Panorama

"Sie kommen, um mich zu töten" Bürgermeisterin wartet in Kabul auf ihren Tod

216986016.jpg

Zarifa Ghafari wurde mit gerade einmal 26 Jahren Bürgermeisterin von Maidan Shar.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

"Ich sitze hier und warte auf sie", sagt Afghanistans jüngste Bürgermeisterin Zarifa Ghafari. Sie ist überzeugt, dass die Taliban kommen werden, um sie umzubringen. Wegen ihres politischen Engagements wurde sie bereits früher Ziel von Anschlägen.

UPDATE: Zarifa Ghafari befindet sich mittlerweile in Sicherheit. Mehr dazu lesen Sie hier.


Nach der Machtübernahme durch die Taliban droht Afghanistan ein Rückfall in frühere Zeiten. Vor allem Frauen und Aktivistinnen fürchten um ihre Rechte - und ihre Sicherheit. Bei vielen ist die Verzweiflung groß. Manche, wie die ehemalige Bürgermeisterin Zarifa Ghafari, haben die Hoffnung bereits aufgegeben "Ich sitze hier und warte auf sie. Es gibt keine Hilfe für mich oder meine Familie. Sie werden kommen und Leute wie mich umbringen", sagte Ghafari der britischen Zeitung "inews".

2018 wurde Ghafari mit nur 26 Jahren die jüngste Bürgermeisterin des Landes in Maidan Shar, einer 50.000-Einwohner-Stadt in der Provinz Wardak, etwa fünfzig Kilometer von Kabul entfernt. Sie wuchs unter der Herrschaft der Taliban auf, konnte erst mit zwölf Jahren die Schule besuchen. Ihren Amtseintritt musste sie sich erkämpfen, bewaffnete Männer wollten sie aus dem Rathaus fernhalten. In der konservativen Provinz Wardak ist eine Bürgermeisterin noch lange keine Selbstverständlichkeit. Für ihr Engagement erhielt sie 2020 den International Women of Courage Award, der von den USA an Frauen mit "außerordentlichen Leistungen" verliehen wird.

"Das war Rache"

Ghafari wohnt in Kabul und pendelte täglich zwei Stunden nach Maidan Shar. Als damals unverheiratete Frau wäre das Leben in Wardak für sie zu gefährlich gewesen. Im Juni musste Zarifa Ghafari ihren Posten als Bürgermeisterin schließlich räumen. "Die Taliban haben gedroht, meine ganze Familie zu ermorden, wenn ich mich nicht aus der Öffentlichkeit zurückziehe", erzählte sie der "Bild". Sie gab schließlich nach: "Ich muss meine Mutter und meine sechs Geschwister schützen"

Seit dem 5. November ist sie unfreiwillig das Oberhaupt der Familie. An diesem Tag wurde ihr Vater bei einem Spaziergang in Kabul von Islamisten erschossen. Ghafari ist überzeugt: "Das war die Rache, weil ich drei Wochen zuvor einen Anschlag auf mich überlebt habe." Zuletzt übernahm sie aufgrund der angespannten Sicherheitslage eine Stelle im Verteidigungsministerium in Kabul.

Noch vor kurzem zeigte sie sich optimistisch, was die Zukunft des Landes anging: "Die jüngeren Menschen kriegen mit, was passiert. Ich denke, dass sie weiterhin für Fortschritt und unsere Rechte kämpfen werden. Ich denke, dass dieses Land eine Zukunft hat", sagte Ghafari britischen Zeitung "inews" Ende Juli. Doch als am Samstag die Taliban Kabul einnehmen, scheint jede Hoffnung verloren: "Ich sitze hier einfach mit meiner Familie und meinem Mann. Sie werden Menschen wie mich verfolgen und töten. Ich kann meine Familie nicht verlassen. Wo würde ich überhaupt hin?"

Taliban sichern Amnestie zu

Ein wenig Hoffnung gibt es dennoch für Ghafari: Die militant-islamistischen Taliban haben heute eine Amnestie verkündet und Frauen zur Mitarbeit in der Regierung aufgerufen. "Das islamische Emirat will nicht, dass Frauen zu Opfern werden", versicherte das Mitglied der Kulturkommission der Taliban, Enamullah Samangani, im inzwischen von den Taliban kontrollierten Staatsfernsehen. Sie sollten dem islamischen Recht entsprechend in der Regierung mitarbeiten.

Ob auf die Aussagen Verlass ist, ist allerdings ungewiss. Bis zu ihrem Sturz im Jahr 2001 verbannten die Taliban Mädchen und Frauen aus Schulen und Universitäten und verboten es ihnen, einen Beruf auszuüben. Frauen durften das Haus nur noch mit einem männlichen Begleiter verlassen, in der Öffentlichkeit war eine vollständige Verschleierung vorgeschrieben. Auf öffentlichen Plätzen und in Stadien fanden Auspeitschungen und Hinrichtungen statt, mutmaßliche Ehebrecherinnen wurden zu Tode gesteinigt.

Quelle: ntv.de, hny

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen