Panorama

Auf die Toilette gehen - ein Luxus? Aufschrei auf dem "stillen Örtchen"

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Der Welttoilettentag wurde 2001 von Unternehmer Jack Sim in Singapur begründet.

(Foto: dpa)

Es gibt Dinge, über die man nicht so gerne spricht, über das Thema "Toiletten" zum Beispiel. Dringend sollte man allerdings über das Thema "keine Toiletten" sprechen. Am besten am Welt-Toilettentag.

Es gibt die Themen, die einfach anrüchig sind. Die Verdauung zum Beispiel. Wobei die Verdauung an sich ein Thema ist, über das die Menschen ganz gerne reden: Gut oder schlecht, was hilft, zu oft, zu wenig, mehr Sport, mehr Kleie, mehr trinken, Klopapier drei- oder vierlagig, mit Blümchen bedruckt, sanfter Duft bevorzugt. So weit, so gut. Wir kennen uns aus mit unseren Körpern. Aber was am Ende rauskommt, darüber reden wir nicht so gerne. Es ist ja auch selbstverständlich, was dann passiert: Wir suchen eine Toilette auf. Wir fluchen, wenn ein öffentliches WC nicht sauber ist, sind sauer, wenn so schnell keines zu finden ist und überlegen für den nächsten Umzug, ein Toilettenbecken mit beheizbarem Klodeckel und automatischer "Unten-Rum-Spülung" (macht das Bidet überflüssig) zu kaufen. Alles sehr luxuriös, vor allem, wenn man bedenkt, dass es Länder gibt, in denen es nicht einmal selbstverständlich ist, dass überhaupt eine Toilette vorhanden ist.

Es gibt Menschen, die stundenlang irgendwo hinlaufen müssen, um sich zu erleichtern. Es gibt Menschen, die ins Gebüsch, an den Straßenrand, in den Garten oder an den nächsten Kanal gehen. Unvorstellbar klingt das. Und doch ist es für Millionen Menschen, in vielen Ländern – auch in solchen, in die wir gerne in den Urlaub fahren - Realität. Beispiel Indien: Dort gibt es Schulen, die keine Toiletten haben, was vor allem für Mädchen ein großes Problem darstellt. Gerade in der Pubertät, wo Privatsphäre und Reinlichkeit zu den ersten Geboten gehören, macht die Situation es den Mädchen oft unmöglich, in die Schule zu gehen. Fazit: Sie kommen nicht mehr, den Rest kennt man.

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Anju Rupal ist Schweizerin mit indischen Wurzeln - und Unternehmerin aus Leidenschaft.

Anju Rupal wohnt in der Schweiz, wurde in London geboren und hat indische Wurzeln. Sie hat als Sozialarbeiterin in Großbritannien und in der Schweiz gearbeitet und schon viele Projekte als Unternehmerin zum Laufen gebracht. Ihre beiden Leidenschaften, könnte man nun fast sagen, kommen in einem neuen Projekt zusammen. Anju Rupal hat schon die unterschiedlichsten Firmen aus der Taufe gehoben, und sie hilft gerne. Ihre Arbeit für ein Kindertageshospital gehört als Mitgründerin zu ihren letzten Erfolgen. Und jetzt? "Jetzt habe ich "Abathi" ins Leben gerufen, eine Firma, die es sich auf ihre Fahnen geschrieben hat, in Indien Schulen mit einfachen Sanitärsystemen auszustatten", sagt sie. 50 Prozent des Erlöses gehen an die Abhati Birthright Campaign.

Auslöser für Rupals Arbeit ist eine Begegnung, die schon lange zurückliegt, die sich ihr aber ins Gedächtnis gebrannt hat: Eine junge Mutter sprach sie in Indien an, ob sie auf ihre Babys aufpassen könnte, solange sie auf der Suche nach einem ruhigen Ort war, an dem sie ihre Notdurft verrichten könne. Der beschämte Blick der jungen Frau ist das Bild, das sich der Wahl-Schweizerin nachhaltig eingebrannt hat. "Es war nicht das einzige Mal, dass ich auf meinen Reisen eine solche Erfahrung machen musste. Die Leute sind es vielerorts gewohnt, sich in der Öffentlichkeit zu erleichtern, aber sie haben keine Ahnung, wie gefährlich das für sie ist." Einmal abgesehen davon, dass es für junge Mädchen in vielen Ländern aus Angst vor sexuellen Übergriffen gefährlich ist, sich an einsame Orte zu begeben, ist es auch ein gesundheitliches Risiko.

Aufrütteln durch Ekel

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Ein Mann klarer Worte: Samuel Godfrey.

(Foto: dpa)

Anschaulich verdeutlicht der Chef des Unicef-Programms WASH in Äthiopien, Samuel Godfrey, aus Anlass des Welttoilettentages diesen Gedanken: "Um soziale Veränderung herbeizuführen und die Leute dazu zu bringen, ihr Geschäft nicht mehr im Freien zu verrichten, werden sie durch Ekel aufgerüttelt. Zwar ist dieser Ansatz sehr aggressiv, aber er ist auch extrem wirksam", erklärt er. "Zunächst gehen die Dorfbewohner mit einem Ausbilder zu der Stelle, wo die ganze Gemeinde ihr Geschäft verrichtet und überall Kot herumliegt. Der Ausbilder nimmt etwas frischen Kot und füllt ihn in eine Flasche mit Wasser. Dann bietet er den Leuten an, davon zu trinken. Diese lehnen das natürlich schockiert ab.

Dann wird ihnen erklärt, dass sie aber genau dieses Wasser trinken, denn wenn es regnet, werden die Fäkalien ja direkt ins Grundwasser gespült. Dann wird ein frisch gekochtes Essen gleich neben einen Teller voller Fäkalien gestellt. Sofort kommen Fliegen herbei, die sich zunächst auf den Kot setzen und dann auf das Essen, wo sie Kot-Partikel hinterlassen. Danach verstehen die Menschen, welche Gefahren der Stuhlgang im Freien mit sich bringt."

Unseren Kinder wird eingeimpft, dass sie sich die Hände waschen sollen, nach dem Toilettenbesuch, vor dem Essen, es ist normal. Dass Händewaschen Leben retten kann, wissen wir kaum mehr. "Am schlimmsten betroffen sind ältere Menschen und Kinder, die kein starkes Immunsystem haben. Bei Kindern kommt es unter anderem zu Durchfall und körperlicher und geistiger Unterentwicklung, die durch Mangelernährung hervorgerufen wird. Denn wenn ein Kind ständig Durchfall hat, kann der Körper keine Nährstoffe verwerten. Auch Malaria, Poliomyelitis und Rotavirus sind direkte Folgen einer mangelnden Sanitärversorgung", erklärt Godfrey.

Das Thema ist nicht sexy

"Es ist skandalös, und weil ich es einfach nicht mehr ertragen konnte, musste ich etwas tun", erklärt Anju Rupal ihren Ansatz. "Einmal abgesehen davon, dass für die Abhati-Produkte nur die besten Inhaltsstoffe verwendet werden und so jeder etwas für sich selbst tun kann, wollen wir dafür sorgen, dass die Zahl von 40 Prozent der Weltbevölkerung, die keinen Zugang zu Toiletten hat, endlich dezimiert wird. Das Thema ist wirklich nicht sexy, aber sich pflegen, mit guten Dingen verwöhnen, das zählt in unserer Gesellschaft, die zunehmend um sich selbst kreist, doch sehr. Warum nicht nebenbei etwas Gutes tun?"

Ähnlich wie in anderen Projekten, beispielsweise in Äthiopien, Nepal und Kambodscha, setzen die Abhati-Macher darauf, dass Erziehung der Schlüssel zum Erfolg ist. "Kreisläufe, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, müssen durchbrochen werden," erklärt Rupal. "Die Kinder müssen in der Schule lernen, wie sie sich hygienisch verhalten und es dann in ihre Familien und Dörfer tragen."

Das wird ein schwerer Weg, aber der Anfang ist gemacht. Rupal: "Ein Produkt, das sich um das Thema "Toilette" dreht, attraktiv zu gestalten war eine schwierige Aufgabe. Aber es ist nichts im Gegensatz dazu, wie anstrengend es auch weiterhin sein wird, Gewohnheiten und Missstände zu ändern."

Unterstützung durch Bill Gates

Unterstützung in diesem Bereich gibt es auch von "ganz oben": Eins der vielen Projekte von Microsoft-Gründer

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Gates mit seinem Millenium-Bambi "für einen guten Menschen" bzw. die "Bill und Melinda Gates Stiftung".

(Foto: REUTERS)

Bill Gates ist eine Toilette. Gates, der seine Milliarden seit dem Rückzug beim Software-Konzern für den Kampf gegen Krankheiten und Armut einsetzt, hatte im Jahr 2012 einen Wettbewerbs zur Neuerfindung der weißen Porzellanschüssel ausgerufen. Der erste Preis ging an eine mit Solarzellen betriebene Toilette, die auch Wasserstoff und Strom produzieren kann.

Gates betonte, es gehe um ein dringliches Problem. Mit Fäkalien verschmutztes Wasser löse Durchfall-Erkrankungen aus, denen jedes Jahr 1,5 Millionen Kinder zum Opfer fielen. Weltweit hätten 2,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen.

Quelle: n-tv.de, soe/dpa