Panorama

Designerdrogen auf dem Vormarsch Der Gewalt-Rausch kommt per Post

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Designerdrogen kommen als Pulver oder in Tablettenform.

(Foto: dpa)

Designerdrogen überschwemmen das Land. Sie sind leicht zu haben - aber kaum berechenbar. Ihr Effekt: oft völlig offen. Es kommt mitunter zu schrecklichen Gewaltausbrüchen oder schweren Depressionen.

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Schmutzige Szene: ein Fixer in St. Georg, Hamburg.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Hamburg-Hauptbahnhof, die Seite Richtung St. Georg. Seit Jahrzehnten dominiert das Drogenmilieu den Stadtteil. In den Hauseingängen ziehen junge Frauen hastig an ihren kleinen Crack-Pfeifen. An der Ecke steht ein bärtiger Mann, vollgepumpt mit Schlafpillen. Er wankt gefährlich nahe am Straßenrand. Hier ist die alte Szene zu Hause: Fixer, Stricher, Junkies. Hier leben die alten Drogen: Heroin, Kokain, Crack, Speed. Die Bewohner des Bahnhofsviertels haben sich längst an so manchen verstörenden Anblick gewohnt. Mittelstand und Elend, hier leben zwei Gegensätze in meist friedlicher Koexistenz.

Die Zeit der Substanzen, die in den 80er Jahren Künstler kreativ machten, geht dennoch langsam vorbei. Mit Asche gestrecktes Heroin, auch H oder Shore genannt, führt zur langsamen Verelendung, Crack macht so verrückt, dass die User kaum noch schlafen, Kokain ist extrem teuer. Insgesamt verzeichnen die Behörden europaweit einen Rückgang des Konsums klassischer Rauschmittel. Im vergangenen Jahr starben 944 Menschen an übermäßigem Rauschgiftkonsum - so wenige wie seit 25 Jahren nicht mehr. Im Vergleich zum Jahr zuvor ist das ein Minus von 4 Prozent. Niedriger als 2012 lag die Zahl der Drogentoten zuletzt mit 670 im Jahr 1988. Der Polizei fielen 2012 exakt 19.559 Konsumenten harter Drogen erstmals auf. Dies entsprach im Vergleich zu 2011 einem Rückgang um immerhin 8 Prozent.

Auf dem Vormarsch hingegen sind die sogenannten Designerdrogen. Was sie ausmacht: Sie sind kein Nebenprodukt einer Substanz, die etwa in Medikamenten sinnvoll sein kann; vielmehr werden sie speziell produziert, um einen Rausch zu erzeugen. Es ist ihre ausschließliche Bestimmung, den Konsumenten high zu machen. Erst kürzlich verbot die Bundesregierung 26 Substanzen dieser Art. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Nachfrage ist so groß und die chemischen Möglichkeiten sind so vielfältig, dass was Neues auf dem Markt ist, ohne dass Verbotenes schon ganz verschwunden ist. 2012 gab es jeden fünften Tag eine neue Droge.

Der bisherige Rekord neuer Drogen in Europa aus dem Jahr 2011 wurde 2012 damit gleich um etwa 50 Prozent übertroffen. 2008 wurden 13 neue Substanzen gemeldet. Diese Zahl kletterte danach rapide auf 24 (2009), 41 (2010) und 49 (2011) und schließlich 73 (2012). Seit Einrichtung eines Frühwarnsystems im Jahr 1997 wurden inzwischen fast 300 neue Substanzen gemeldet, meistens in Fernost hergestellt.

Konsumenten bleiben unsichtbar

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Mechthild Dyckmans beobachtet für die Regierung das Drogenproblem.

(Foto: dpa)

Die Modedrogen kommen oft als Badesalz, Duftpulver oder Kräutermischungen getarnt daher, der Vertrieb läuft über das Internet. Die Substanzen  tragen exotische Namen wie "Extreme Summer", "Atomic Bomb" oder "Galaxy". Die Mehrheit der Designerdrogen sollen in der Wirkung Cannabis ähneln; die Palette der Nebenwirkungen ist jedoch deutlich gefährlicher. Kontrollverlust, Herzrasen, Wahnvorstellungen bis hin zu Selbstmordgedanken, Selbstverstümmelungen und Aggressionen gehören dazu. Aus den USA kommen verheerende Berichte: Dort haben Konsumenten im Rausch Kannibalismus betrieben oder Tiere mit bloßen Händen zerfleischt. Die oft sehr jungen Konsumenten spielten ein gefährliches Spiel, warnt die Drogenbeobachtungsstelle der EU. Sie seien in gewisser Weise "Versuchskaninchen", da man noch sehr wenig über die langfristigen Gesundheitsfolgen der Modedrogen wisse.

Ein weiteres Problem: Der Verkauf über das Netz macht die Konsumenten quasi unsichtbar. Während der Alt-Junkie in Hamburg St. Georg möglicherweise vom Stadtteil-Beamten im Blick behalten wird, weiß niemand mehr, wer was wo mit ein paar simplen Mausklicken bestellt. Die Droge wird auch nicht in einer dunklen Ecke übergeben – sie kommt per Post. Die EU schätzt, dass allein in den letzten zwei Monaten bis zu 50 Todesfälle auf Designerdrogen zurückzuführen sind. Das genaue Ausmaß bleibt jedoch unklar: Die Szene ist nicht greifbar, die Dunkelziffern dürften immens sein.

Mehr Klarheit gibt es beim Alkohol. Die Zahl der 10- bis 20-Jährigen, die wegen einer Alkoholvergiftung als Notfall behandelt werden mussten, stieg um 354 von zuletzt 26.349 im Jahr 2011. Erstmals überstieg die Zahl der Mädchen und Frauen mit 10.092 Fällen die Zehntausender-Marke. Mit 3,8 Prozent besonders stark gestiegen ist das Problem bei 10- bis 15-jährigen Jungen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, sieht bei der Vorstellung des Drogenberichts 2013 einen "besonderen Handlungsbedarf".

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Crystal ist billig und leicht herzustellen, es schwappt zurzeit aus dem Osten nach Deutschland.

(Foto: dpa)

Alkohol ist sowieso die Alltagsdroge Nummer eins. So trinken 44,6 Prozent der 18- bis 29-jährigen Männer deutlich zu viel. Insgesamt trinken Frauen zu 27,2 Prozent gefährlich viel. Mit 9,6 Litern pro Kopf sei der Alkoholkonsum in Deutschland sehr hoch: "Durch Alkoholmissbrauch entstehen in Deutschland erhebliche gesundheitliche und ökonomische Schäden", klagt Dyckmans.

"Zombie-Droge" kommt

Jugendliche trinken, rauchen und kiffen unterm Strich aber weniger als noch vor zehn Jahren. "Wir sind darüber natürlich froh", so Dyckmanns. Bei den 12- bis 17-Jährigen ist der regelmäßige Alkoholkonsum von 17,9 auf 14,2 Prozent im Jahr 2011 gesunken. Der Tabakkonsum habe sich auf 11,7 Prozent mehr als halbiert. Der Cannabiskonsum sank von 9,2 auf 4,6 Prozent. Das sind die guten Zahlen. Die schlechten: Vor allem in Sachsen und Bayern greifen Jugendliche vermehrt zu Crystal. Das billige Rauschgift wirkt schnell, macht kräftig high – aber auch umgehend süchtig. Meist kommt es aus tschechischen Drogenküchen.

Mit 75 Kilogramm stellte die Polizei 2012 so viel Crystal sicher wie noch nie - mit 3512 Fällen, in denen Beamte auf den Stoff stießen, gab es doppelt so viele wie bei Ecstasy. Allein im Bundesland Sachsen gab es 40 Prozent mehr Beratungsbedarf wegen der sogenannten "Zombie-Droge". Dyckmanns sagt, dass Crystal kein bundesweites Problem sei. Doch es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis das Gift von der Grenze im Osten Richtung Westen wandert.

Quelle: n-tv.de

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