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Reinhold Messner 60 Jahre nach der Erstbesteigung "Der Everest ist banalisiert"

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Reinhold Messner - Bergsteiger-Ikone.

Am 29. Mai 1953 riskiert Sir Edmund Hillary bei der Erstbesteigung des höchsten Bergs der Erde noch sein Leben. Dank Leitern, Seilen und Ketten ist der Gipfel des Mount Everest 60 Jahre später selbst für Touristen zu erreichen. Ein dramatischer Wandel. Ein alter Bekannter Hillarys, Bergsteigerlegende Reinhold Messner, berichtet im Gespräch mit n-tv.de von abenteuerlichen Zeiten auf dem 8000er – und einer neuen Ära des Selbstbetrugs.

n-tv.de: Finden Sie es erstaunlich, dass es nur 60 Jahre nach der Erstbesteigung Massentourismus auf dem Everest gibt?

Reinhold Messner: Nein. Das ist im Grunde die Wiederholung der Entwicklung in den Alpen. Der Mont Blanc wurde 1786 das erste Mal bestiegen. Ich würde sagen, 50 Jahre später gab es dort schon Massenaufstiege. Und wenn die Entwicklung in der Ausrüstung, in der Kommunikation - denken Sie ans Satellitentelefon - oder bei Rettungsmöglichkeiten mit Hubschraubern so weitergeht, dann ist klar, dass früher oder später auch am Everest touristische Entwicklungen stattfinden. Es ist verständlich, das alle Leute auf den Everest wollen. Vor zehn Jahren habe ich zusammen mit Sir Edmund Hillary bei der Regierung von Nepal vorgesprochen, sogar beim König selber, um den Everest-Tourismus einzudämmen. Aber wir sind da nicht durchgedrungen.

Was unterschätzen denn die heutigen Bergsteiger? Ist das eher die physische oder die psychische Belastung?

Ich glaube nicht, dass die den Berg unterschätzen. Aber sie nehmen den Berg, wie er heute ist. Nur ist der Everest heute nicht mehr der Everest, den Hillary und Tenzing vor 60 Jahren bestiegen haben. Für mich ist der Gipfel des Everest heute der Gipfel des Selbstbetrugs. Sie sagen sich: Wir steigen auf den gleichen Everest, auf den Hillary und Tenzing gestiegen sind. Aber damit belügen sie sich nur. Denn in Wirklichkeit steigen sie auf einen in Ketten, Seile und Leitern gelegten Everest. Denn nur so ist es möglich, dass da nichts passiert. Ich garantiere Ihnen: Von den 1000 Leuten, die jetzt zum Everest reisen, würden vielleicht einer oder zwei hinaufkommen, wenn es der Everest von Hillary wäre, also ein nicht präparierter Berg. Also, man muss schon Kondition haben und der Aufstieg ist immer noch gefährlich und anstrengend. Aber das hat nichts mitdem Berg zu tun, wie er früher war.

Wie unterscheidet sich die Motivation dieser Bergsteiger von Ihrer?

Das ist eine subjektive Angelegenheit, das kann ich nicht messen. Ich glaube aber, dass der Gipfel des Everest immer auch der Gipfel der Eitelkeit war. Das ist etwas anderes als der Gipfel des Selbstbetrugs, der er heute ist. Der Everest ist ein besonderer Berg, weil er der höchste ist. Er ist ein Rekord an sich. Und da spielt die Eitelkeit mit hinein. Ohne Maske auf den Everest gestiegen zu sein, lässt den Kopf schon ein bisschen wachsen. Ich bin da ganz ehrlich. Das ist geblieben, denn jeder, der auf den Everest steigt, steigt auf einen besonderen Berg. Aber wenn es ein großer, wilder Berg ist, dann sind die Chancen, raufzukommen, fast null. Hillary wusste damals genau, wie komplex es ist, da hinaufzukommen. Heute ist der Everest aber kein wilder Berg mehr, er ist präpariert von unten bis oben.

Ging es Ihnen bei Ihren Besteigungen um die Rekorde?

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Messner am Berg. Inzwischen lässt er es ruhiger angehen.

(Foto: Movienet Film)

Ich war nie auf Rekordjagd. Das war nicht mein Ziel. Mein Ziel war immer, dorthin zu gehen, wo man umkommen könnte und nicht umzukommen. Die Kunst ist, nicht umzukommen. Ich bin der absolut Kranke, der schizophren in der Welt herumläuft. Ein vernünftiger Mensch, der nicht umkommen will, geht dort nicht hin, wo er umkommen könnte. Aber das ist nach wie vor mein Spiel. Deswegen ist es ein Abenteuer. Sonst wäre es Sport. Ich bin ein traditioneller Alpinist und mein Unterwegssein am Berg ist Abenteuer und nicht Sport. Die 14 Achttausender, die ich bestiegen habe, sind nur eine Summe von Besteigungen, aber kein Rekord.

Sie haben den Everest zweimal bestiegen, einmal ohne Maske, dann im Alleingang. Haben sich dabei die Vorbereitungen unterschieden?

Zunächst musste ich herausfinden, ob der Berg überhaupt ohne Maske möglich ist. Ich hätte gar keine Chance gehabt, ihn mit Maske alleine zu besteigen. Ich hätte Helfer gebraucht, die das schwere Sauerstoffzeug in die 8000-Meter-Region bringen. Sie müssen wissen, dass in den 70er und auch noch den 80er Jahren die Sauerstoffausrüstung für einen Bergsteiger am Mount Everest 50 Kilogramm wog. Und die konnten sie nur mit Helfern nach oben schaffen, also Bergsteigern oder Sherpas. Und für diese Menschen brauchten sie eine Infrastruktur und deshalb gab es diese schwerfälligen Expeditionen. Erst als ich der Welt und mir selber gezeigt habe, dass es auch ohne Maske geht, war es denkbar, auch allein hochzusteigen. Die Besteigung ohne Maske war also die Voraussetzung für den Alleingang. Dieser war dann vor allem psychisch ein großes Problem, das heißt: Kann ich das überhaupt durchstehen, tagelang allein in der Kälte, in dieser Gefahr? Deshalb gab es vorher den Alleingang am Nanga Parbat. Danach wusste ich, dass ich das allein und ohne Maske kann.

Wenn man oben auf dem Mount Everest steht, kann man sich das in diesem Moment vergegenwärtigen oder ist man voll aufs Überleben fokussiert?

Man ist voll aufs Überleben fokussiert. Aber man weiß schon, dass man auf dem Everest steht. So weit reicht das Gehirn. Aber für viel mehr, für große philosophische Gedanken, ist da kein Platz.

Sie haben sich kritisch über Menschen geäußert, die sagen, dass sie sich dort dem Himmel besonders nahe fühlen.

Natürlich, wenn man da oben in der Masse steht und eine Piste da ist, kann man auch den Ausblick genießen. Wenn jemand aber allein da hochsteigt, will er nur wieder hinunter, wo es sicher ist. Das Romantisieren, das Idealisieren der Bergsteigerei ist für mich eine ganz schlimme Krankheit. Ich kann das nicht nachempfinden.

Das entspricht Ihrer Aussage, dass der Mount Everest für Sie in erster Linie eine Bergformation ist.

Der Mount Everest ist ein von der Kontinentalverschiebung hochgedrücktes Stück der Erdkruste. Aber wenn ich den Everest allein besteigen will, wird er für mich das wichtigste Objekt der Welt. Das heißt, den Sinn der Besteigung lege ich hinein. Auch wenn die Besteigung nicht nützlich ist. Die Besteigung des Everest ist so wenig nützlich, wie der Stratosphärensprung von Felix Baumgartner. Es ist eine großartige Geschichte, wenn ich es selber mache und dem eine Gewichtung gebe. Aber für die Menschheit ist es völlig egal, ob jemand da hinaufsteigt oder noch hinaufsteigen wird. Es ist keine Heldentat, es ist nur subjektiv wichtig.

Sie haben hervorgehoben, wie wichtig die Sherpas bei den Besteigungen des Everest sind. Mit der Messner Mountain Foundation wollen Sie Bergvölkern helfen. Geht es dabei auch um das Volk der Sherpas?

Nein. Ich habe zwar in einem Seitental der Sherpa eine Schule mitfinanziert, aber das ist nicht mehr reines Sherpa-Gebiet. Ich fokussiere mich nicht auf die Sherpas, weil sie der reichste Stamm Nepals geworden sind. Das sage ich mit Lob und Respekt. Sie sind das geworden, weil Sir Edmund Hillary ihnen mit seiner Stiftung Schulen, Tourismus und Medizin gebracht hat. Hillary hat da großartige soziale Arbeit geleistet, die ich noch mehr schätze als seine Bergsteigerei. Die Sherpas sind heute die erfolgreichsten Unternehmer Nepals. Die Hubschrauberfirmen, die Trekkingfirmen, die großen Sportgeschäfte gehören alle Sherpas. Und das nicht nur oben in den Bergen.

Dabei profitieren die Sherpas ja gerade vom Massentourismus am Everest.

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Der Mount Everest - "banalisiert".

(Foto: Reuters)

Ja, sie profitieren davon und das ist auch gut so. Die Sherpas leisten die Arbeit, präparieren die Wege, sind Köche und Träger und deponieren den Sauerstoff. Ich sage nur: Die Sherpas würden auch gut leben, wenn sie vom Trekkingtourismus leben würden und weniger Menschen auf den Berg hinaufzögen. Nur stagniert der Trekkingtourismus am Everest, weil dem Berg das Flair genommen wurde. Ich steige lieber auf einen Everest, der eine starke Ausstrahlung hat, weil eben nur wenige Menschen hinaufkommen, als auf einen Everest, auf dem Kinder - zuletzt war ein 13-Jähriger oben - und Greise spazieren gehen. Ich habe nichts gegen diese Besteigungen, nur ist der Berg einfach banalisiert. Das ist jammerschade.

Auf welche Gebiete konzentriert sich dann Ihre Stiftung?

Ich habe im Moment vor allem im Westen des Himalayas investiert. Zudem hat man mich gebeten, im Langtang-Tal in Nepal eine Schule mitzufinanzieren. In den nächsten Jahren werde ich mich in Westnepal engagieren, weil man dort noch viel tun kann. Aber auch in den Anden und in Ostafrika ist soziale Arbeit notwendig. Man muss diesen Bergvölkern die Chance geben, sich so zu bilden, dass sie - wenn sie die Berggebiete verlassen müssen, weil es oben nicht genügend Arbeit und Essen gibt - nicht Sklavendienste leisten müssen, weil sie weder schreiben, rechnen noch lesen können.

Zum 60. Jahrestag der Erstbesteigung reisen Sie nach Nepal. Wird es da ein Treffen mit Besteigern geben?

Ja, geplant ist eine Sendung zum Status Quo am Everest nach 60 Jahren. Ich bin der Moderator und schaue mir das an. Im Basislager werde ich alle Bergsteiger, die dazu bereit sind, um eine Urinprobe bitten. Sie wissen warum?

Wegen Doping?

Ja, was glauben Sie, wie viel dort gedopt wird?

Mit Reinhold Messner sprach Markus Lippold

Quelle: n-tv.de

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