Panorama

Tote "Gorch Fock"-Kadettin Den Eltern bleiben Fragen und Misstrauen

82485258.jpg

Gorch Fock

(Foto: picture alliance / dpa)

Für die Staatsanwaltschaft war der Tod der jungen "Gorch Fock"-Kadettin vor acht Jahren ein tragischer Unfall. Daran zweifeln ihre Eltern bis heute. Vor dem Oberverwaltungsgericht kassierten sie eine Niederlage, aufgeben wollen sie aber nicht.

Am Ende eines rund zwölfstündigen Prozesstages um den noch immer rätselhaften Tod der «Gorch Fock»-Kadettin Jenny Böken vor acht Jahren steht Ernüchterung und eine Kampfansage: Auch wenn sie nach dem Urteil des Oberverwaltungsgerichts Münster im Streit um eine Entschädigungszahlung von 20.000 Euro Euro leer ausgehen, wollen ihre Eltern nicht aufgeben. 

Für sie ist es ein Kampf David gegen Goliath. Sie wollen weitermachen in diesem Ringen um Antworten auf die Frage, was genau geschah in dieser verhängnisvollen Septembernacht, als ihre Tochter über Bord des Segelschulschiffes der Bundeswehr ging und ertrank. 

War Jenny gesund genug?

Elf Tage später wurde ihre Leiche aus der Nordsee geborgen. Seither zweifeln ihre Eltern daran, wovon die Staatsanwaltschaft überzeugt ist: Dass der Tod der jungen Frau aus dem nordrhein-westfälischen Geilenkirchen bei Aachen ein tragischer Unfall war. 

Für Marlis und Uwe Böken tun sich noch immer zu viele Fragen auf: War Jenny gesund genug, um Wachdienst zu schieben? Tragen Dritte Schuld am Tod ihrer Tochter? Was wusste der Schiffsarzt über ihre von allen Zeugen bestätigte Neigung überall einzuschlafen? Die Bökens fühlen sich im Stich gelassen von der Justiz. Versuche den Schiffsarzt zur Verantwortung zu ziehen, scheiterten bislang.

An die Verhandlung vor dem Oberverwaltungsgericht in Münster hatten sie sich daher wie an einen Strohhalm geklammert. Und zwar nicht, weil es um eine Entschädigungszahlung von 20.000 Euro ging. "Das ist mir ganz egal", betonte Vater Uwe Böken. 

Klage abgewiesen, Revision nicht zugelassen

Vielmehr hätten sie das Verfahren angestrebt, in der vagen Hoffnung, dass die geladenen Zeugen "die Mauer des Schweigens durchbrechen" würden, wie ihr Anwalt Rainer Dietz es nannte. Zumindest hofften sie auf die Chance, die vielen Ungereimtheiten der Todesumstände offenzulegen, um die Staatsanwaltschaft doch noch zu Ermittlungen zu bringen.

Allzu hohe Erwartungen hatte der Vorsitzende Richter Hans-Jörg Holtbrügge zum Auftakt jedoch gedämpft: In dem Berufungsverfahren gehe es allein um die Entschädigungsklage der Eltern nach dem Soldatenversorgungsgesetz. Es sieht Zahlungen an Hinterbliebene vor, wenn ein Soldat in einem besonders lebensgefährlichen Dienst ums Leben kommt - aber eben nur dann.

Die besondere Lebensgefahr konnten die Richter auch nach acht Zeugenaussagen und vielen Nachfragen aber nicht erkennen. Das Schiff habe ruhig und stabil im Wasser gelegen. Das Wetter habe keine besondere Sicherung notwendig werden lassen. Auch Jennys Gesundheitszustand habe nicht gegen die Borddienstfähigkeit gesprochen. Die Klage werde abgewiesen, eine Revision nicht zugelassen. 

"Das Schiff lag sehr stabil im Wasser, ruhig"

Der Himmel klar, die See relativ ruhig - so erinnerten sich im Zeugenstand auch zwei ehemalige Kameradinnen an die Nacht. An Bord sei immer wieder Thema gewesen, dass Böken häufiger einfach so einnickte. Einzelheiten wussten sie nicht mehr, manches in ihren Aussagen wich ab von dem, was sie bei früheren Vernehmungen angegeben hatten. "Das Schiff lag sehr stabil im Wasser, ruhig", gab auch der damalige Kommandant Norbert Schatz zu Protokoll. Es habe keinen Anlass gegeben, Schwimmwesten oder andere Sicherungen anzulegen. 

Befragt wurde auch eine damalige Sanitäterin. Sie nannte die junge Kadettin einen "Stammgast" im Lazarett. In der Krankenakte hatte sie notiert, dass sie sich Sorgen mache - das ständige Einschlafen, Bauchbeschwerden. Dann habe Jenny den Satz gesagt, "auch wenn ich tot wäre, es würde keinen interessieren". Ihre Bedenken habe sie auch dem Schiffsarzt mitgeteilt. Was sie in der Akte notierte, war später jedoch verschwunden - alles Wasser auf die Mühlen der Bökens. 

Der Schiffsarzt widersprach im Zeugenstand aber vehement: Jenny Böken habe zwar Unterleibsprobleme gehabt, sei aber am Unglückstag nahezu beschwerdefrei gewesen. Etwas Gegenteiliges habe ihm auch die Sanitäterin nicht mitgeteilt.

"Strafanzeigen gegen Verantwortliche"

Klarheit zu den genauen Todesumständen bringt der Richterspruch am späten Abend nicht. Für Anwalt Dietz gibt es jedoch eine Gewissheit: Er will weitermachen, bereite neue "Strafanzeigen gegen Verantwortliche" vor.

"Wir wissen nicht, was passiert ist", sagte auch der Richter in seiner mündlichen Urteilsbegründung. Genau das quält Eltern und Anwalt: "Muss man da nicht endlich ermitteln? Das ist doch unerträglich."

Quelle: n-tv.de, Florentine Dame und Carsten Linnhoff, dpa

Mehr zum Thema