigide Sexualmoral, ein überhöhtes Priesterbild, und autoritäre, hierarchische Strukturen begünstigten den Missbrauch, sagte der Sprecher des Vereins, Christian Weisner, der ARD. Der Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Joachim Reinelt, sagte dagegen der "Leipziger Volkszeitung": "Kindesmissbrauch ist kein katholisches Problem, sondern ein Gesamtgesellschaftliches."

Bayerns Justizministerin Beate Merk nimmt derweil den Augsburger Bischof Walter Mixa nach dessen umstrittener Aussage zum sexuellen Missbrauch von Kindern in Schutz – und stellt sich hinter seine umstrittene These, wonach die sexuelle Revolution "sicher nicht unschuldig" am Missbrauch von Kindern durch pädophile Priester sei. "Selbstverständlich hat die Freizügigkeit dazu beigetragen, die Hemmschwelle zu senken", erklärte die Vizechefin der CSU in der "Süddeutschen Zeitung". Merk lobte den Bischof sogar ausdrücklich für seine Worte: "Ich bin dem Bischof sehr dankbar für diese klare Stellungnahme, weil es nach wie vor Tabu ist, über sexuellen Missbrauch zu sprechen und weil uns jede öffentliche Diskussion weiterbringt und den Opfern hilft." Merk sagte, der Kindesmissbrauch durch Geistliche habe "natürlich auch noch andere Gründe" als die sexuelle Revolution – "aber das war ja nicht die Frage", so Merk.

Der Papst schweigt bislang zu dem Skandal.

Quelle: n-tv.de, ppo/ghö/dpa/AFP

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