Panorama

Verwahrlost und gefährdet Das "Dorf-Phantom" von Freienfels

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In Freienfels werden nun Schuldige gesucht.

Ein 43-jähriger Mann lebt noch bei den Eltern, verlässt aber kaum das Haus. Doch das allein ist nicht der Grund, warum die Behörden im oberfränkischen Freienfels einschritten.

Im 5200-Einwohner-Ort Freienfels gilt die Familie D. als "seltsam". Wenn das Wetter und die Fußballergebnisse erledigt sind, wird im Wirtshaus immer mal wieder über den Sohn Markus gesprochen, das "Dorf-Phantom".

Man kann sich den Kneipentratsch vorstellen. Mutter Waltraud ist inzwischen 76, Vater Erwin sogar 79 Jahre alt. Beide sind gesundheitlich angeschlagen. Was ist eigentlich mit Markus D.? Nur sehr selten wird er außerhalb des Hauses gesehen, das Wort "Gefangenschaft" fällt. Aber erst ein Zugereister, der der "Bild"-Zeitung zufolge in Freienfels an einem Projekt arbeitete, macht die Behörden auf den Fall aufmerksam.

Ende September schauen sie bei Familie D. nach dem Rechten und sehen sich gezwungen, einzuschreiten. Erste Meldungen, der Mann sei festgehalten worden und unterernährt gewesen, bestätigten sich zwar nicht. Aber er machte einen sehr verwahrlosten Eindruck. Was das genau bedeutet, kann man nur mutmaßen. Wahrscheinlich war die Körperhygiene mangelhaft.

Der Chefarzt des Bezirkskrankenhauses Bayreuth, Michael Schüler, sagt über seinen Patienten, ihm fehle die natürliche Sozialisierung, die Jugendliche normalerweise ab dem Teenager-Alter erleben. Rollenverhalten, zwischenmenschliche Kontakte, Beziehungen, Konkurrenzverhalten in Ausbildung und Beruf – all das habe der Mann nicht erfahren. Vielleicht gehört auch die regelmäßige Körperpflege zu den Dingen, die Markus D. nie gelernt hat.

Eigengefährdung befürchtet

Polizeisprecher Jürgen Stadter bestätigte n-tv.de, dass für Markus D. die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik angeordnet wurde. Die Polizei unterstützte den Rettungsdienst bei dem Einsatz. Man fürchtete, der 43-Jährige könnte sich selbst gefährden. Tatsächlich wollte der Mann sein Elternhaus nicht verlassen. "Er hat sich anscheinend da gut aufgehoben gefühlt", hieß es von der Polizei. Man habe ihn dann aber überzeugen können. Die Mutter von Markus D. sprach allerdings von einem Überfall.

Inzwischen kümmern sich Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte im Bezirkskrankenhaus Bayreuth um den 43-Jährigen. "Es geht ihm nicht gut, aber den Umständen entsprechend", sagte BKH-Sprecher Christian Porsch. Dringlichstes Ziel sei jetzt herauszufinden, welche Hilfe der Mann braucht.

So dramatisch das alles klingt, ob es auch ein Kriminalfall ist, ist noch völlig unklar. Die Polizei ermittelt gegen die Eltern wegen des Verdachts auf Körperverletzung durch Unterlassung und Freiheitsberaubung. Ob dieser Verdacht aber haltbar sei, stehe noch nicht fest, hieß es inzwischen von der Polizei.

Keiner kümmerte sich

Markus D. war ordnungsgemäß bei seinen Eltern gemeldet. Allerdings war sein Personalausweis schon lange abgelaufen, berichtet der Bayerische Rundfunk. Deshalb sei er auch angeschrieben worden. Daraufhin kam von seinen Eltern die Antwort, sie würden das bald erledigen, hieß es von Hollfelds Erster Bürgermeisterin Karin Barwisch.

Ansonsten hatten die Behörden Markus D. irgendwie nicht auf dem Schirm. Seit Jahrzehnten nicht. Dabei rühren die Probleme des möglicherweise psychisch kranken oder geistig behinderten Mannes schon aus Schultagen. Markus D. besuchte zunächst die Grundschule, wurde dort aber offenbar gemobbt. Er wechselte dann auf eine Gesamtschule, wurde aber schließlich im Alter von 13 Jahren für nicht schulfähig erklärt.

Doch weder beim Schul- oder Jugendamt, noch bei der Sozial- oder Krankenversicherung kümmerte sich danach noch jemand um Markus D. Stattdessen lebte er zurückgezogen bei den Eltern. Mehrere Zimmer in dem Einfamilienhaus bildeten nach Polizeiangaben seinen Bereich. Möglicherweise waren die inzwischen hochbetagten Eltern jeden Tag ein bisschen mehr überfordert, für ihren Sohn zu sorgen. Bis schließlich die Behörden einschritten.

Quelle: ntv.de, sba