Panorama

Xi Jinpings neuer Sozialismus China "löscht" seine Popstars

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Der Sänger Kris Wu wurde als Mitglied der Boygroup Exo zu einem der größten Popstars in China. Nach Vergewaltigungsvorwürfen gegen ihn ist sein Name aus chinesischen Online-Foren verschwunden.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

China geht massiv gegen Popstars und ihre Fans vor. Die Behörden lassen Künstler nicht mehr auftreten und löschen sie komplett aus Internet und Fernsehen. Präsident Xi Jinping will seine Macht beweisen - da kommen ihm Skandale um die Stars gerade recht.

Kris Wu ist ein Superstar in China. Den kanadischen Rapper mit chinesischen Wurzeln kennt praktisch jeder. Doch das Image des Superstars hat zuletzt gelitten. Im August wurde er festgenommen. Es gibt Vergewaltigungsvorwürfe gegen ihn. Kurze Zeit später ist in den Internetforen der Fans fast nichts mehr von ihm zu finden. Seine Fans hatten dort zu einer Rettungsmission aufgerufen, erzählt der Sinologe und Kulturjournalist Fabian Peltsch im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Fans haben sich spaßeshalber darüber ausgetauscht, wie man ihn aus dem Gefängnis freibekommen kann? Solche Sachen werden sofort gelöscht."

Seit etwa einem Monat mischen sich die chinesischen Behörden massiv in die Popkultur ihres Landes ein. Über super-prominente Sängerinnen und Sänger sowie Schauspielerinnen und Schauspieler werden plötzlich Skandale bekannt. Die Schauspielerin Zheng Shuang musste beispielsweise Ende August wegen Steuerhinterziehung umgerechnet 39 Millionen Euro Strafe zahlen. Auch von ihr finde man keine Beiträge im Internet mehr, sie bekomme keine Jobs und sei nicht mehr in Filmen zu sehen, berichtet Fabian Peltsch. "Wenn jemand so einen Skandal hat, dann passt das wiederum nicht zu diesen sozialistischen Kernwerten. Aber es ist auch eine ganz bewusste Entscheidung, jetzt die größten Stars, die Skandale hinter sich haben, so massiv aus dem kollektiven Bewusstsein zu löschen. Das hat natürlich die größtmögliche Signalwirkung."

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Die chinesische Schauspielerin Zheng Shuang soll zwei Kinder, die eine Leihmutter in den USA für sie ausgetragen haben soll, beim Vater zurückgelassen haben.

(Foto: picture alliance/dpa/HPIC)

Solche Vorwürfe nutzt die chinesische Regierung aus, um die Unterhaltungsindustrie noch stärker zu kontrollieren. Die Künstler werden zu sogenannten "Unpersonen", können nicht mehr arbeiten und sind teilweise überhaupt nicht mehr im chinesischen Internet zu finden. Die Fernseh- und Radiosender dürfen Künstler mit "inkorrekten politischen Positionen" nicht mehr stattfinden lassen. Für Fabian Peltsch sind diese Säuberungskampagnen der "logische nächste Schritt".

Rapper aus dem Fernsehen verbannt

Die großen Tech-Unternehmen waren als Erstes dran. Da westliche Konkurrenten wie Google und Facebook in China verboten sind, konnten heimische Tech-Firmen wie Alibaba und Tencent immer größer und mächtiger werden. Ihre Monopolstellung und Marktmacht war der Regierung aber irgendwann ein Dorn im Auge. Deshalb nahm die politische Führung die großen Tech-Firmen immer enger an die Leine. Als Erster war der Gründer von Alibaba, dem chinesischen Amazon, dran. Jack Ma hatte in einer Rede das Finanzsystem als verkrustet bezeichnet. Danach wurde der Börsengang der Alibaba-Finanztochter Ant Group plötzlich abgeblasen, Alibaba musste eine Milliardenkartellstrafe zahlen - und Chinas bekanntester Milliardär verschwand spurlos. Dass er herausgepickt wurde, habe den größten öffentlichkeitswirksamen Effekt, erklärt Fabian Peltsch.

Seitdem nimmt sich Peking einen Bereich nach dem anderen vor. Zum Beispiel auch den Online-Spiele-Markt. Seit Ende August dürfen Minderjährige pro Woche nur noch drei Stunden online zocken. Damit sie nicht süchtig werden, so die offizielle Begründung. Das zu kontrollieren, ist in China kein Problem, weil die Spieler sich mit ihren Personalausweisen anmelden müssen.

Jetzt trifft es Medien und Kultur. Bereits vor zwei Jahren hatte die Regierung in die Unterhaltungsindustrie eingegriffen. Aufgrund einer Castingshow war Hip-Hop plötzlich sehr beliebt im Land. Fabian Peltsch: "Dann wurden Texte auf einmal verboten, dann wurden bestimmte Rapper, die in diesen Shows vorkamen, und auch die Gewinner nicht mehr eingeladen. Das ging dann so weit, dass plötzlich Tattoos verboten waren im Fernsehen. Und wenn jemand schon tätowiert war, dann wurde das gepixelt."

Maskulin statt androgyn

"Wieder was gelernt"-Podcast

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Diese Zensur von Äußerlichkeiten ist mittlerweile noch übergriffiger geworden. Seit September dürfen im chinesischen Fernsehen keine feminin aussehenden Männer mehr zu sehen sein. Die Männer sollen maskulin wirken. Die Regierung sieht in dem Trend zum androgynen Aussehen eine Bedrohung für das Land. Androgyn sehen vor allem auch die Boybands aus Südkorea aus, wie BTS. Sie sind in China sehr beliebt. Die Fanclubs der Stars im Internet haben teilweise Millionen Follower. "Für die Regierung sind die Fanclubs also fast schon jetzt synonym mit Sekten, weil da so ein bestimmter finanzieller Gruppenzwang herrscht, weil es da Mobbing gibt. Und man kann sagen, da ist auch was dran", erzählt der China-Experte. Deshalb hat die Regierung im Kurznachrichtendienst Weibo, dem chinesischen Twitter, etliche Konten gesperrt. Das funktioniert problemlos, weil sie das komplette Internet kontrolliert. Was ihr nicht passt, kommt weg.

Auch Homosexuelle haben es in China nicht leicht. Obwohl Homosexualität dort seit 1997 legal ist, werden Lesben und Schwule stigmatisiert. Das bekam auch der schwule chinesische Filmemacher Popo Fan zu spüren. Sein Film "Mama Rainbow" über Mütter mit homosexuellen Kindern wurde 2015 von chinesischen Streamingplattformen gelöscht, nachdem ihn bereits über eine Million Menschen angeschaut hatten. Popo Fan wehrte sich, und verklagte die Regierung. Zwar habe er den Fall gewonnen, erzählt Popo Fan im Podcast, aber am Ende war sein Video trotzdem nicht wieder online.

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Popo Fan macht Filme über gleichgeschlechtliche Ehe, Transgender und Feminismus - mittlerweile nicht mehr in Peking, sondern in Berlin.

(Foto: The Beijinger)

Enttäuscht von seinem Heimatland wanderte der Filmemacher aus. Heute lebt er in Berlin. Zurückzugehen nach China, kann er sich nicht vorstellen. Kommilitonen aus dem Filmstudium hätten sich mit der Zensur arrangiert, berichtet Fan, drehten Melodramen, Propaganda- und nationalistische Filme. Das, was dem Publikum und der Regierung gefalle.

Xi Jinping will an der Macht bleiben

Alles, was zu groß wird, sieht die chinesische Regierung als eine Bedrohung an. Stars, Konzerne oder Organisationen, die zu reich und zu einflussreich werden, werden zensiert und bestraft. Wenn der Staat bekannte Persönlichkeiten oder Firmen angreift, zeigt er damit, wer die Macht hat - und die Kontrolle.

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Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping will das Land wieder sozialistischer machen. Sein neuer Slogan ist der "gemeinsame Wohlstand". Er will das Geld gerechter umverteilen. Konzerne spenden plötzlich Milliarden für wohltätige Zwecke, die Mieten werden gedeckelt und Steuerhinterziehung stärker bekämpft. Diese Maßnahmen sind aber nur Show, meint Fabian Peltsch. "Das alles hängt natürlich damit zusammen, dass Xi Jinping sich im nächsten Jahr für eine dritte Amtszeit bestätigen lassen will. Und das bricht mit der Tradition, die der wichtige Reformer Deng Xiaoping Ende der 1970er Jahre eingeführt hatte, nämlich, dass Staatschefs nur noch zwei Amtszeiten haben dürfen, damit eben so etwas wie mit Mao Zedong nicht mehr passiert. Dass man eine einzelne Führerperson hat, die das Schicksal des Landes bestimmt."

Dass der Präsident länger im Amt bleiben will, mache viele Chinesen nervös. "Xi Jinping will jetzt zeigen, dass er ein zuverlässiger Führer und immer noch ein echter Kommunist ist. Er lässt das Kapital und die Privatfirmen nicht alles machen, was sie wollen. Eine seiner wichtigsten Kampagnen, die er immer wieder betont hat und die vor allem in den letzten zwei Jahren immer wichtiger wurde, ist die Losung vom gemeinsamen Wohlstand für alle", weiß Fabian Peltsch.

Und dieser Plan scheint zu funktionieren. Die chinesische Mittelschicht wachse, die Menschen könnten sich mehr leisten, sagt der Sinologe. Die Bevölkerung jedenfalls freut sich über die Umverteilung und Xi Jinpings Kampf gegen Kapital, Korruption und Armut, schreibt das Wall Street Journal. Punkten kann er damit vor allem bei seiner Parteibasis, der Arbeiterklasse und der armen Landbevölkerung. Noch ein Jahr hat der Präsident Zeit, seine Machtbasis zu zementieren und das Volk noch mehr hinter sich zu bringen. Im Herbst 2022 steht der Parteitag an. Dass er dort als Präsident wiedergewählt wird, ist wahrscheinlich.

Quelle: ntv.de

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