Panorama

Künstlerstätte und Touristenmagnet Das Tacheles steht vor dem Aus

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Das Kunsthaus "Tacheles" in Berlin.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Geschichte des Berliner Tacheles ist lang. Nun wird ein weiteres Kapitel geschrieben. Dem Kunsthaus droht eine Zwangsversteigerung durch die HSH Nordbank.

Es wirkt wie eine Gedächtniskirche in Sachen Kunst - das "Tacheles", eine Kriegsruine in der Oranienburger Straße im Berliner Bezirk Mitte. Nach dem Mauerfall retteten Künstler das Gebäude vor dem Abriss und vergaben die rund 30 Ateliers an Bildhauer und Maler aus der ganzen Welt, zum Betriebskostenpreis. Doch nun tickt die Uhr für den Bau mit dem morbiden Charme, der längst in keinem Berlin-Reiseführer mehr fehlt: Das Gebäude steht unter Zwangsverwaltung, und die Gläubiger dringen auf Versteigerung. Damit droht den Künstlern über kurz oder lang die Räumung.

Das Tacheles ist das letzte verbliebene Gebäude eines Kaufhauskomplexes, der sogenannten Friedrichstraßen-Passagen, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts entstand. Von dem monumentalen Eingangsbogen an der Oranienburger Straße führte eine glasüberdachte Ladengalerie bis an die angrenzende Friedrichstraße. Der Stahlbetonbau vereinte Spezialgeschäfte und sollte der wachsenden Konkurrenz der großen Warenhäuser à la Wertheim etwas entgegensetzen.

Mietverträge seit einem Jahr ausgelaufen

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Künstler zeigen ihre Arbeiten auf dem Hinterhof.

(Foto: picture alliance / dpa)

Doch das Konzept scheiterte, so dass das Gebäude bereits nach wenigen Jahren zwangsversteigert wurde. 1918 übernahm die AEG die Passage und eröffnete hier das "Haus der Technik" mit einer Ausstellung von AEG-Produkten. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Komplex schwer zerstört, in den 1980er Jahren ließ die Ostberliner Stadtverwaltung große Teile abreißen. Nur der Kopfbau an der Oranienburger Straße blieb erhalten. Nach dem Fall der Mauer schufen die Besetzer eine künstlerische Freifläche ganz im Sinne der auf- und umbrechenden Stadt.

1998 erwarb dann die Fundus-Gruppe das Gelände vom Land Berlin für rund 2,7 Millionen Euro und wollte dort Wohn- und Geschäftshäuser bauen - mit dem Tacheles mittendrin, denn das Gebäude steht unter Denkmalschutz. Fundus gab den Künstlern einen symbolischen Mietvertrag, der jedoch seit über einem Jahr ausgelaufen ist. Aber aus den Bauplänen wurde nichts, und die Fundus-Tochtergesellschaft, die das Gelände besaß, ging in die Insolvenz. Hauptgläubiger ist die mehrheitlich den Bundesländern Hamburg und Schleswig-Holstein gehörende HSH Nordbank. Und die will das Areal nun verkaufen. Einen Termin für eine Zwangsversteigerung gibt es noch nicht.

Tacheles-Nutzer bitten um Erbpachtlösung

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Nicht nur Insider verirren sich ins Tacheles.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Damit das Tacheles nicht unter den Hammer kommt, wandten sich die Bewohner an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der sich vor einer Weile auch zu einem Gespräch mit ihnen traf. Eingreifmöglichkeiten hat der Berliner Senat nach Angaben eines Sprechers der Berliner Kulturverwaltung jedoch nicht. In ihrer Not schickten die Tacheles-Nutzer auch einen Offenen Brief an den Hamburger Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Peter Harry Carstensen (CDU).

Darin fordern sie die Landeschefs auf, die Räumung zu stoppen und eine Erbpachtlösung zu ermöglichen. Außerdem sollen sie die HSH Nordbank anweisen, "die kreative Mitte Berlins zu erhalten". Ihr Anliegen stützen die Nutzer auf rund 400.000 Besucher jährlich, die das Tacheles nach ihren Schätzungen hat. Rund 70.000 Unterschriften haben die Bewohner bei ihnen gesammelt.

Gläubiger wollen sich Geld zurückholen

Allerdings sind die Spielräume der Landesregierungen klein angesichts fehlender finanzieller Mittel. Und die Gläubiger sind entschlossen, sich über den Verkauf des insgesamt 25.300 Quadratmeter großen Geländes an der Ecke zur renommierten Friedrichstraße Geld zurückzuholen. Das Tacheles steht auf nur etwa 1250 Quadratmetern, doch das Bankenkonsortium unter Führung der HSH Nordbank besteht auf der Veräußerung des gesamten Areals. "Wir gehen davon aus, dass ein zukünftiger Investor nur am Gesamterwerb interessiert wäre", sagt eine Sprecherin der HSH Nordbank in Hamburg.

Quelle: n-tv.de, Mechthild Henneke, AFP

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