Panorama
Tradition ist wichtig für die Burschenschaftler.
Tradition ist wichtig für die Burschenschaftler.(Foto: dpa)
Freitag, 12. Juni 2015

Erste Gründung vor 200 Jahren: Burschenschaften zum Jubiläum zerstritten

Ihnen wird oft vorgeworfen, rechtsradikal und intolerant zu sein, doch ihr Ursprung ist zumindest ein anderer: Burschenschaften zettelten Revolutionen an und trugen vor 200 Jahren zur Gründung eines demokratischen Deutschlands bei.

Trotz herrlichem Sonnenschein draußen ist es etwas duster im Saal. Die Wände sind halbhoch mit Holz verkleidet, vorn stehen zwei große rot-schwarz-rote Fahnen. Von den Wänden blicken zig Männer in Schwarz-Weiß mit Schärpe und Mütze. Auf einen Gehstock gestützt läuft Aloyse Gombault die Bilder ab. Zu vielen der Männer - frühere und aktuelle Mitglieder - weiß er Geschichten zu erzählen. "Das hier ist für uns das Allerheiligste", sagt der 81 Jahre alte Ehrenvorsitzende der Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller. "Hier vor und in der 'Grünen Tanne' haben am 12. Juni 1815 Studenten der Universität Jena die erste deutsche Burschenschaft gegründet." 143 sollen es damals gewesen sein. Ihnen folgten weitere Gründungen in vielen deutschen Städten.

Aloyse Gombault ist stolz auf seine Mitgliedschaft in der Arminia.
Aloyse Gombault ist stolz auf seine Mitgliedschaft in der Arminia.(Foto: dpa)

Schon 1817 kam es zu einem ersten Höhepunkt, als Hunderte Studenten aus Protest gegen Kleinstaaterei und für eine Verfassung auf die Wartburg zogen. Später waren sie maßgeblich an der Revolution von 1848 und der Frankfurter Nationalversammlung samt Ausarbeitung einer Verfassung beteiligt. Auf die Burschenschaften geht auch die schwarz-rot-goldene Fahne zurück. War Einheit einst das wichtige Thema, präsentiert sich die Bewegung heute tief gespalten.

Vorwürfe der Rechtsradikalität

Viele Burschenschaften haben in den vergangenen Jahren den Dachverband "Deutsche Burschenschaft" verlassen. Gestritten wurde etwa über einen Nachweis deutscher Abstammung für Mitglieder, von Kritikern als "Arier-Nachweis" gebrandmarkt, aber auch über das Andenken der Hitler-Attentäter vom 20. Juli um Graf von Stauffenberg. Einige Burschenschaften stehen zudem wegen enger Verbindungen in die rechtsextreme Szene in der Kritik.

Die Arminia auf dem Burgkeller ist vor einigen Jahren ausgetreten und arbeitet an der Gründung eines liberaleren Dachverbandes mit. "Wir setzen uns für ein freies und geeintes Europa ein", betont Gombault, nach eigenen Angaben seit rund 50 Jahren SPD-Mitglied. Ein Migrationshintergrund sei kein Problem für eine Mitgliedschaft in der Arminia, sagt der Senior, dessen Vorfahren aus Frankreich stammen. "Die Burschenschaftsbewegung war von Anfang an sehr heterogen bis hin zu Formen des politischen Extremismus", erläutert der Würzburger Historiker Matthias Stickler. "Heutzutage gibt es mehr Burschenschaften außerhalb als innerhalb der Deutschen Burschenschaft." Laut Stickler hat sich die Mitgliederzahl seit den 1960er Jahren drastisch verringert. Von damals etwa 140 Bünden seien es nur noch etwas mehr als 60.

In den Nachkriegsjahren - damals wurden viele Studentenverbindungen in Westdeutschland neu gegründet - sei die Szene liberal-konservativ dominiert gewesen, erklärt der Historiker. In den 60er Jahren habe es mit der Aufnahme der Österreicher Burschenschaften einen "Rechtsruck" gegeben. "Für viele Verbindungen wurde es mit der Zeit rufschädigend, in einem solchen Verband zu sein. Die schweigende liberal-konservative Mehrheit hat mit Austritten reagiert." Mit der Wiedervereinigung kehrten die Burschenschaften an ihren Gründungsort in Thüringen zurück.

Gemeinschaftsgefühl stärken

"Wir haben uns immer gesagt: Wir sind erst am Ziel, wenn wir wieder auf dem Markt eines freien Jena stehen", erzählt Gombault. Er forcierte als damaliger Vorsitzender der Arminia in ihrem Mainzer Exil Anfang der 90er Jahre die Renovierung der "Grünen Tanne". Dort hat seine Burschenschaft heute ihren Sitz, wohnen wieder junge Studenten, werden Versammlungen im Festsaal abgehalten und wird gefochten - die sogenannte Mensur ist Pflicht.

Doch was bewegt einen Studenten im 21. Jahrhundert, sich in einer Burschenschaft zu engagieren? "Mir gefällt die Schule fürs Leben", erzählt der 19 Jahre alte Jura-Student Robert Mochrie. Er könne in Ämtern Verantwortung übernehmen und es würden etwa in Tanzkursen und Rhetorikseminaren Fähigkeiten vermittelt, die sonst zu kurz kämen. In der Wohngemeinschaft gebe es gegenseitige Unterstützung. Den Mythos von Burschenschaften als Karriereschmiede hält Stickler für naiv. "Das hat vielleicht im Kaiserreich und Anfang der 50er Jahre funktioniert, heute ist die Gesellschaft viel komplizierter." In der oftmals anonymen Massenuniversität, glaubt er, kann eine solche Gemeinschaft für manche Menschen wieder attraktiv werden.

Quelle: n-tv.de