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MV Liemba tuckert seit 100 Jahren Das deutsche Schiff am Tanganjikasee

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Die Menschen am Tanganjikasee fürchten den Tag, an dem die MV Liemba nicht mehr fährt. Viele bestreiten ihren Lebensunterhalt, indem sie auf dem Schiff Waren verkaufen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ausgerechnet ein über hundert Jahre alter Dampfer ist das sicherste Schiff auf dem ostafrikanischen Tanganjikasee. Und das, obwohl die "MV Liemba" mehrfach gesunken und zerlegt worden ist. Trotzdem könnte es das altersschwache Gefährt nicht mehr lange machen.

Wenn die "MV Liemba" anlegt, herrscht in den Ortschaften entlang des ostafrikanischen Tanganjikasees Jahrmarktstimmung. Berge von Ananas, Mais und Reis werden an Bord verkauft, und Kinder in löchrigen Kanus bieten den Passagieren Mangos feil. "Die 'Liemba' ist das einzige sichere Transportmittel entlang des Sees", sagt Kapitän Mathew Mathia Mwanjisi. Dabei ist das Schiff aus deutscher Produktion - von Zwangspausen abgesehen - seit genau hundert Jahren im Einsatz. Schon heute fürchten die Menschen am Tanganjikasee den Tag, an dem die "MV Liemba" ihren Dienst einstellt.

Die Geschichte des Schiffs beginnt 1913 im niedersächsischen Papenburg. Im Auftrag der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes baut die Meyer-Werft den Passagierdampfer für den Tanganjikasee; benannt wird er nach dem früheren Gouverneur der Kolonie Deutsch-Ostafrika, Gustav Adolf Graf von Götzen. Als das Schiff fertig ist, zerlegen die Werftarbeiter es in seine Einzelteile, verpacken diese in hunderte Kisten und verschiffen sie nach Daressalam. Es dauert bis 1915, bis die "Graf Goetzen" wieder zusammengebaut ist und ihr Einsatz auf dem längsten See der Welt beginnt.

MV Liemba bekommt einen Dieselmotor

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Die Graf Götzen, so der ursprüngliche Name des Schiffs, 1913 in der Meyer-Werft in Papenburg.

(Foto: picture alliance / dpa)

Inzwischen hat der Erste Weltkrieg begonnen, und angesichts wachsender Spannungen mit britischen und belgischen Truppen hat der 70 Meter lange Dampfer nun auch eine Kanone an Bord. Als sich die deutschen Truppen 1916 zurückziehen, versenken sie das Schiff - nicht ohne vorher die Maschinenteile sorgfältig einzufetten.

Nach Ende des Kriegs heben die Belgier das Wrack, doch wenig später sinkt es während eines Sturms erneut. 1921 ordnet der damalige britische Kriegsminister Winston Churchill an, die "Graf Goetzen" ein weiteres Mal zu bergen. 1927 nimmt das Schiff unter seinem neuen Namen "MV Liemba" seinen Dienst als Passagierschiff wieder auf. Erst in den 1970er-Jahren wird die Original-Dampfmaschine durch Dieselmotoren ersetzt.

Vorlage für "The African Queen"

Die Geschichte des deutschen Kriegsschiffs und die Schlacht um den Tanganjikasee inspirierte den britischen Autor Cecil Scott Forester 1935 zu seinem Roman "The African Queen", der später als Vorlage des gleichnamigen Hollywoodklassikers mit Humphrey Bogart und Katherine Hepburn in den Hauptrollen diente. Als Schiff für den Film fungierte aber nicht die "Liemba" - die original "African Queen" schippert seit einem Jahr Touristen über den Nil.

"Die 'Liemba' war sehr wichtig für die Geschichte Tansanias und jetzt ist sie sehr wichtig für die Menschen am Ufer des Tanganjikasees", sagt Kapitän Mwanjisi. Bis zu 600 Passagiere finden auf dem weiß getünchten Schiff Platz. 1997 benutzte die UNO es, um mehr als 75.000 Kriegsflüchtlinge aus der Demokratischen Republik Kongo zurückzubringen.

Wird die Liemba noch einmal generalüberholt?

Die 600 Kilometer lange Überfahrt vom tansanischen Kigoma im Norden ins sambische Mpulungu im Süden ist eigentlich in drei Tagen zu schaffen, doch die vielen Stopps ziehen sie in die Länge. Zudem ist das Schiff altersschwach und muss ständig gewartet werden. Ohne eine Generalüberholung wird es bald nicht mehr fahrtüchtig sein. Tansania bat bereits 2011 die deutsche Regierung, die Reparatur zu unterstützen.

Möglicherweise aber ist es günstiger, die "Liemba" durch ein neues Schiff zu ersetzen. Das wäre das Ende einer hundertjährigen faszinierenden Geschichte. "Es hat die Geschichte unseres Landes an Bord", sagt Bertram Mapunda, Historiker an der Universität Daressalam in Tansania. Er schlägt deshalb vor, das Schiff zu erhalten wie andere Relikte aus der deutschen Kolonialzeit.

Lai Bakari Kiunguti hat unter Deck einen Verkaufsstand für die Passagiere eingerichtet. Hier verdient sie ihren Lebensunterhalt. "Wenn die 'Liemba' nicht mehr fährt, muss ich zu Hause bleiben", sagt sie. "Dann bin ich arm - eine andere Arbeit werde ich kaum finden."

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Quelle: n-tv.de, Chris Oke und Erin Byrnes, AFP

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