Panorama

Beispiel für Integration "Campus Rütli"

Vor knapp zwei Jahren stand die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln bundesweit als Symbol für hemmungslose Gewalt und Chaos in Klassenzimmern und auf dem Schulhof. Jetzt ist der Wandel perfekt: Ein "Beispiel für Integration" nannte Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) den Start des "Campus Rütli", einen Verbund von Schulen des sozialen Brennpunktgebiets, in dem 850 Schüler betreut werden. Schirmherrin Christina Rau, die Witwe des früheren Bundespräsidenten Johannes Rau, freute sich "über den völlig neuen Schwung" an dem nun befriedeten Ort.

Im Herbst und Winter 2005 und noch lange im Frühjahr 2006 trauten sich die meisten Lehrer nur mit Handy in den Unterricht, um im ständig drohenden Notfall sofort die Polizei oder andere Lehrer um Hilfe rufen zu können. Die Schüler machten, was sie wollten, Disziplinlosigkeit hatte sich breitgemacht. Viele Lehrer meldeten sich gleich dauerkrank. In einem spektakulären "Brandbrief" gestanden die Pädagogen ein, dass sie nicht mehr weiter wussten. Die Rütli-Schule geriet auf die Titelseiten und Kommentarspalten und war Thema einer Bundestagsdebatte.

Tiefgehender Wandel

Ganz anders das Bild heute: Die von Schülern entworfene "Rütli- Wear" ist zu einem beachteten Mode-Label der engagierten Jugendlichen geworden, an der Schule gibt es zahlreiche neue Sport- und Kultur- oder Musik-Gemeinschaften. Schüler der Rütli-Schule retteten bei einem Überfall ein Gewaltopfer vor Schlimmerem und wurden für ihren Mut geehrt.

Der Wandel ist tiefgehend. Im Chaos handelte fast jeder gegen jeden, jetzt lautet das Zauberwort "Miteinander". Politisch ist das neue Konzept im Kern die im neuen Schuljahr 2008/09 auf dem "Campus Rütli" startende Gemeinschaftsschule. In das Projekt "Ein Quadratkilometer Bildung" eingebettet sind neben mehreren Schulen auch Kindertagesstätten, soziale Werkstätten, Jugendclubs, die Volkshochschule sowie Kinder- und Jugenddienste der zuständigen Behörden. "Wir wollen konkret an der Rütli-Straße zeigen, dass uns jedes einzelne Kind wichtig ist", sagte Schirmherrin Rau. "Ich bin begeistert."

Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) sprach am Mittwoch von einem "sozialen Raum mit Bildungsanspruch". Die kulturelle Vielfalt und Mehrsprachigkeit werde als Chance verstanden. Mehr als 80 Prozent der Schüler der künftigen Gemeinschaftsschule sind nicht-deutscher Herkunft. Laut Buschkowsky greift das Modell "Campus Rütli in das Rad der sich scheinbar naturgesetzlich ständig selbst erneuernden Unterschicht ein". So könne die Wahrnehmung von Neukölln als einem reinen Problemgebiet verändert werden, hin zu einem "modernen heterogenen Modellbezirk".

Von Hans-Rüdiger Bein, dpa

Quelle: n-tv.de