Panorama

Sozialprojekt gegen pfeifende Kugeln Chicago bekämpft die Jugendgewalt

Die Gewalt unter Jugendlichen ist in Städten wie Chicago sehr hoch. Das Ceasefire-Programm möchte Jugendliche von der Waffengewalt abbringen und weist schon etliche Erfolge auf.

7422073.jpg

Mit dem Ceasefire-Programm soll vor allem der Einsatz von Schusswaffen eingedämmt werden.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Gewalt hat sich tief in den seit langem vernachlässigten Straßenzügen eingenistet. Es braucht nicht viel, bis an den sozialen Brennpunkten Chicagos die Kugeln durch die Luft pfeifen. Geschossen wird, wenn Jugend-Gangs um Territorium kämpfen. Wenn es Streit um Drogen gibt. Wenn sich jemand beleidigt fühlt. Die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen ist in Chicago ein Problem wie an den sozialen Brennpunkten anderer Städte in der Welt auch. Ein Sozialarbeiterprojekt dort weist allerdings beachtliche Erfolge auf und wird inzwischen anderswo nachgeahmt.

Das Projekt nennt sich Ceasefire (Deutsch: Waffenstillstand). Die Mitarbeiter kennen das harte Leben auf der Straße aus eigener Erfahrung, viele waren früher selber Gang-Mitglieder. Nun gehen sie dazwischen, wenn sich Ärger anbahnt. "Es geht darum, Verhalten zu verändern", beschreibt Ceasefire-Chefvermittler Tio Hardiman die schwierige Aufgabe. Die Gruppe behandelt die Gewalt auf den Straßen bewusst so, wie die Gesundheitsbehörden eine Epidemie behandeln würden: mit Aufklärung, Gesprächen, Warnungen. Sie besuchen verwundete Gangmitglieder im Krankenhaus und versuchen, der Gewalt ihr "cooles" Image zu nehmen.

Vater im Knast, Mutter drogenabhängig

Die Zahl der Gang-Mitglieder allein in Chicago wird auf etwa 100. 000 geschätzt. Im vergangenen Jahr wurden in der Metropole 511 Menschen ermordet. Eine Studie des US-Justizministeriums kam zu dem Schluss, dass die Ceasefire-Leute in jenen Gegenden, wo sie aktiv sind, die Zahl der Schießereien um 41 bis 73 Prozent senken konnten. Mehrere Städte in den USA haben das Ceasefire-Modell übernommen.

Im Mittelpunkt stehen bei Ceasefire Mitarbeiter, die als "glaubhafte Botschafter" eingesetzt werden können. Damit gemeint sind Leute wie der 37-jährige Ricardo Williams, der selbst bereits drei Mal hinter Gitter saß, nun aber die Seiten gewechselt hat und von den Teenagern auf der Straße akzeptiert wird. "Viele Leute, mit denen ich zu tun habe, sind ziemlich verloren", sagt Williams. "Sie haben niemanden zu reden: Der Vater sitzt im Knast, die Mutter ist drogenabhängig. Sie müssen sich selbst erziehen."

Botschafter müssen glaubwürdig sein

Zu denen, die Williams retten konnte, zählt ein inzwischen 29-Jähriger, der sich Big Mike nennt. Früher hatte er mit Drogen gehandelt und illegale Hundekämpfe organisiert. Heute setzt er sich für Tierschutz ein. "Williams hat jahrelang auf mich eingeredet", sagt Big Mike. "Er ist hundertprozentig glaubwürdig. Er ist nicht bei der Polizei. Er reicht einem die Hand, nicht die Handschellen."

Erfolgsgeschichten wie die von Big Mike erfordern freilich lange und geduldige Arbeit: Besuche im Kino, im Stadion, lange Diskussionen, es ist ein zähes Werben Schritt für Schritt, eine große Investition in schwierige Menschen. Rückschläge sind häufig. Bob Johnson arbeitet ebenfalls für Ceasefire. Vor wenigen Tagen wurde ein Jugendlicher in seinem Gebiet erschossen, nun hilft er den Angehörigen bei der Vorbereitung der Beerdigung. Johnson ist frustriert über die Gewalt, die immer wieder aus den jungen Leuten bricht.

"Niemand hat ihnen je beigebracht, mit Problemen fertig zu werden", sagt Johnson. "Ihnen gehen so viele Dinge durch den Kopf, sie sind aufgekratzt, sie können sich nicht konzentrieren." Johnson kennt Fälle, in denen Kinder von den eigenen Eltern zum Drogenkonsum verführt wurden. Dennoch ist er überzeugt: "Diesen Job werde ich nicht aufgeben."

Quelle: ntv.de, Mira Oberman, AFP

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen