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Sterbeamme Johanna Wilke "Der Tod ist für mich wie ein Freund"

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Tod und Leben sind für Johanna Wilke auf unausweichliche Weise miteinander verknüpft.

Johanna Wilke (privat)

Johanna Wilke ist 28 Jahre jung. Jeden Tag begegnet sie Trauer und Schmerz, denn sie begleitet Menschen am Ende ihres Lebens - als Sterbeamme. In ihrem Blog Trauer-in-Liebe ermutigt sie jeden, sich der eigenen Sterblichkeit bewusst zu werden. Im Interview mit n-tv.de verrät sie, warum sie an ein Leben "danach" glaubt und warum der Tod weiblich ist.

n-tv.de: Frau Wilke, haben Sie Angst vor dem Tod?

Johanna Wilke: Nein, Angst habe ich keine. Der Tod ist für mich wie ein Freund, der mich jeden Tag auf's Neue daran erinnert, mein Leben bewusst und aus ganzem Herzen zu leben.

War das schon immer so?

Im Grunde ja! Seit meiner Kindheit wurde in meiner Familie sehr offen mit dem Thema Tod umgegangen. Verlusterfahrungen im Familien- und Freundeskreis und bei den eigenen Haustieren sind immer achtsam mit Ritualen versorgt worden.

Sterbeamme

Eine Sterbeamme kennt sich mit den Sterbe- und Trauerphasen und mit den vielschichtigen Prozessen und den komplexen Gefühlswelten um Sterben, Tod und Trauer aus. Sie begleitet Sterbende und Angehörige während des Sterbeprozesses, im Tod und in der Trauer. Ihre Aufgabe ist es, Ängste zu lösen und einen heilsamen Abschiedsprozess für alle Beteiligten zu fördern.

Junge Mädchen wollen Prinzessin, große Mädchen Filmstar werden. Warum sind Sie ausgerechnet Sterbeamme geworden?

Weil ich für mich schon immer wusste, dass ich beruflich einer Aufgabe nachgehen wollte, die mich ganz nah an die wesentlichen Fragen in diesem Leben heranführt – ich wollte mich schon immer vom Leben berühren lassen. Ich war auf der Suche nach echten und authentischen Begegnungen und habe diese letztendlich in der Berührung mit Menschen gefunden, die sich den Fragen nach dem Sinn des Lebens durch die unmittelbare Präsenz des Todes stellen mussten.

Eine Sterbeamme begleitet Menschen am Ende ihres Lebens über die letzte irdische Schwelle. Glauben Sie an ein Leben "danach"? Und wenn ja, was ist dann der Tod?

Ja, ich glaube, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Dieser Glaube stärkt mich jeden Tag in meiner Arbeit und hilft mir, den Menschen, die ich begleite, Zuversicht und Hoffnung zu schenken. Ich glaube, dass der Tod einen Übergang in eine andere Zeit beschreibt, nicht mehr und nicht weniger.

Was macht den Menschen Ihrer Erfahrung nach mehr Angst: der eigene Tod oder der eines geliebten Kindes, Partners, Freundes?

Die meisten haben große Angst davor, geliebte Menschen zu verlieren, der eigene Tod macht ihnen oft weniger Angst.

Weil sie die Endlichkeit des eigenen Lebens ausblenden?

Vielleicht! Ich glaube aber viel mehr, dass die tiefen Gefühle, die man nach dem Tod eines geliebten Menschen erfährt, Angst machen. Die Sorge, diese nicht aushalten zu können und von der Wucht des Lebens mitten ins Herz getroffen zu werden, das macht Angst. Wie die Dichterin Mascha Kaléko schon sagte: "Den eigenen Tod, den stirbt man nur, aber mit dem Tod der anderen muss man leben." Und gerade deshalb ist es so wichtig, besonders in der Zeit zwischen Tod und Bestattung, aber auch weit davor und darüber hinaus, sich mit dem Sterben und dem Tod auseinanderzusetzen. Denn Trauer in all ihren Facetten ist ein Gefühl mitten aus dem Leben, es ist Leben und Lebendigsein, und erst der Tod macht das möglich.

Tag für Tag erleben Sie Trauer und Schmerz. Wie schützen Sie sich selbst davor?

Ich schütze mich, indem ich mich von dem Schmerz der Menschen berühren lasse. Ich öffne mein Herz und schaffe Räume, in denen der Schmerz und die Trauer der Menschen Anerkennung finden. Und genau das übe ich auch in der Erfahrung meines eigenen Schmerzes und meiner eigenen Trauer. Ich glaube fest daran, dass das Fühlen und Erfahren mich auf besondere Weise stärkt und letztendlich auch vor einem inneren Zusammenbruch schützt.

Sie haben den Tod einmal als "weiblich" bezeichnet, was meinen Sie damit?

In meiner Vorstellung ist der Tod eine Tödin. Mir gefällt das Bild, dass mich im Moment meines eigenen Todes die wärmenden und beschützenden Arme einer Frau umfangen und sie mich, geborgen in ihrem Schoß, behutsam hinüberbegleitet in die andere Zeit.

Sie bieten auf Ihrer Homepage "Trauer in Liebe" eine Trauerbox an. Was hat es damit auf sich?

Die Trauerbox ist ein erstes Unterstützungsangebot für Menschen, die kürzlich mit dem Verlust eines geliebten Angehörigen konfrontiert wurden. Da nur wenige wissen, was sie für sich in dieser Situation tun können, habe ich eine Art Ratgeber verfasst, der wie ein liebevoller Begleiter die Menschen in ihrer Situation ermutigt und unterstützt, zu fühlen und ihre Bedürfnisse zu erkennen. Die Trauerbox hilft aber noch mit weiteren wertvollen Inhalten dabei, den Schock zu versorgen und den eigenen Bedürfnissen in der Trauer Raum zu geben. Sie ist auch ein Abbild des sich verändernden Trauerprozesses. Denn die Inhalte der Trauerbox - der Ratgeber "Kompass für die Trauerwanderung", der Aufsteller "Ermutigende Zitate und Worte in der Zeit der Trauer", die Kerze, die Rescue-Pastillen, der Handschmeichler und die Begegnungsbriefe - finden einen Platz an der Seite des Trauernden. Die Trauerbox selbst kann dann nach und nach aus den persönlichen Dingen des Verstorbenen zu einer Erinnerungsschatzkiste umgestaltet werden. Man kann sie bekleben und befüllen und geht so in eine intensive Auseinandersetzung mit dem Verlust. Wer mag, kann diese Schatzkiste mit all ihren einmaligen Erinnerungsschätzen zu besonderen Anlässen hervorholen, ihr einen besonderen Platz im Haus widmen oder andere einladen, selbst etwas hineinzulegen. So findet der Verstorbene einen Platz mitten im Leben.

Mit Johanna Wilke sprach Diana Sierpinski.

Quelle: n-tv.de

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